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Dann sagte ein reicher Mann: "Sprich zu uns über das Geben."

Und er [der Prophet Almustafa, der 12 Jahre auf sein Schiff gewartet hatte, das ihn jetzt endlich in seine Heimat zurückbringen sollte. Vor seiner Abreise baten ihn einzelne Einwohner der Stadt Orphalese, ihnen ein letztes Mal seine Einsichten zu einem bestimmten Thema zu erläutern] sprach:

Ihr gebt nur wenig, wenn ihr von euren Besitztümern abgebt.

Erst wenn ihr von euch gebt, gebt ihr wahrhaftig.

Was sind eure Besitztümer anderes als Dinge, die ihr aufhebt und aus Angst bewacht, dass ihr sie morgen brauchen könntet?

Und morgen, was bringt morgen dem überklugen Hund das Vergraben seiner Knochen in weglosem Sand, wenn er den Pilgern in die Heilige Stadt folgt?

Und was ist Angst vor der Not anderes als Not an sich?

Ist nicht die Furcht vor dem Durst, wenn eure Brunnen voll sind, ein Durst, der nicht zu stillen ist?

Da gibt es diejenigen, die von dem Vielen, das sie besitzen, nur wenig geben – und sie geben es zum Erhalt von Anerkennung und dieser verborgene Wunsch macht ihre Gabe unheilsam.

Und da sind diejenigen, die wenig haben und dies alles geben.

Dies sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben, und ihre Truhe ist niemals leer.

Da sind die, die mit Freude geben, und diese Freude ist ihre Belohnung.

Und da sind die, die mit Schmerz geben, und dieser Schmerz ist ihre Taufe [Anmerkung: Befreit sie von der Last ihrer Sünden und reinigt sie].

Und es gibt jene, die geben und keinen Schmerz im Geben kennen, noch Freude suchen oder mit besonderer Hochschätzung ihrer Tugend geben;

Sie geben wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft in den Raum ausatmet.

Durch die Hände solcher spricht Gott, und vom Hintergrund ihrer Augen aus lächelt Er auf die Erde.

Es ist gut zu geben, wenn man gefragt wird, aber es ist besser, ungefragt zu geben, durch Verstehen;

Und für die Freigiebigen ist die Suche nach jemandem, der empfangen soll, eine Freude, die größer ist als das Geben.

Und gibt es irgendetwas, das du verweigern würdest?

Alles, was ihr habt, wird eines Tages [ab]gegeben werden;

Darum gebt jetzt, damit die Zeit des Gebens die Eure und nicht die eurer Erben sein wird.

Ihr sagt oft: "Ich würde ja geben, aber nur denen, die es verdienen."

Die Bäume in eurem Obstgarten sprechen nicht so, auch nicht die Herden auf eurer Weide.

Sie geben, dass sie leben können, denn verweigern bedeutet zu sterben.

Wahrlich, wer es wert ist, seine Tage und Nächte zu empfangen, der ist [auch] allem anderen von dir würdig.

Und wer es verdient hat, aus dem Ozean des Lebens zu trinken, verdient es, seinen Becher aus deinem kleinen Zustrom zu füllen.

Und was für ein größerer Verdienst sollte da sein als der Mut und die Zuversicht, ja die Nächstenliebe, die im Empfangen liegt?

Und wer seid ihr, dass Menschen sich [vor euch] ihren Busen zerreißen und ihren Stolz enthüllen sollten, damit ihr ihren Wert nackt und ihren Stolz unverfroren zu sehen vermögt?

Sehet zuerst, dass ihr selbst es verdient, Gebende zu sein, und ein Instrument des Gebens.

Denn in Wahrheit ist es das Leben, welches dem Leben gibt – während ihr, die ihr euch selbst als Gebende wähnt, nur Zeuge [des Gebens] seid.

Und ihr Empfänger – und ihr seid alle Empfänger – bürdet euch nicht das Gewicht der Dankbarkeit auf, damit ihr kein Joch auf euch selbst und auf denjenigen legt, der gibt.

Steigt vielmehr zusammen mit dem Geber auf seinen Gaben auf wie auf Flügeln;

Sich seiner [Empfänger-]Schuld zu sehr bewusst zu sein bedeutet, die Großzügigkeit desjenigen zu bezweifeln, der die freiherzige Erde als Mutter und Gott als Vater hat.

Aus: Khalil Gibran "Der Prophet"; Übersetzung mit Anmerkungen: Peter Bödeker (2018)
[...] = Einfügungen von Peter Bödeker

 

Bücher von Khalil Gibran

 

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