Eine Geschichte über Selbstbewusstsein, Beziehungen und Werte
Der wahre Wert
In den Streitigkeiten mit meiner Frau frage ich mich immer öfter: Sollten wir uns besser trennen? Wie konnte es soweit kommen?
Ich hatte mit Ende 30 meine Festanstellung als Art Director in einer Werbeagentur aufgegeben, um selbst produzierte Poster zu verkaufen. Meine Idee, Weisheitssprüche alter Philosophen mit Aussagen moderner Youtuber zu verbinden und das Ganze mit ebenso zweigeteilten Bildern zu hinterlegen, war der Knaller. Die Verkäufe über eBay hoben mich innerhalb von zwei Monaten in den Rang eines Powersellers. Das hatte mich zum Schritt in die Selbständigkeit ermutigt.
Im ersten halben Jahr verdiente ich so viel Geld wie in zwei Jahren in der Agentur. Wir saßen sogar samstags bis 23 Uhr und haben die Poster versendet.
Doch dann kamen die Nachahmer und die Preise für die Poster sanken bei eBay unter unseren Einkaufspreis. Die Konkurrenten hatten die Frechheit, meine Bilder fast identisch zu klonen, jedenfalls war die dahinterliegende Idee gleich. Dennoch hatte ich bei zwei Prozessen vor Gericht verloren. Für mehr Anwaltsbeschäftigungsmaßnahmen hatte mein Geld nicht mehr gereicht. Irgendwann war es so weit, dass ich die Seite von eBay nicht mehr aufrufen konnte, ohne dass sich mein Brustkorb zusammenzog. Würde wieder ein neuer Konkurrent die Preise kaputt machen?
Mittlerweile bewerbe ich mich seit anderthalb Jahren in Firmen und Agenturen, um dort wieder als Angestellter kreativ tätig sein zu können. Doch ohne Beziehungen scheine ich keine Chance in meinem Alter zu haben. Das gibt zwar keiner der Arbeitgeber direkt zu, aber mein vom Arbeitsamt bezahlter Coach hat mir offenbart, dass in meinem Bereich die Bewerber mit einem Alter von über 35 ungesehen von der Sekretärin ausgemustert werden. Nur über Vitamin B sei da etwas möglich. Daran arbeite ich jetzt, aber alle wissen von meinem Scheitern mit den Postern. Das schwebt wie eine dunkle Wolke über mir. Von selbst macht mich jedenfalls keiner auf freie Stellen in seiner Firma aufmerksam.
Nicht, dass jetzt ein Missverständnis aufkommt. Die Jobprobleme und die Streitigkeiten mit meiner Frau werfen mich nicht zu Boden. Ich sage mir immer: Es wird schon weitergehen, irgendwann öffnet sich eine Tür. Ich lasse den Kopf nicht hängen. Nebenher gestalte ich das Theatermagazin unserer Stadt und entwerfe für Firmen vor Ort Visitenkarten und Geschäftspapiere. In der nächsten Woche habe ich sogar meine erste Vernissage mit meinen Postern. Zwar nur eine kleine Galerie, mehr als zwei Absätze war die Ankündigung der heimischen Zeitung nicht wert, aber immerhin mit Foto und in der Samstag-Ausgabe.
Dennoch lache ich nicht mehr. Ich habe das Gefühl, ich habe nichts mehr zu lachen. Leiste nicht genug, um lachen zu dürfen. Alles um mich herum raunt mir zu: Du hast es nicht verdient, ausgelassen zu sein!
Meine Frau musste bei der Arbeit aufstocken, damit unsere kleine Familie mit zwei Kindern das Haus nicht verkaufen muss. Sie macht ihre Arbeit gern, das ist nicht das Problem. Aber auf einmal fängt sie an, alles Mögliche an mir störend zu finden. Mal ist der Fernseher zu laut, mal gebe ich bei anderen Peinlichkeiten von mir, mal sollte ich mich mehr mit Politik beschäftigen, mal das Bad sauberer hinterlassen. Alles für sich genommen nachvollziehbar, aber in der Gesamtbetrachtung erscheint es mir, als ob sie in mir nur noch einen Flickenteppich aus Schwächen sieht.
