Gelber Krug

Inhalt: Aidan Lavette und der wertvolle Krug

Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug

Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:

Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.

Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.

Der Krug wurde sehr zornig mit sich.

So ging es ein halbes Jahr lang. Der beschädigte Krug wurde von Tag zu Tag trübsinniger. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Mit Verzweiflung in der Stimme wendete er sich an die alte Chinesin und weinte:

"Verehrte Frau, ich schäme mich so. Stets verliere ich die Hälfte des Wassers auf dem Weg. Bitte schlagt mich in Stücke, ich kann meinen Lebenszweck nicht mehr erfüllen."

Die chinesische Hausdienerin reagierte ganz anders, als der Krug erwartet hätte. Liebevoll streichelte sie ihn über den Rand und bat ihn, am nächsten Morgen auf dem Rückweg vom Fluss doch einmal mit Achtsamkeit auf den Wegesrand zu blicken. Verwundert sagte ihr der Krug dies zu. Insgeheim war er sich aber sicher, dass dabei nichts herauskommen würde.

Der kaputte Krug erwachte mit dem ersten Morgenlicht. Er konnte es kaum erwarten, dass die alte Frau ihn holen und zum Fluss tragen würde.

Nun muss man zunächst wissen, dass die Hausdienerin den kaputten Krug immer auf der rechten Seite einhakte. Darum konnte der traurige Krug auf dem Hinweg zum Fluss nichts Besonderes am Wegesrand feststellen.

"Geduld", beruhigte ihn die alte Frau, "Rückweg hatte ich gesagt."

Als sie sich endlich auf dem Heimweg befanden, betrachtete der Krug seine Seite des Weges ganz genau. Überall wuchsen dort farbenprächtige Blumen, Bienen und Libellen brummten und summten dazwischen herum. Wie jeden Morgen pflückte die alte Frau einen kleinen Strauß und steckte ihn vorsichtig in ihre Tasche.

Wie hatte er diese Pracht in den letzten Monaten nur übersehen können? Der Krug meinte, es läge an seinen konzentrierten Bemühungen, den Sprung zu verschließen. Er hatte einfach kein Auge für die Natur gehabt.

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Am Hof angekommen fragte die alte Chinesin den Krug: "Und, ist dir etwas aufgefallen?"

"Ja, mir ist schon wieder die Hälfte des Wassers aus meinem Sprung geronnen."

"Das meine ich nicht, lieber Krug. Hast du denn die vielen Blumen nicht bemerkt."

"Doch, natürlich. Die haben mich sehr erfreut. Aber was habe ich damit zu tun?"

Die Alte lachte laut auf. "Lieber kaputter und wertvoller Krug, du. Ist dir denn gar nicht aufgefallen, dass auf dem gegenüberliegenden Wegesrand nur sandiger Staub zu sehen ist? Das war früher auch auf der jetzigen Blumenseite so. Seitdem du den Sprung bekommen hast, verlierst du auf dem Rückweg immer einen Teil des Wassers auf diesen Wegesrand. Irgendwann begannen die Blumen zu wachsen ... Seit dieser Zeit ist es für mich immer eine Freude, diesen Weg entlangzugehen.

Jeden Morgen pflücke ich einige Blumen und lege sie meinem Herrn auf den Frühstückstisch. Er ist voll des Lobes. Und das alles dank dir und deinem Sprung. Mögest du noch lange durchhalten, mein Freund."


Aidan hatte diese Geschichte lange beschäftigt. War er doch als Geist im Vergleich mit einem normalen Menschen ganz schön lädiert ...

Schließlich war ihm der Gedanke gekommen, dass er als unsterbliches Geistwesen viele Begebenheiten in seinem Leben erlebt und gehört hatte. Könnte es sein Beitrag sein, diese Geschichten einem breiten Kreis an Menschen bekannt zu machen?

Da hatte Aidan zum ersten Mal gespürt, dass man sich auch als Geist unglaublich freuen kann.

