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weisheit elefant 564

Ein weiser Mann wanderte einst in den Wäldern, welche sich über die Täler des auslaufenden Himalaya-Gebirges erstrecken. Hin und wieder verweilte er um formschöne Steine, farbenfrohe Blumen oder zerklüftete Holzstücke zu betrachten.

Am Lauf eines wild mäandernden Gebirgsbaches entdeckte er einen faustgroßen Stein, der wie ein Kristall glitzerte. Die zahlreichen muldenförmigen Einkerbungen erinnerten den Weisen an die Krater auf der Mondoberfläche. Ohne zu ahnen, was er dort gefunden hatte, steckte er den Stein in seinen Lederrucksack und ging fröhlich pfeifend dem Abend entgegen.

Die Nacht verbrachte der Weise im Schutz einer berghohen Tanne, deren Äste am Boden eine Höhle mit Blick auf den Sternenhimmel formten. Trotz des verborgenen Schlafplatzes stand am nächsten Morgen ein unbekannter Mann neben der Schlafstätte des Weisen. Verschlafen rieb sich der Weise die Augen und fragte den Fremden, welches Anliegen ihn herführe.

"Mich hat ein Traum zu dir geführt", erklärte sich der Besucher, der sich als Bewohner eines nahen Dorfes zu Erkennen gab.

"Ein Traum?", sagte der Weise.

„Ja! Ich meine sogar, dass Gott mir diesen Traum gesendet hat. Woher hätte ich sonst wissen sollen, dass heute Nacht ein Wanderer unter der großen Tanne schlafen würde, der einen Schatz für mich aufbewahrt?"

Der Weise setzte sich auf und gähnte ausgiebig. "Einen Schatz? Ich? Bei mir findest du nur das, was ich auf dem Leibe trage." Er erhob sich und streckte sich, soweit es die herabhängenden Äste der Tanne erlaubten. Da fiel ihm der gestrige Steinfund ein.

diamant dunkel 564

 
 

"Moment", bat er und holte aus seinem Rucksack den Kristallstein hervor, "könnte dein Traum diesen Stein meinen?"

Der Dorfbewohner nahm den Stein in die Hand und sackte vor dem Weisen in die Knie. Seine Unterlippe begann zu zittern. "Da ... dada ... Das ist ein Diamant. Mindestens 1.000 Karat. Der ist ein Vermögen wert."

"Ich fand ihn gestern am Bach, talabwärts. Wie es scheint, soll er dir gehören. Ich schenke ihn dir. Möge er dir das Glück bringen, was du dir von ihm erhoffst."

Der Mann starrte ungläubig vom Stein zum Weisen und wieder zurück. Mit einem gehauchten "Habt Dank!" sprang er auf und lief in sein Dorf zurück.

Dort angekommen versteckte er den Diamanten unter einer Diele in seiner Hütte. Er erzählte niemanden von seinem Schatz, nicht einmal seiner Frau. Zuerst wollte er alles in Ruhe bedenken.

Als sich die Nacht über das Dorf senkte, wollte dem neureichen Dorfbewohner der Schlaf nicht ereilen. Ein bestimmter Gedanke rumorte in seinem Kopf. Immer wieder wälzte er sich von Seite zu Seite. Seine Frau nörgelte, dass er doch endlich mal Ruhe geben möge.

Schließlich fasste der Mann einen Entschluss. Er erhob sich aus dem Bett und eilte im Schein des Vollmondes zur großen Tanne. Zu seiner großen Freude fand er den weisen Mann noch darunter an. Er weckte ihn, fiel auf die Knie und sprach: "Verehrter Fremder. Ich bitte euch, lasst mich euer Schüler sein. Lehrt mich, mit solcher Gelassenheit einen Diamanten weggeben zu können."

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