Felswand in den Bergen
Eine Geschichte vom Loslassen, Vertrauen und getragen werden

Inhalt: Geschichte: Abgrund und Wirklichkeit

Geschichte: Abgrund und Wirklichkeit

Eines vergangenen Tages erkundete ein Wanderer eine prachtvolle Bergwelt. Sein Blick erfreute sich an unbekannten Kräutern und Blumen, die sich im Gras und zwischen den Ritzen der Felsen der Sonne öffneten. Der Tag glitt rasch dahin und mit einem Mal merkte der Wanderer, dass er vom Hauptweg abgekommen war. Mit Unbehagen prüfte er den Sonnenstand – die goldgelbe Scheibe ragte nur noch zur Hälfte über den gegenüberliegenden Gipfel. In der Bergwelt wurde es still und dunkel.

Ein Problem lag darin, dass es hier oben so hügelig war und dadurch das Auge nur bis zur nächsten Hügelkuppe schauen konnte. Zudem unterschied sich die Wiese nach der nächsten Ecke kaum von der davor. Alles sah gleich aus.

Hin und wieder glaubte der Wanderer, er wäre wieder auf dem rechten Pfade. Aber jedes Mal kam er an eine charakteristische Felsausbuchtung oder einen auffälligen Gesteinsbrocken und erkannte: Hier war ich heute doch noch nicht vorbeigekommen.

Es wurde stockdunkel. Der Wanderer setzte seine Schritte vorsichtig tastend. Dennoch konnte er das Unglück nicht verhindern. Unerwartet fand sich nur noch Luft unter seiner rechten Fußsohle, der Wanderer stolperte nach vorne und stürzte in die Tiefe.

Aber: Im Fallen konnte er eine alte, völlig trockene Wurzel packen. Damit stoppte er seinen Sturz. Er baumelte über einem Abgrund, doch der Wurzelstrunken schien sein Gewicht zu halten. Unser Wanderer dankte allen Göttern für diese Rettung. Sein Leben war noch nicht vorbei. Vorerst.

Die Kühle der Nacht zog heran und die Finger des Wanderers begannen zu schmerzen. Die linke Hand zitterte. Auch die Schultern bereiteten Schmerzen. Der Wanderer flehte und stöhnte, die Qual wurde immer heftiger.

Von Ferne erschall der Schrei eines Kuckucks über das Tal. Der Wanderer dachte mit einem Anflug unendlicher Trauer, dass dies wohl die letzte Stimme war, die er in seinem Leben hören würde. Er weinte hemmungslos. Die Wurzel rutschte ein Stück durch seine Finger, nur die Fingerkuppen hielten ihn noch.

Wie hatte er nur Ärger oder Langeweile in dieser Welt empfinden können? Wieso hatte er nicht jede Sekunde voller Dank über sein Leben frohlockt? Dieses unendlich wertvolle Geschenk, dieses ... Er würde so gerne noch ein wenig weiterleben.

Mit einem schabenden Ton entglitten dem Wanderer die Wurzelstränge endgültig. Er stürzte in die Tiefe und ... landete. Schon nach wenigen Zentimetern befand sich ein fester Grund. Im Sternenlicht erkannte der Wanderer, dass er auf einem Felsvorsprung stand. An einer Seite schien ein schmaler Pfad zu verlaufen. Doch der so wundersam gerettete Wanderer beschloss, sein Glück nicht noch einmal zu beanspruchen und erst den kommenden, hellen Tag abzuwarten, bevor er diesen Weg erkunden wolle. Er krümmte sich an der Felswand zusammen und fiel in einen unruhigen Halbschlaf.

Am darauffolgenden Morgen erwachte der Wanderer steif und frierend, aber innerlich voll überwältigender Freude. Sein Leben war noch nicht vorbei! Er streckte die verkrampften Glieder und schritt vorsichtig einem eng gewundenen und stetig nach unten geneigten Pfad entlang. Nach wenigen Kurven ging der Pfad in einen gut begehbaren Wanderpfad über und eine halbe Stunde später erspähte der Wanderer die ersten Hütten zwischen den Zweigen der Bergkiefern.

