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ying yang rahmenViveka-khyâtir aviplavâ hânopâyah
विवेकख्यातिरविप्लवा हानोपायः

Mit dieser Sutra nennt Patanjali die konkrete Fähigkeit, die unsere Unwissenheit beendet und uns dadurch zur Erlösung führt. Betont wird, dass wir uns um deren ständige Anwendung bemühen. Dazu gibt es eine Reihe konkreter Tipps und Empfehlungen.

Inhalt: Yogasutra Kapitel 2, Vers 26

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Viveka = Unterscheidungskraft; Auseinanderhalten; Unterscheiden;
  • Khyati, khyāti = Erkenntnis; Verständnis; Begreifen; Wahrnehmung; Wissen;
  • Viveka–khyâtih, viveka kyati = unterscheidende Erkenntnis (z. B. hier: Wahrnehmung des Unterschiedes zwischen dem Selbst und dem Nichtselbst); andauerndes Unterscheidungsvermögen; Differenzierung;
  • Aviplava, a-viplava, aviplavâ = ungebrochen; ständig; kontinuierlich; nicht richtungslos; ununterbrochen;
  • Upaya, upāya = Mittel;
  • Hanopayah, hânopâyah = Mittel zur Aufhebung, zur Abschaffung, zum Ziel;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hervorhebungen weisen auf Besonderheiten der jeweiligen Übersetzung hin. Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Sukadev: „Das Mittel, avidya zu überwinden, ist ...“
  • Deshpande/Bäumer: „Die Schau der unterscheidenden Erkenntnis, die nicht mehr in die Irre geht ...“
  • Dr. R. Steiner: „Unterscheidungskraft ... und ... ununterbrochene Erkenntnis ...“
  • Coster: „... ist ein ständig zunehmendes Unterscheidungsvermögen.“
  • Feuerstein: „... die unaufhörlich unterscheidende Schau ...“
  • R. Palm: „... ununterbrochene Klarsicht der Unterscheidungsschau.“
  • R. Sriram: „Der direkte Weg zu diesem Ziel ist das Auseinanderhalten ...“
  • Govindan: „Ständig zu unterscheiden ...“
  • Iyengar: „Der ununterbrochene Fluss des unterscheidenden Erkennens ...“
  • Chip Hartranft: „Die scheinbare Unteilbarkeit des Sehens und des Gesehenen kann beseitigt werden, indem die Unterscheidung zwischen dem Bewusstsein und dem, was es betrifft, ununterbrochen gepflegt wird.“
  • R. Skuban: „... ununterbrochenes unterscheidendes Gewahrsein ...“
  • G. Pradīpaka: „Das Mittel (upāyaḥ) der Befreiung (hāna) ist unterscheidendes (viveka) Wissen (khyātiḥ), das keinerlei Verwirrung oder Störung (aviplavā) aufweist.“
  • 12koerbe.de: „Unterscheidungs-Gedankenklarheit, ununterbrochene, ...“
  • Hariharananda Aranya: „Klares und deutliches (nicht beeinträchtigtes) unterscheidendes Wissen ist das Mittel der Befreiung.“
  • I. K. Taimni: „Die ununterbrochene Praxis des Bewusstseins des Realen ist das Mittel der Auflösung (von Avidya).“
  • Swami Satchidananda: „Ununterbrochene unterscheidende Einsicht ist die Methode zu ihrer Beseitigung.“
  • Swami Prabhavananda: „Unwissenheit wird zerstört, indem man zur Kenntnis des Atman erwacht, bis keine Spur von Illusion mehr vorhanden ist.“
  • Swami Vivekananda: „Das Mittel zur Zerstörung der Unwissenheit ist die ungebrochene Praxis der Unterscheidung.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Das Mittel zur Beendigung ist die unaufhörliche Vision der Unterscheidung.

Zu den Quellen

Buchbesprechungen, Erläuterungen zur Auswahl der Übersetzungsvarianten und allgemeine Hinweise zur Sutraübersetzung findest du im zugehörigen Artikel. Hier nun die Kurzauflistung:

Bücher

Internetseiten

Dein Übersetzungsvorschlag

Hast du einen eigenen Übersetzungsvorschlag?

