Geschichte
Die Schuld und ihr Zorn
Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?
Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.
Du starrst auf den breitschultrigen Unhold, während der Schmerz in deine Schulter schießt. Der Vogel entflieht, Ärger flutet deinen Geist. Wie kann dieser Idiot ..."
Lächelnd schaut der Zen-Meister seinen Schüler an, der verständnisvoll nickt.
Der Meister fuhr fort: "Doch dann schaust du den Übeltäter ins Gesicht und erkennst, dass seine Augen völlig weiß sind. Du durchschaust: Ich zürne einem Blinden ..."
Das Nicken des Schülers endet abrupt.
"... und dein Zorn verschwindet. Dein Schmerz tritt in den Hintergrund, Mitleid über den Blinden kommt auf. Zudem scheint er sich auch weh getan zu haben. Du hörst seine Entschuldigung und winkst ab: Kein Problem, ist doch nichts passiert, ich hätte besser aufpassen sollen. Sie können doch nichts dafür..."
Der Trick
Der Zen-Meister beugt sich zu seinem Schüler hinab. "Wenn du erkennst, dass der Mensch blind ist, Callum, vergibst du ihm seine Schuld. Das ist der Trick, du musst dir bei einem Ärgernis sagen, dass der Mensch blind ist. Oder taub, je nachdem. Dann nimmst du den Vorfall die Schuld und kannst wesentlich leichter deinen Geist in Ruhe halten. Denn fast nie wird dir ein Mensch absichtlich Leid zufügen, er hat nur seinen eigenen Vorteil im Gewahrsein. Die bitteren Früchte seiner Tat übersieht er einfach."
Geschichte: Das leere Boot

Eine ähnliche Zen-Geschichte lautet folgendermaßen: Stelle dir vor, dein frisch renoviertes Boot wird auf einem nebligen See von einem anderen Boot gerammt. Zunächst ärgerst du dich über den unachtsamen Bootsführer. Dann erkennst du aber, dass das Boot leer ist.
Der Zorn verfliegt.
Hier lautet der Trick: Denke dir bei jedem Ärger vor, dass dich ein leeres Boot gerammt hat.
Nacherzählt von Peter Bödeker
Bezüge zur Philosophie des Yoga in der Zen-Geschichte
Die Erzählung vom Zen-Meister und seinem Schüler hüpft mehr über die Wortgrenze zwischen Buddhismus und Yoga, als man auf den ersten Blick denkt – und dennoch spiegelt sie Kernideen, die auch in der klassischen Yogaphilosophie ihren Platz haben. Was konkret auffällt:
- Ahimsa – Gewaltlosigkeit als Haltung
Das Prinzip von Ahimsa – also der bewussten Entscheidung, keinem anderen Wesen Leid zuzufügen, weder körperlich noch gedanklich – ist eines der zentralen ethischen Gebote der Yoga-Philosophie. Ahimsa steht im Ashtanga Yoga (dem achtgliedrigen Pfad nach Patanjali) ganz vorne als erstes der fünf Yamas (ethische Selbstbeschränkungen). Ihm zufolge bedeutet Yoga mehr als bloße körperliche Praxis: Es ist ein Lebensstil der Gewaltlosigkeit, des Mitgefühls und der Toleranz, besonders im Umgang mit anderen und auch mit sich selbst.
In der Geschichte erkennt der Schüler, dass der Unhold blind ist – ein Bild, das sich wunderbar in yogisches Vokabular übersetzen lässt: Nicht- verletzen heißt nicht nur, körperliches Leid zu vermeiden, sondern auch geistige Reaktionen wie Wut bewusst zu transformieren, statt sie blind aus dem Ego heraus auszuleben.
In manchen alten Yoga-Texten gehören Kṣamā (Vergebung) und Dayā (Mitgefühl) sogar offiziell zu den Yamas.
- Ahamkara – das Ego verstehen und entschärfen
In der Yogaphilosophie wird Ego oft mit dem Begriff Ahamkara beschrieben – dem Ich-Bewusstsein, das sich an Identität, Trennung und Selbst-Rechtfertigung klammert. Dieses Ego verwechselt Erfahrung mit „Angriff“ und „Verteidigung“, obwohl Realität und Wahrnehmung oft auseinanderklaffen.
Die Geschichte macht genau diesen Mechanismus sichtbar: Solange der Schüler den Menschen als „Idiot“ bewertet, reagiert sein Ego mit Zorn. Erst als er erkennt, was tatsächlich passiert ist, verschiebt sich sein Blick – ein Prozess, den Yogakundige manchmal als Bewusstseinstransformation beschreiben.
- Svadhyaya – Selbsterforschung als Einsichtspfad
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Yogaphilosophie ist Svadhyaya, das Studium des Selbst und der eigenen Reaktionen. Yoga lehrt uns, nicht nur den Atem, sondern auch unsere inneren Muster zu beobachten, statt sie unbewusst auszuleben.
Yoga empfiehlt das Beobachten: Was denke ich über diesen Menschen? Was passiert in mir, wenn ich wütend werde? Das ist keine „innere Selbstkritik“, sondern ein freundlicher Blick auf die eigene Reaktionswelt, der dir ermöglicht, wieder bewusst zu handeln.
In der Zen-Erzählung geschieht genau das: Der Meister lädt den Schüler nicht einfach zur Beruhigung ein, sondern zur Selbsterkenntnis – und damit zu einer inneren Arbeit, die in vielen Yoga-Traditionen ein Schlüssel für Freiheit von negativen Reaktionsmustern ist.