Nacherzählt von Peter Bödeker, Fassung für Yoga-Welten

Abgrund und Wirklichkeit – eine yogische Deutung einer modernen Parabel

Die Geschichte vom Wanderer, der in der Dunkelheit in den Abgrund stürzt und auf wundersame Weise getragen wird, ist mehr als eine Erzählung – sie ist ein Spiegel für einen Teil des inneren Weges, wie ihn die Philosophie des Yoga beschreibt. Wer schon einmal in einer Lebensphase „vom Weg abgekommen“ ist, erkennt darin die tiefe Symbolik des Loslassens, des Vertrauens und der stillen Führung, die uns trägt, wenn wir selbst keine Kontrolle mehr haben.

Zwischen Kontrolle und Hingabe

Im Yoga heißt es: Abhyasa (Übung) und Vairagya (Loslassen) sind die beiden Flügel, mit denen wir zur Freiheit fliegen. Der Wanderer verkörpert beide Aspekte. Zunächst kämpft er – suchend, tastend, kontrollierend. Doch erst, als ihm der Griff entgleitet, beginnt das eigentliche Wunder: das Getragenwerden vom Leben selbst.

Dieser Moment, in dem ihm die Wurzel entgleitet und der Boden ihn dennoch auffängt, erinnert an das Vertrauen (Shraddha), das im Yoga nicht blinder Glaube, sondern ein tiefes Vertrauen ist: dass es unter allem Chaos einen Grund gibt – wörtlich wie symbolisch.

Der Abgrund als Lehrer

Der Abgrund steht für das Unbekannte, das, was wir fürchten: Verlust, Versagen, Tod, Veränderung. Im Yoga wird dies als die Erfahrung von Avidya – Unwissenheit – beschrieben, die uns glauben lässt, wir seien getrennt von der Quelle. Doch wer fällt, entdeckt oft, dass das Fallen selbst die Heilung ist.

Man könnte sagen: Der Wanderer „übt“ Yoga, ohne es zu wissen. Durch seine Erfahrung erkennt er, dass Vertrauen kein Konzept ist, sondern ein existenzielles Erlebnis.

„Erst wenn du nichts mehr festhalten kannst, wirst du erkennen, was dich wirklich trägt.“

Sutras zu Anhaften und Loslassen

Der Abbau von Verhaftungen, das Loslassen lernen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Pfad des Yoga, siehe z.B. folgende Sutras:

Yoga Sutra I-12: Übung (Abhyasa) und Nichtanhaften (Vairagya) führen zur Beruhigung der Bewegungen des Geistes (Nirodha)

Zur Sutra


Oder in Form der Hingabe an einen Gott:

Yoga Sutra I-23: Oder durch fromme Hingabe an Ishvara (Ur-Guru, Gott, göttliches Ideal) kann es erlangt werden

Zur Sutra


Yoga Sutra II-1: Strenge Übungspraxis, Selbststudium und Hingabe an Ishvara (Ur-Guru, Gott, göttliches Ideal) – das ist der Kriya-Yoga

Zur Sutra


Yoga Sutra II-45: Die Hingabe an Ishvara (Ur-Guru, Gott, göttliches Ideal) führt zur Vollkommenheit in Samadhi

Zur Sutra


Leid durch Anhaftung

Ein kurzer Gedankengang über das Paradox des Haltens: Je mehr wir festhalten, desto größer wird das Leiden. Dieses scheinbar einfache Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch viele Lebenssituationen – und auch durch die Yogapraxis. Wer schon einmal in einer Asana verkrampft hat, kennt dieses Gefühl: Man möchte die Position „halten“, dabei verliert man den Fluss, die Atmung, das Vertrauen. Erst wenn man ein kleines Stück loslässt – die Schultern weicher werden, der Atem wieder frei fließt –, geschieht das Wunder: Kraft entsteht aus Entspannung, nicht aus Zwang. Das Leben funktioniert ähnlich. Wir glauben, Kontrolle gäbe uns Sicherheit, dabei ist sie oft nur eine Illusion, die uns den Kontakt zum Moment raubt.