(c) Peter Bödeker

Bezüge zur Yoga-Philosophie in der Geschichte: Unvollkommenheit im Yoga Alltag nutzen

Die kleine Erzählung von Aidan Lavette und dem kaputten Krug ist mehr als eine hübsche Anekdote – sie birgt mehrere Parallelen zur Philosophie des Yoga.

Achtsamkeit & Gegenwärtigkeit

Der Krug erkannte erst, als er bewusst auf den Rückweg blickte, die Blumen am Wegesrand. Dies erinnert stark an das yogische Prinzip der Achtsamkeit oder Präsenz: Im Alltag wahrzunehmen, was ist, statt nur dem Ziel nachzujagen. In der Yoga-Philosophie wird häufig betont, dass Körper, Geist und Atem im Hier und Jetzt verbunden sind. Der Krug war so sehr damit beschäftigt, den Sprung zu verschließen (also auf ein Ergebnis fixiert), dass er das Jetzt aus den Augen verlor – genau wie wir manchmal in unserem Yoga-Alltag.

Akzeptanz und Transformation der Schwäche

Der Krug sieht seinen Riss als Makel – und bittet um Zerbrechen. Die Hausdienerin aber sieht darin einen Nutzen: Der Riss lässt Wasser verloren gehen – aber er ermöglicht Blumenwachstum am Weg. Das ist eine starke Metapher für das yogische Verständnis von Karma, von Ursache & Wirkung, und von der Idee, dass auch Schwächen, Verluste oder „Mängel“ nicht ausschließlich negativ sein müssen. 

Im Yoga sprechen wir von Nicht-Anhaftung (Aparigraha) und Nicht-Gewalt (Ahimsa) auch gegenüber uns selbst – also: darf ich meine eigene Verletzlichkeit anerkennen, statt ständig dagegen anzukämpfen?

Der Krug darf also „kaputt“ sein – und wird dennoch wertvoll. Das ist eine schöne Parallele zur yogischen Haltung, in der Perfektion nicht das alleinige Ziel ist. Wir können uns fragen: „Welchen „Sprung“ habe ich in meinem Leben?“

Weisheit in den „kleinen Details“

Die Hausdienerin nutzte den Verlust des Wassers nicht als Problem, sondern als Geschenk: Blumen wuchsen, Freude entstand, der Weg bekam Bedeutung. Im Yoga geht es oft darum, in den kleinen Gegebenheiten des Lebens, in den scheinbar unwichtigen Details, Sinn zu erkennen – und nicht nur im großen Ziel der Erleuchtung. Die yogische Ethik-Lehre etwa spricht von den Yamas/Niyamas (ethische Regeln & persönliche Praktiken) als Alltagsschritte.

Dienst am Ganzen & Verbundenheit

In der Geschichte wird nicht nur der Krug betrachtet, sondern auch, wie sein „Mangel“ anderen dient – der Hausfrau, dem Hof, dem Herrn des Hauses. Im Yoga-Gedanken gibt es das Prinzip, dass wir nicht isoliert sind, sondern Teil eines größeren Ganzen – Körper, Umwelt, Mitmenschen. Der Krug lernte: Mein Anteil ist größer als nur mein eigenes Schicksal. Das erinnert an yogisches Karma-Bewusstsein: Nicht nur was ich tue, sondern wie ich damit in Beziehung bin.

Fazit

Die Geschichte lädt ein zur Achtsamkeit, zur Transformation von Unvollkommenheit, zur Verbindung von Alltag und Spiritualität. Wenn du sie in deine Praxis oder deine Yoga-Stunden einbindest, kann sie helfen, nicht nur die Asanas, sondern das ganze Leben als Yoga zu begreifen.

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Antwort 1
Die Geschichte ist sehr berührend und hat mich speziell durch die unerwartete Wendung sehr bewegt. Danke dafür.
Unnötig, ja einengend, empfinde ich das Fazit am Ende. Warum braucht eine wunderbare Erzählung und deren Interpretation am Ende noch eine Zusammenfassung, mit einer „Bastelanleitung“ fürs Leben? Die Entfaltung der Wirkung wird dadurch behindert, nicht begünstigt.

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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