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abgrund felswand 564

Eine Geschichte vom Loslassen, Vertrauen und getragen werden

Eines vergangenen Tages erkundete ein Wanderer eine prachtvolle Bergwelt. Sein Blick erfreute sich an unbekannten Kräutern und Blumen, die sich im Gras und zwischen den Ritzen der Felsen der Sonne öffneten. Der Tag glitt rasch dahin und mit einem Mal merkte der Wanderer, dass er vom Hauptweg abgekommen war. Mit Unbehagen prüfte er den Sonnenstand – die goldgelbe Scheibe ragte nur noch zur Hälfte über den gegenüberliegenden Gipfel. In der Bergwelt wurde es still und dunkel.

Ein Problem lag darin, dass es hier oben so hügelig war und dadurch das Auge nur bis zur nächsten Hügelkuppe schauen konnte. Zudem unterschieden sich die Wiese nach der nächsten Ecke von der vorigen. Hin und wieder glaubte der Wanderer, er wäre wieder auf dem rechten Pfade. Aber jedes Mal kam er an eine charakteristische Felsausbuchtung oder einen auffälligen Gesteinsbrocken und erkannte: Hier war ich heute doch noch nicht vorbei gekommen.

Es wurde stockdunkel. Der Wanderer setzte seine Schritte vorsichtig tastend. Dennoch konnte er das Unglück nicht verhindern. Unerwartet fand sich nur noch Luft unter seiner rechten Fußsohle, der Wanderer stolperte nach vorne und stürzte in die Tiefe.

Aber: Im Fallen konnte er eine alte, völlig trockene Wurzel packen. Damit stoppte er seinen Sturz. Er baumelte über einem Abgrund, doch der Wurzelstrunken schien sein Gewicht zu halten. Unser Wanderer dankte allen Göttern für diese Rettung. Sein Leben war noch nicht vorbei. Vorerst.

 
 

Die Kühle der Nacht zog heran und die Finger des Wanderers fingen zu schmerzen an. Die linke Hand begann zu zittern. Auch die Schultern bereiteten Schmerzen. Der Wanderer flehte und stöhnte, die Qual wurde immer heftiger.

Von Ferne erschall der Schrei eines Kuckucks über das Tal. Der Wanderer dachte mit einem Anflug unendlicher Trauer, dass dies wohl die letzte Stimme war, die er in seinem Leben hören würde. Er weinte hemmungslos. Die Wurzel rutschte ein Stück durch seine Finger, nur die Fingerkuppen hielten ihn noch.

Wie hatte er nur Ärger oder Langeweile in dieser Welt empfinden können? Wieso hatte er nicht jede Sekunde voller Dank über sein Leben frohlockt? Dieses unendlich wertvolle Geschenk, dieses ... Er würde so gerne noch ein wenig weiterleben.

Mit einem schabenden Ton entglitten dem Wanderer die Wurzelstränge endgültig. Er stürzte in die Tiefe und ... landete. Schon nach wenigen Zentimetern befand sich ein fester Grund. Im Sternenlicht erkannte der Wanderer, dass er auf einem Felsvorsprung stand. An einer Seite schien ein schmaler Pfad zu verlaufen. Doch der so wundersam gerettete Wanderer beschloss, sein Glück nicht noch einmal zu beanspruchen und erst den kommenden, hellen Tag abzuwarten, bevor er diesen Weg erkunden wolle. Er krümmte sich an der Felswand zusammen und fiel in einem unruhigen Halbschlaf.

Am darauffolgenden Morgen erwachte der Wanderer steif und frierend, aber innerlich voll überwältigender Freude. Er streckte die verkrampften Glieder und schritt vorsichtig einem eng gewundenen und stetig nach unten geneigten Pfad entlang. Nach wenigen Kurven ging der Pfad in einen gut begehbaren Wanderpfad über und eine halbe Stunde später erspähte der Wanderer die ersten Hütten zwischen den Zweigen der Bergkiefern.

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