Wie würdest du diese Sutra übersetzen? Manchmal ergeben schon kleine Wortveränderungen ganz neue Aspekte. Trau dich ... :-)

 

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Punkt 3

gesicht hand augen buntDie Farbenvielfalt der Welt kann uns verwirren

Wo wir stehen

Wir befinden uns im zweiten Kapitel des Yogasutra von Patanjali. Es handelt von der „Praxis“. Patanjali beginnt das Kapitel mit dem Versprechen, dass Yoga die Leiden des Yogis vermindere und (irgendwann) zu Samadhi, zur allumfassenden Freiheit führe.

In Sutra II-3 bis II-11 schildert Patanjali die fünf Haupt-Hindernisse auf dem Yogapfad, die sogenannten Kleshas (Unwissenheit, Anhaftung, Ablehnung, Ego, Lebensdrang). Erste Wege zur Überwindung der Hindernisse werden angerissen (Gegenschöpfung, Meditation).

Sutra II-12 bis II-15 handeln von Karma (Folgen von Handlungen und Gedanken, die aufgrund der Kleshas geschehen) und dem inhärenten Leid von allem und jedem in dieser Welt. Grundübel ist dabei unsere Identifikation mit dem, was wir nicht sind.

Dann geht es bei den Sutras weiter mit den Schritten, das Leiden zu besiegen. Patanjali sieht es als „die“ Aufgabe des Yogis an, den Unterschied zwischen Sehenden und Gesehenem zu erkennen. Nach und nach sollte diese Erfahrung kultiviert und ausgebaut werden. So gelange man zur Freiheit – Kaivalya (auch mit „letzter Freiheit“, Isoliertheit (Alleinheit), höchster Befreiung oder „vollkommener Erlösung“ übersetzt.

Nachdem Patanjali in den Sutras II-18 und II-19 über Prakriti, die Natur/unsere Welt, gesprochen hat, geht er dann auf deren Beobachter, den Seher (Purusha) und dessen Wahrnehmung ein. Von Sutra II-20 bis Sutra II-26 erläutert Patanjali Grund und das Zustandekommen unserer Existenz, wie die Unwissenheit unser Dasein bestimmt und  dass Viveka Khyati, die Unterschreidungskraft oder unterscheidende Wahrnehmung, dauerhaft angewendet unsere Unwissenheit beendet. In den Sutras II-28 bis Sutra III-8 gibt Patanjali die konkrete Praxisempfehlung Ashtanga Yoga, um unser falsches Bild von der Welt – das Leid verursacht und unsere Befreiung verhindert – auch ohne großes spirituelles Talent zu überwinden.

Punkt 4

Was soll ich denn unterscheiden?

In Worten von Patanjali: Der Purusha (Wahres Selbst) soll erkennen, dass er nicht die Materie (die Welt, Prakriti) ist. „Ich bin nicht (nur) Körper, nicht Gedanke, nicht meine Eigenschaften usw. Darum geht es letztendlich.

Doch dieses Unterscheidungsvermögen kommt nicht von heute auf morgen. Es gilt, einen dahinführenden Erkenntnisprozess im eigenen Leben zu kultivieren und (vor allem) ständig zu trainieren. Der Pfad des Yogas mit seinen vielen Hilfen, Übungen und Lehren will dabei unterstützen.

Punkt 5

„Klein“ anfangen

In diesem Sinne kann man auch sagen, dass wir (zunächst) auch auf „niedrigeren“ Stufen Unterscheidungsvermögen entwickeln sollten. Dies kann in Form der folgenden Fragen geschehen:

  • Was ist heilsam und was nicht?
  • Was bringt langfristig Freude, was nur kurzfristiges Vergnügen mit unsäglicher Folge?
  • Was ist vergänglich und was bleibt dauerhaft?
  • Du kannst auch die Empfindung zur Entwicklung des Unterscheidungsvermögens nutzen:
  • Gefühlswahrnehmung mit gleichzeitiger Erkenntnis: Ich bin nicht dieses Gefühl.

Welche Frage(n) könnte man sich noch stellen?

Dein Vorschlag:

 

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Swami Satchidananda betont zusammenfassend, dass wir vor allem erkennen müssen, was dauerhaft und was vergänglich ist. Alles in dieser Welt könne man einem dieser beiden Aspekte zuordnen. Dadurch würden wir irgendwann unser Wahres Selbst erkennen.