- Upeksha (Gleichmut) und Bhavana (geistige Haltung)
Patanjalis Yoga-Sutras betonen die Entwicklung von Gleichmut: eine ruhige, unverzerrte Geisteshaltung gegenüber Glück und Leid, Erfolg und Niederlage. Dies ähnelt der neutral-verständigen Haltung in der Erzählung, in der der Schüler lernt, andere nicht mehr durch die gewohnte Ego-Linse zu sehen.
Siehe auch:
Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden Keine spirituelle Richtung kommt ohne Verhaltensregeln aus. Diese legen fest, welche ethischen Handlungsweisen für einen Aspiranten (oder auch jeden Menschen) förderlich sind. Was dem Christen die zehn Gebote, das sind dem Yogi die Yamas und Niyamas. Gleichzeitig sind die Yamas und Niyamas die ersten beiden Stufen im Raja Yoga, dem achtgliedrigen Yoga-Pfad (auch Ashtanga-Yoga genannt). Patanjali, der bekannteste Yogaphilosoph, definiert die Yamas und Nyamas im Yogasutra. Dieser Artikel zeigt, wie sich alte Weisheit im modernen Alltag verankern lässt: Was sind die Yamas und Niyamas? Wie werden diese in den alten Schriften ausgelegt? Und wie wende ich die Yamas und Niyamas im Alltag an? Der Artikel gibt Antwort und hält zwei Downloads (Poster & Merkkarte) parat. Hier weiterlesen: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwendenBeitrag: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden
Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden
Avidya – die eigentliche Blindheit liegt im Geist
In der frühen Yogaphilosophie bezeichnet Avidya nicht Unwissen im schulischen Sinne, sondern ein grundlegendes Missverstehen der Wirklichkeit. Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sie erwarten, fürchten oder bewerten. Patanjali beschreibt Avidya als die Wurzel vieler innerer Konflikte.
In der Geschichte ist die Blindheit des Mannes ein starkes Bild:
Zunächst glaubt der Schüler zu wissen, was geschehen ist – Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Respektlosigkeit. Erst im zweiten Blick erkennt er, dass seine erste Wahrnehmung unvollständig war. Yoga würde sagen: Nicht der andere war das eigentliche Problem, sondern die vorschnelle Identifikation mit einer Geschichte im eigenen Kopf.
Diese Perspektive lädt dazu ein, Ärger nicht sofort als Reaktion auf „die Welt da draußen“ zu verstehen, sondern als Hinweis darauf, wo der eigene Blick noch verengt ist.
Kleshas – wie innere Verstrickungen Ärger erzeugen
Die frühen Yoga-Texte beschreiben fünf grundlegende geistige Verstrickungen (Kleshas), die den Geist trüben. Besonders deutlich zeigt die Geschichte das Zusammenspiel von:
- Asmita – Ich-Verhaftung („Mir ist Unrecht geschehen“)
- Raga – Anhaften an angenehmen Zuständen (die friedliche Parkidylle)
- Dvesha – Abneigung gegenüber dem Störenden
Der Ärger entsteht nicht allein durch das Rempeln, sondern durch den Verlust eines gewünschten inneren Zustands. Yoga macht darauf aufmerksam, dass Leid oft dort beginnt, wo wir glauben, Anspruch auf eine bestimmte Erfahrung zu haben: Ruhe, Respekt, Harmonie.
Die Einsicht des Schülers löst diese Verstrickung – nicht, weil der Vorfall verschwindet, sondern weil die innere Geschichte darüber zerfällt.
Im Yogasutra von Patanjali:
Yoga Sutra I-30: Diese Hindernisse lauten körperliche Einschränkung, geistige Stumpfheit, Zweifel, Gleichgültigkeit, Faulheit, Haften an Dingen, falsche Anschauung und die Nichterreichung einer geistigen Stufe
Pratipaksha Bhavana – den Blick bewusst wenden
Patanjali empfiehlt bei starken negativen Regungen eine subtile Praxis namens Pratipaksha Bhavana: das bewusste Kultivieren einer entgegengesetzten inneren Haltung. Nicht als Selbsttäuschung, sondern als korrigierender Perspektivwechsel.
Yoga Sutra II-33: Negative Zweifel bzw. Gedanken sollten durch geistige Kultivierung von deren Gegenteil überwunden werden
Genau das geschieht im Moment der Erkenntnis: Wut verwandelt sich in Mitgefühl. Enge weicht Weite. Der Geist entspannt sich, ohne dass etwas „repariert“ werden muss.
Für Yoga-Praktizierende ist das ein vertrautes Prinzip: Nicht jeder Impuls verlangt nach Handlung – manchmal genügt ein inneres Umdeuten, um Freiheit zu erfahren.
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Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:
Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.
Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.
Der Krug wurde sehr zornig mit sich.
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Der Hase vor der Möhre
Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.
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Der Alte am Fenster
Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.
Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er je wieder laufen? Wie würde es überhaupt mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst? Apathisch starrte er auf die Decke.
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Geschichte: Der übereifrige Dschinn
Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.
Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.
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Geschichte: Der Weise und der Diamant
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Der Weise und der Diamant
Ein weiser Mann wanderte einst in den Wäldern, welche sich über die Täler des auslaufenden Himalaya-Gebirges erstrecken. Hin und wieder verweilte er um formschöne Steine, farbenfrohe Blumen oder zerklüftete Holzstücke zu betrachten.
Am Lauf eines wild mäandernden Gebirgsbaches entdeckte er einen faustgroßen Stein, der wie ein Kristall glitzerte. Die zahlreichen muldenförmigen Einkerbungen erinnerten den Weisen an die Krater auf der Mondoberfläche. Ohne zu ahnen, was er dort gefunden hatte, steckte er den Stein in seinen Lederrucksack und ging fröhlich pfeifend dem Abend entgegen.
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