Sie leugnet das, nein – ich soll mich mal nicht so haben, ich bin wohl nicht kritikfähig, ich igle mich in meiner Künstlerwelt ein. Sie hätte mit ihrer besten Freundin gesprochen und auch die habe gestanden, das Kauen mit offenem Mund würde sie bei einem Mann schrecklich nerven. Natürlich schätze sie mich noch. Natürlich ...
Aber warum haben wir uns seit vier Wochen nicht mehr geküsst? Warum bewegt sich das Stimmungsbarometer nur noch zwischen neutral bis irgendwas stört mich?
Ich denke, das Problem mit meiner Frau wird sich mit einer neuen Anstellung erledigt haben. Doch auch meine Freunde legen keinen Wert mehr auf meine Gesellschaft. Jeder geht nur seiner Arbeit nach, abends noch ein wenig in Familie und dann ab vor die Glotze. Heute treffen? Bin zu müde – vielleicht in zwei Wochen am Freitag? Aber ich weiß, dass er gestern mit den Arbeitskollegen zum Sundowner in der City war. Und das will mein bester Freund sein. Was ist das für ein bester Freund, mit dem man sich nur einmal im Monat auf ein paar Bier trifft, obwohl man weniger als eine Viertelstunde auseinanderwohnt?
Ich werde immer unsicherer. Ja, das trifft es. Ich bin mir meiner selbst und auch der Wertschätzung aller anderen unsicher.
Ich frage mich: Muss ich vielleicht in meinem Alter darauf verzichten, so richtig gemocht zu werden? Ist das normal und darum einfach zu akzeptieren, dass alle neben dem Job lieber ihre Ruhe haben wollen? Oder bin ich es, der einfach nicht nett genug, nicht interessiert genug, nicht erfolgreich genug ist, sodass andere gerne mit mir zusammen sind? Kann ich daran überhaupt etwas ändern? Oder erlebe ich gerade einfach, dass ich alt werde? Geht sowas damit einher?
Monika ruft an. Mit ihr tausche ich mich aus. Sie erzählt von einem älteren Mann, der in einem Schrebergarten wohne. Sie wisse, dass er ab und an von Menschen Besuch erhält, die seinen Rat suchen. Er sei so etwas wie ein Weiser. Sie nennt mir die Adresse.
Die Kinder sind bei Freunden und kommen erst zurück, wenn meine Frau zuhause ist. Ich breche umgehend auf.

Der Alte ist ganz schön schwer in diesem baumüberfluteten Gartenlabyrinth zu finden. Eine halbe Stunde bin ich umhergeirrt, bevor mir endlich jemand weiterhelfen konnte. Jetzt stehe ich vor der kleinen Hütte des Alten. Ich bewundere das Vordach, welches aus dünnen Baumstämmen künstlerisch zusammengesetzt ist. Wirklich ansprechend. Überall stehen Schalen mit Kräutern, Gartenfiguren und Kerzenbehältnisse herum. Der Alte mag es gemütlich und er hat ein Händchen fürs Dekorieren. Ich klopfe an.
Manchmal bin ich ganz schön leichtgläubig. Vor einer Stunde klopfte ich an die Tür des Alten und jetzt stehe ich schon auf dem Flohmarkt in der Winzergasse und versuche, ein einziges Bild zu verkaufen. Eine Bleistiftzeichnung von einer alten Wassermühle, eine Wiese davor. Ein Wanderer scheint gerade bei der Mühle anzukommen. Es gefällt mir. Nur rechts unten prangt ein störender Fettfleck.
Was war passiert? Warum bin ich jetzt auf dem Flohmarkt?