Punkt 6

Ein Lebensprojekt

Bei steter Achtsamkeit wird das Üben des Unterscheidungsvermögens zu einer dauerhaften Herausforderung damit zu einer Lebenseinstellung. Govindan: „Um die Wahrheit zu begreifen, ist es notwendig, in jedem Augenblick auf Beobachterposition zu sein.“

Punkt 7

richtig falsch urteil wahl

Viveka Khyati – die Schau der unterscheidenden Erkenntnis

Die Unterscheidungsschau Viveka Khyati wird auch „Krone der Weisheit“ genannt. Patanjali fordert wie gesagt, diese ununterbrochen zu kultivieren. Wim van den Dungen: „Die Essenz des Yoga von Patañjali ist die Trennung („viyoga“) zwischen dem Seher und dem Gesehenen.“ Iyengar: „Man soll ... stets auf [dieser] höchsten Stufe der Bewusstheit und Aufmerksamkeit bleiben“. Niemals dürfe „der Strom der unterscheidenden Intelligenz“ versiegen.

Noch einmal: Es geht letztendlich um die Einsicht/Erkenntnis, dass der Seher (Drashtri oder Purusha) und das Gesehene, die Urnatur Prakriti, voneinander verschieden sind. Die Unterscheidung zwischen Sein und Schein (R. Sriram). Ein Nichterkennen dieses Unterschiedes wird von Patanjali als Nichtwissen (Avidya) bezeichnet.

Shankara war ein religiöser Lehrer und Philosoph des Hinduismus, der um 800 nach Christus lebte. Er systematisierte die Philosophie des Advaita Vedanta und hat sich später in Bezug auf das Yogasutra der „Viveka Khyati“ angenommen. Shankara nennt es die Unterscheidung zwischen Selbst und Nichtselbst – Atma-Anatma. Er forderte ebenfalls, sich laufend bewusst zu machen: Du bist nicht dein Körper, nicht deine Eigenschaften, nicht deine Erlebnisse, nicht deine Erinnerungen, nicht deine Gedanken usw.

Ziel ist es, diesen Wesensunterschied mit der Zeit auch zu fühlen und zu be-greif-en – die Wahrheit zu spüren. Wim van den Dungen: „Dies wird „die Vision der Unterscheidung“ („viveka-khyâti“) genannt, und wenn es unaufhörlich ist, ist die Befreiung fast schon erreicht.“ Zur vollständigen Befreiung muss aber (später) auch diese „Vision der Unterscheidung“ fallen gelassen werden.

Gemeint ist, sich des ganzen Tages bewusst zu sein, zu beobachten: Ich bin nicht dieser Körper, ich bin nicht dieses Gefühl etc. und ich bin schon gar nicht das Gesehene.

Manche sagen: Frage dich ständig:

"Wer bin ich?". 

Im Grunde könnten wir den Rat dahingehend deuten, permanent eine Form der Vipassana-Meditation aufrecht zu erhalten.

Dein Feedback / deine offene Frage an den Text

Ist etwas unklar geblieben?

Der Stoff der Sutras ist für uns heutige Menschen nicht leicht zu verstehen. Ist im obigen Text irgendetwas nicht ganz klar geworden? Vielen Dank vorab für jeden entsprechenden Hinweis oder eine Anregung:

 

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 Punkt 8

Übung zu Yoga Sutra II-26

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-26:

Übe diese Woche die Sakshi-Bhav-Technik des Beobachtens. Nehme dein Leben bewusst wahr, aber reagiere nicht sofort (innerlich und äußerlich) auf das, was du wahrnimmst. Wende diese Form der zurückhaltenden Achtsamkeit auf das weltliche Geschehen an und auf Phänomene im Inneren (Gefühle, Gedanken ...).

Mache dir schon während des Wahrnehmens bewusst: Ich bin nicht (dieses Gefühl, diese Handlung, diese Worte ...).

Mit der Zeit wirst du mehr und mehr zum Beobachter deines Lebens und erkennst: Ich bin nicht das Beobachtete. Das übt Viveka Kyati – die Schau der unterscheidenden Erkenntnis.

 

 Punkt 9

Punkt 10

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