Ein Hinweis auf Savasana, die Haltung der vollständigen Hingabe, als Parallele zum „Loslassen in den Abgrund“: In dieser letzten, scheinbar passiven Haltung einer Yogastunde üben wir, das zu tun, wovor der Wanderer sich anfangs fürchtete – uns tragen zu lassen. Nichts mehr zu tun, nichts zu wollen, keine Spannung zu halten. Savasana ist kein Schlaf, sondern ein waches Sterben: das kleine Loslassen des Egos, das Vertrauen in das, was bleibt, wenn wir aufhören zu kämpfen. So wird der Abgrund – ob auf der Yogamatte oder im Leben – zu einem Ort des Ankommens. Manche nennen das Frieden, andere einfach Yoga.

Sieben seltene und faszinierende Fakten zum Thema Yoga und Vertrauen

  1. 🕉️ In alten Upanishaden wird das Wort „Yoga“ nicht als Übung, sondern als „Zügelung des Geistes“ beschrieben – ähnlich dem Halten und Loslassen am Abgrund.
  2. 🧘‍♀️ Das älteste bekannte Yogatuches stammt aus Pakistan und ist über 4.000 Jahre alt – mit Darstellungen von Figuren in meditativer Haltung.
  3. 🌿 In der klassischen Yogaphilosophie ist Angst eine Form von Avidya – sie entsteht, wenn das Ego glaubt, es sei allein.
  4. 🪷 Das Sanskrit-Wort Shraddha (Vertrauen) leitet sich von der Wurzel śrat = Herz und dha = halten ab – wörtlich: „das Herz halten“.
  5. 🕯️ In tantrischen Schulen wurde „Fallen“ als spirituelle Einweihung gedeutet: Der Schüler musste symbolisch vom Berg stürzen, um neu zu erwachen.
  6. 🌌 Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass tiefe Meditation das Gehirn in Zustände versetzt, die dem Gefühl von freiem Fall ähneln – eine Art innerer Loslösung von Kontrolle.
  7. 🌄 Der Himalaya wird im Yoga als „Sitz der Stille“ bezeichnet – der Ort, wo Denken endet und Vertrauen beginnt.

Ergänzende Worte von dir?

Möchtest du etwas zur Interpretation der Geschichte ergänzen?

Vielen Dank, dass du deine Gedanken mit uns teilst!

 

Die Seite wird zum Absenden NICHT neu geladen (die Antwort wird im Hintergrund abgesendet).

Weitere Yoga-Geschichten

yoga geschichten 250

Zu allen Yoga-Geschichten

Weitere Yoga-Geschichten hier auf Yoga-Welten.de

Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug

Gelber Krug

Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug

Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:

Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.

Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.

Der Krug wurde sehr zornig mit sich.

Hier weiterlesen: Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug


Der Hase vor der Möhre

Hase auf einer Wiese

Der Hase vor der Möhre

Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.

Hier weiterlesen: Der Hase vor der Möhre


Die Schuld und ihr Zorn

buddha sitzend 564

Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?

Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.

Hier weiterlesen: Die Schuld und ihr Zorn


Der übereifrige Dschinn

Ein Dschinn

Geschichte: Der übereifrige Dschinn

Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.

Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.

Hier weiterlesen: Der übereifrige Dschinn


Der Alte am Fenster

fenster w park 564

Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.

Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er nie wieder laufen? Apathisch starrte er auf die Decke. Wie würde es mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst?

Hier weiterlesen: Der Alte am Fenster


Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

Schlagworte zum Artikel

gratis downloads schmal mh 564

Hier findest Du KOSTENLOS Übungsanleitungen, praktische Hilfen und hochwertige Inhalte zum Gratis-Download.

--> ... zu allen Downloads

Anbieterlinks / Sternchen

* Was das Sternchen neben einigen Verlinkungen bedeutet:

Die Inhalte auf dieser Website sind kostenlos im Internet verfügbar und das soll auch so bleiben. Unsere redaktionelle Arbeit finanzieren wir über Werbung. Links, die mit einem * gekennzeichnet sind, können bei Kauf/Abschluss auf der jeweiligen Website hinter dem Link zu einer Provision an uns führen, weil wir für den Link ein sogenanntes Affiliate-Programm nutzen. Dies beeinflusst aber die Redaktionsarbeit nicht, der Hinweis wäre stets auch ohne den Affiliate-Link erfolgt. Für den Kauf/Abschluss über den Link sind wir natürlich dankbar.