Der Alte hatte sich meine Klage angehört und mir statt einer Antwort diese Zeichnung in die Hand gedrückt. Zuerst hatte er ein Blatt Papier darüber gehalten, in dessen Mitte ein Rechteck ausgeschnitten war. So konnte man nur jeweils einen Teil des Bildes sehen. Wir stellten fest, dass der jeweilige Ausschnitt den Eindruck machte, als hätte der Maler undeutlich gezeichnet. Manchmal fehlte ein Strich, ein anderer schien falsch gesetzt. Doch als er das Papier wegzog und das Bild sich als Ganzes zeigte, wirkte es stimmig und ich bekam sofort Lust, mal wieder die Alpen aufzusuchen.
Ich verstand, worauf der Alte hinauswollte. Er bestätigte mir dies mit den Worten: "Deine Frau und auch du selbst müsst lernen, das gesamte Bild zu betrachten. Und da seid ihr wunderschön." Wenn da nicht der Fettfleck wäre, ergänzte ich in Gedanken.
Mehr wollte der Alte nicht sagen, aber er stellte mir eine Aufgabe: Ich solle doch gleich mal versuchen, die Zeichnung für mindestens 100.- Euro auf dem Flohmarkt zu verkaufen. Danach solle ich wieder zu ihm kommen.
Nachdem ich drei Stunden erfolglos auf dem Flohmarkt ausgeharrt habe, brechen alle um mich herum ihre Zelte ab. Die Mittagszeit ist vorbei und damit endet der Flohmarkt. Wie aus dem Nichts taucht da noch ein junger Mann mit Rasterlocken - Typ Philosophiestudent - vor meinem Stand auf und zeigt Interesse am Bild. Musternd nimmt er es in die Hand, ich setze mein Pokerface auf. In mir drinnen bin ich gespannt. Würde ich die Zeichnung doch noch loswerden? Hätte ich dann eine Aufgabe bestanden?
"Für fünf Euro würde ich das Papierchen mitnehmen."
Frustriert gebe ich meinen Stand auf und bringe dem Alten das Bild zurück.
"Was sollte mir dieser Versuch zeigen?", frage ich. "Wollt Ihr mir sagen, dass ich mittlerweile auch nichts mehr wert bin, genau wie das Bild? Obwohl ich in der Gesamtbetrachtung noch ganz nett anzuschauen bin?"
Statt einer Antwort schickte mich der Alte erneut los. Diesmal in die Nobel-Galerie in der Fußgängerzone. Ich sollte dort einen Schätzwert für das Bild einholen, es aber diesmal auf keinen Fall verkaufen.
Jetzt stehe ich vor dem riesigen Schaufenster der Kunsthandlung. Die Preise der ausgestellten Bilder beginnen im fünfstelligen Bereich. Ich blicke zweifelnd auf meine Bleistiftzeichnung. Wenn der Fettfleck nicht wäre ... der Maler - wer auch immer es war - konnte durchaus zeichnen. Mir gefiel das Bild immer mehr, aber hier würde ich mich lächerlich machen. Da war ich mir sicher.
Dennoch ... der Alte hat was. Er strahlt etwas aus, das ich bisher noch nicht kannte. Schwer zu beschreiben. Wenn er mich anschaut, fühle ich mich wohl. Geborgen. Und ich bin neugierig, was er mit diesem Bild im Schilde führt. Darum spiele ich weiter mit. Entschlossen drücke ich die robuste Glastür auf.
Mit so einer Reaktion habe ich nicht gerechnet. Der Verkäufer schaute auf meine Frage, was denn dieses Bild wert sei, zunächst skeptisch an mir hinunter. Als er aber die Zeichnung in Händen hält, holte er sofort eine Lupe hervor. Seine Hände zittern leicht. Er murmelt den Namen eines Künstlers, von dem ich noch nie etwa vernommen hatte. Dann zieht er einen Laptop hervor und geht ins Internet. Er blickt zu mir hoch: "Hiernach gehört das Bild" - er nennt den Namen des Alten, den ich aufgesucht hatte.
Ich nicke - ja, der alte Herr bat mich, das Bild bei Ihnen schätzen zu lassen.
