Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

tibetanische hochebene 564


Vor langer Zeit bedrückte Häuptling Nanda vom Amdo-Stamm in der tibetanischen Hochebene eine wichtige Sorge. Er erspürte das Ende seiner Tage und es drängte die Zeit, einen Nachfolger für die Führung des Stammes zu finden. Laut ihren Gesetzen musste dies jemand aus seiner Blutslinie sein. Dadurch kamen nur seine drei Söhne in Betracht. Doch wen von den Dreien sollte er für diese Aufgabe auswählen?

Zunächst wendete er sich an den Abt des nahegelegenen buddhistischen Klosters. Jener riet ihm, bei einer Wanderung um den heiligen Manasarovar-See um Eingebung zu bitten. Er solle dabei nach einem toten, vertrockneten Fisch Ausschau halten. Diesen solle dann über Nacht unter sein Kopfkissen legen.

Nach kurzer Zeit der Wanderung fand Nanda einen entsprechenden Fisch. In der darauffolgenden Nacht träumte er, den Berg Kailash zu besteigen, was noch niemanden zuvor gelungen war.

Nanda deutete seinen Traum dergestalt, dass der Berg seinen Nachfolger auswählen würde. Er rief seine drei Söhne zu sich und sprach: "Keinem ist es bisher gelungen, den Berg Kailash zu bezwingen. Wandert dort hin und versucht euer Glück. Wem es gelingt, der möge der künftige Stammesführer sein."

Meru - Kailash

berg kailash 250Der Kailash ist der heiligste Berg für Buddhisten und Hindus. Viele halten ihn für den sagenumwobenen Berg Meru. Der Berg ist aus Rücksicht auf seine religiöse Bedeutung bisher unbestiegen. Vielleicht bis auf eine Ausnahme. "Kein Ort ist wundervoller als dieser", hat der Yogi Milarepa (1052 - 1135) gesagt, der der Überlieferung nach als der einzige bisherige Besteiger des Berges gilt, an dessen Fuß er lange Zeit in völliger Abgeschiedenheit lebte. Reinhold Messner hatte eine Genehmigung für die Besteigung, verzichtete aber auf deren Ausführung.

In der Hatha Yoga Pradipika soll der Berg Meru als ein Symbol für den Haupt-Energiekanal Sushumna stehen.

 
 

Seinen drei Söhnen war die Unmöglichkeit dieser Herausforderung bewusst. Dennoch äußerten sie keinen Widerspruch, sondern verneigten sich und bereiteten sich jeder auf seine Weise für den kommenden Tag vor.

Im ersten Licht des nächsten Morgens verabschiedeten Nanda und alle Männer und Frauen des Stammes die drei Häuptlingssöhne. Die Blicke der Männer waren ernst, bei manchen der Frauen schimmerten die Augen feucht. Sie fürchteten ein Unglück beim Versuch des Aufstiegs auf den Berg, der aus Rücksicht auf seine heilige Bedeutung bisher noch niemals bestiegen worden war.

Am Fuße des Berges trennten sich die Wege der drei Söhne, ein jeder versuchte auf seine Art, den Berg zu besteigen. Sie umarmten einander und wünschten sich Glück. Häuptling Nanda verharrte indessen in seiner Jurte und betete für eine gesunde Rückkehr der Söhne.

Kurz nach der Mittagsstunde kehrte der älteste Sohn zu ihm zurück. Er teilte mit, dass der von ihm gewählte Pfad schon früh nicht mehr passierbar war. Nachdem er dreimal fast in eine Felsspalte gestürzt war, hatte er die Unmöglichkeit eingesehen und war zurückgewandert. Nanda nahm ihn in den Arm und bat, gemeinsam für die sichere Rückkehr seiner Geschwister zu beten.

Am späten Nachmittag trat der mittlere Sohn in die Jurte des Häuptlings. Auch ihm war der Aufstieg nicht gelungen. Seine Anstrengungen erkannte man an den Verletzungen und Schrammen auf seinen Händen und im Gesicht. "Es ist undurchführbar, Vater, den Berg zu besteigen. Kein Mensch hat es je geschafft und wird es auch niemals schaffen." Nanda drückte auch ihn und ließ sich wieder auf seinen Hocker nieder, nun nur noch für einen Sohn betend.

Die Dunkelheit war hereingebrochen als Nishpratya, der jüngste der Söhne, in die Jurte seines Vaters hineintrat. Zutiefst befreit ob der gesunden Rückkehr aller Söhne blickte der Häuptling erwartungsvoll in Nishpratyas Gesicht. Doch dieser schüttelte nur mit dem Kopf.

Nanda konnte die Enttäuschung in seiner Stimme nicht ganz unterdrücken. Mit gesengtem Kopf beklagte er: "Wie ich sehe, ist es auch dir nicht gelungen, der Aufgabe meines Traumes gerecht zu werden." Vielleicht hatte er seinen Traum falsch gedeutet?

"Für den Moment, nein", entgegnete Nishpratya.

Verwundert schaute Nanda zu ihm auf: "Für den Moment? Hast du eine Möglichkeit gefunden, wie es vielleicht morgen klappen könnte? Warst du nahe am Ziel?"

"Nein, ich konnte noch nicht einmal den Berggipfel sehen", entgegnete Nishpratya. "Doch hat der Kailash seine volle Höhe bereits erreicht. Ich aber wachse noch."

Nacherzählt nach einer alten Stammes-Geschichte von Peter Bödeker

Der Beitrag ist eingeordnet unter:

Auch interessant