Dann geleitet mich der Verkäufer nach hinten und serviert eine Tasse Kaffee. Sein Tonfall ist einen Hauch zuuuu freundlich. Ob ich kurz Zeit hätte, er müsse nur eben den Inhaber anrufen.
Ich habe. Die anderen Kunden im Laden scheinen den Verkäufer nicht mehr zu interessieren.
Nach einer Viertelstunde war er zurück und offenbarte mir, dass die Galerie bereit sei, 60.000 Euro für das Bild zu zahlen. Er deutete meine starre Verblüffung wohl fehl, denn er ergänzte hektisch: "Ich weiß, bei einer Auktion könnte das Bild deutlich mehr erzielen, aber die Galerie würde mir dieses Risiko abnehmen und würde schließlich sofort bezahlen."
"Aber der Fettfleck?"
Der Verkäufer lacht auf: "Sein Fingerabdruck, das Markenzeichen des Künstlers. Es ist ein Wachsabdruck seines Daumens, da findet sich wahrscheinlich sogar seine DNA. Ohne den wäre das Bild viel weniger wert. Sammler zahlen das 10-fache für Bilder dieses Künstlers, welche den Daumenabdruck tragen."
Verdattert stammele ich, dass ich das Angebot an den Besitzer überbringen werde. Ich frage noch nach einer Schutzhülle für das Bild, ich mochte es nicht mehr einfach so in den England-Bildband schieben, wie ich es auf dem Herweg getan hatte.

Nachdenklich radele ich zurück zur Hütte im Schrebergarten und trete nach kurzem Klopfen ein. Ich betrachte den Alten, wie er mich lächelnd von der Küchenbank aus ansieht. Warum lebt er hier in dieser winzigen Hütte? Ich frage spontan nach, doch er geht gar nicht auf meine Frage ein. Stattdessen sagt er: "Den wahren Wert des Bildes hat nur der Fachmann erkannt. Du gehst durch dein Leben und erwartest, dass jeder Mensch deinen wahren Wert erkennt. Das haben die meisten Menschen aber längst verlernt. Oder sie haben gar nicht mehr die Zeit, dich so gut kennenzulernen."
Ich denke über seine Worte nach. Er ergänzt: "Nimm den Daumenabdruck auf dem Bild. Wenn Menschen diesen scheinbaren Fettfleck sehen, verblasst für die meisten der gesamte Rest des Kunstwerkes. Bei dir könnte dein geschäftlicher Misserfolg dieser vermeintliche Fettfleck sein. Dabei kann aus dem Scheitern eines Menschen etwas ganz Wertvolles erwachsen."
Ich habe eine Idee: "Also muss ich die anderen zu Fachleuten von mir machen, wenn ich Wertschätzung erwarte? Nach dem Motto: Tue Gutes und spreche darüber? Selbstmarketing?"
Der Alte blickt zu Boden, scheinbar seine nackten Zehen betrachtend. „Ich würde woanders ansetzen."
"Und wo?"
Der Alte blickt hoch und legt seine runzelige Hand auf meine Schulter. Er sagt: "Die wichtigste Person, die du von dir überzeugen musst, bist du selbst. Wenn du dich selbst wertschätzt, wirst du dies auch von anderen erfahren. Andersherum kannst du die anderen vielleicht kurzfristig blenden. Jedoch niemanden, der dir nahesteht."
Auf dem Nachhauseweg schiebe ich das Fahrrad. Der Alte hat mir frische Hoffnung gegeben. In meinem Rucksack lagert das sicher verpackte Bild mit dem Daumenabdruck. In drei Monat möchte der Alte die Zeichnung zurückhaben und dann will er hören, wie es mir bis dahin ergangen ist. Ich bin selbst neugierig. Hoffnungsvoll neugierig.
Peter Bödeker (Autor, nicht Protagonist der Geschichte)

Zwischen Selbstwert und Spiegelbild –yogaphilosophische Resonanzen
Die Geschichte „Der wahre Wert“ wirkt auf den ersten Blick wie eine moderne Parabel über Selbstzweifel, gesellschaftlichen Druck und Anerkennung. Doch zwischen den Zeilen schwingen erstaunlich viele Motive mit, die sich tief in der Philosophie des Yoga verankern lassen. Und zwar nicht als platte Moralkeule, sondern eher wie ein leises Echo, das man erst beim zweiten Hinhören wahrnimmt.
Das „ganze Bild“ sehen – ein Blick durch die Linse von Avidya
Im Yoga bezeichnet Avidya (Unwissenheit oder Fehlwahrnehmung) die grundlegende Ursache für Leid. Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind – sondern verzerrt, fragmentiert.
Genau das passiert in der Geschichte:
- Der Protagonist fixiert sich auf seinen beruflichen Misserfolg
- Seine Frau sieht nur noch die kleinen Makel im Alltag
- Freunde reduzieren ihn auf eine Phase seines Lebens
➡️ Der Alte zeigt subtil: Das Problem ist nicht der „Fettfleck“, sondern der Blick darauf.
Im yogischen Verständnis könnte man sagen: Du bist nicht deine Gedanken, nicht dein Scheitern – sondern etwas, das dahinter liegt. Das „ganze Bild“ entspricht dem wahren Selbst (Atman).
Yoga Sutra II-5: Durch Avidya – Unwissenheit oder falsches Verständnis – hält man das Vergängliche für verlässlich, das Unreine für rein, das Leidbringende für gut und Nicht-Selbst für das wahre Selbst
Yoga Sutra II-17: Die Identifikation des wahrnehmenden Selbstes mit den wahrgenommenen Objekten ist Ursache [des Leides] und sollte überwunden werden
Yoga Sutra II-23: Der Sinn der (scheinbaren) Verbindung (Samyoga) unseres wahren Selbstes (Purusha) mit der äußeren Welt (Prakriti) besteht darin, dass wir unsere wahre Natur und deren Kräfte erkennen
Der Fettfleck als Geschenk – Kleshas und innere Reibung
Der vermeintliche Makel entpuppt sich als wertsteigerndes Merkmal. Ein schönes Beispiel für die yogische Idee, dass das, was uns belastet, oft gleichzeitig der Schlüssel zur Entwicklung ist.
In den Yoga-Sutras spricht man von den Kleshas – inneren Spannungen wie:
- Angst
- Ego-Verhaftung
- Ablehnung
- falsche Identifikation
Der berufliche Absturz des Protagonisten ist so ein Klesha. Doch statt ihn zu zerstören, könnte er ihn – richtig betrachtet – reifen lassen.
👉 Im Yoga geht es nicht darum, diese Spannungen sofort loszuwerden, sondern sie zu durchschauen.
Yoga Sutra II-3: Unwissenheit (Avidya), Identifikation mit dem Ego (Asmita), Begierde (Raga), Abneigung (Dvesha) und (Todes-)Furcht (Abhiniveshah) sind die fünf leidbringenden Zustände (Kleshas)
Selbstwert als innere Praxis – Svadhyaya und Santosha
Der Alte bringt es auf den Punkt:
„Die wichtigste Person, die du überzeugen musst, bist du selbst.“
Das klingt fast wie eine moderne Übersetzung zweier zentraler yogischer Prinzipien:
- Svadhyaya → Selbstreflexion, ehrliches Hinschauen
- Santosha → Zufriedenheit mit dem, was ist
Yoga Sutra II-42: Durch das Kultivieren von Zufriedenheit (Santosha) erreichen wir höchstes Glück
Yoga Sutra II-44: Durch Selbstserforschung (Svadhyaya) wird man eins mit der ersehnten Gottheit (bzw. dem Ideal)
Der Protagonist sucht Bestätigung im Außen:
- Job
- Partnerin
- Freunde
Doch Yoga dreht die Perspektive um: 👉 Wert entsteht nicht durch Resonanz – sondern durch innere Klarheit.
Das bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern eine Art ruhige Verankerung in sich selbst.
Beziehung als Spiegel – Ahimsa und bewusste Wahrnehmung
Die Konflikte mit seiner Frau lassen sich ebenfalls yogisch lesen:
- Kritik wird als Angriff erlebt
- Nähe schwindet
- Unsicherheit wächst
Hier kommt Ahimsa ins Spiel – Gewaltlosigkeit, auch in Gedanken.
Nicht nur gegenüber anderen, sondern vor allem gegenüber sich selbst. Denn oft ist die härteste Stimme im Raum die eigene.
👉 Die Geschichte deutet an: Wer sich selbst innerlich abwertet, erlebt die Welt als Spiegel dieser Abwertung.
Yoga Sutra II-35: Wenn das Nichtverletzen [anderer Lebewesen im Wesen eines Menschen] (Ahimsa) fest verwurzelt ist, verschwindet jede Feindseligkeit in seiner Umgebung
Der „Fachmann“ – eine Metapher für Bewusstsein
Nur der Experte erkennt den wahren Wert des Bildes. Das ist kein Zufall. In der Yogaphilosophie entspricht dieser „Fachmann“ einer geschulten Wahrnehmung – einem klaren Bewusstsein (Viveka).
- Der Flohmarkt = oberflächliche Bewertung
- Die Galerie = tiefes Erkennen
Übertragen auf das Leben: 👉 Nicht jeder Blick ist gleich tief. Und nicht jede Bewertung ist wahr.
🌿 Kleine Reflexionsfragen
- Wann hast du dich zuletzt nur über einen „Fettfleck“ definiert?
- Wer sind die „Fachleute“ in deinem Leben – und bist du selbst einer davon?
Wann zweifelst du am stärksten an deinem eigenen Wert?
🧘 Mini-Praxis für den Alltag
2-Minuten-Übung: Perspektivwechsel
- Setz dich ruhig hin
- Denke an eine aktuelle Schwierigkeit
- Frage dich:
👉 „Was wäre, wenn genau das gerade mein stärkster Entwicklungspunkt ist?“
Nicht bewerten. Nur beobachten.
🪶 Ein Gedanke zum Mitnehmen
Nicht alles, was sich wie ein Makel anfühlt, ist einer. Manches ist schlicht noch nicht richtig betrachtet worden.

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Vielen Dank, dass du deine Gedanken mit uns teilst!

FunFacts zum Abschluss
- Yoga wurde ursprünglich nicht zur Entspannung entwickelt, sondern als radikale Praxis zur Befreiung vom Ego.
- Der Begriff „Avidya“ bedeutet wörtlich „Nicht-Wissen“, ist aber eher ein falsches Wissen über sich selbst.
- In Studien zeigte sich: Selbstmitgefühl wirkt stabiler als Selbstwertgefühl, weil es weniger von Erfolg abhängt.
- Menschen erinnern sich stärker an negative Ereignisse – das nennt sich Negativity Bias.
👉 Unser „Fettfleck-Fokus“ ist also biologisch. - Künstlerische Makel steigern manchmal den Wert eines Werks – besonders bei authentifizierenden Merkmalen.
- Laut Forschung wirkt soziale Ablehnung im Gehirn ähnlich wie körperlicher Schmerz.
- In der Yogaphilosophie gilt:
👉 „Du bist nicht deine Gedanken“ – eine Idee, die heute auch in der kognitiven Verhaltenstherapie zentral ist.
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Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:
Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.
Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.
Der Krug wurde sehr zornig mit sich.
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Der Hase vor der Möhre
Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.
Hier weiterlesen: Der Hase vor der Möhre
Geschichte: Die Schuld und ihr Zorn
Geschichte
Die Schuld und ihr Zorn
Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?
Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.
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Der Alte am Fenster
Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.
Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er je wieder laufen? Wie würde es überhaupt mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst? Apathisch starrte er auf die Decke.
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Geschichte: Der übereifrige Dschinn
Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.
Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.
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