Nach einer alten Hindhu-Geschichte aus dem Panchatantra (Tierfabeln in Sanskrit). 

Inhalt: Die Spatz-Affe-Fabel im Licht der Yoga-Philosophie

Die Geschichte vom vorlauten Spatz

An einem winterlichen Tag beobachtete ein Spatz aus seinem trockenen Nest heraus einen Affen, der missmutig im kalten Regen auf dem Ast gegenüber saß. In bester Absicht erteilte er dem Affen einen Rat. Dabei hätte er besser geschwiegen ...

Spatzen geben sich große Mühe beim Bau ihres Nestes, bis es tagelangen Regen unbeschadet und wasserdicht übersteht. Sie formen es wie eine Kugel mit seitlichem Eingang, manchmal bis zur Größe eines Fußballs. Innen ist es mit feinen Halmen und Federn ausgepolstert.

Der Spatz konnte den elendigen Anblick des Affen nicht länger mit ansehen und rief hinüber: "Affe. Du bist ein Vorfahre des Menschen und besitzt geschickte Greifhände und einen hohen Verstand. Warum baust du dir kein Haus gegen das widrige Wetter, so wie ich es getan habe? Schau doch, wie schön trocken und warm es bei mir ist."

Der Affe war ohnehin schon arg missgelaunt und nun kam auch noch das vorlaute Kerlchen. "Dem kleinen Naseweis werde ich eine Lektion erteilen", dachte er bei sich und schwang sich hinüber.

"Gib denen Rat, die um deinen Rat bitten. Die, welche keinen Rat suchen, lass mit deinen klugen Sprüchen in Ruhe."

Sprachs und fegte mit einem Hieb das Nest vom Ast, so dass es am Boden zerbarst.

Deshalb sei vorsichtig beim Erteilen von Rat ...

Nacherzählt von Peter Bödeker

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Antwort 1
Kein Rat geben.

Antwort 2
Hallo Affe, ach - es ist bestimmt klug so im kalten Regen zu sitzen. Das stärkt Immunsystem. Muss ich auch Mal ausprobieren. Schönen Tag noch!

Antwort 3
Mich schützt ein Unterschlupf. Es tut mir leid, dich so traurig zu sehen.

Bezüge zur Philosophie des Yoga

Wenn man die Geschichte vom vorlauten Spatz (aus dem Panchatantra-Repertoire) unter dem Blickwinkel yogischer Philosophie liest, eröffnen sich verschiedene interessante Parallelen und Impulse:

Achtsamkeit und Konditionierung

Der Spatz baut sich sein Nest mit großer Sorgfalt, bis es „tagelangen Regen unbeschadet und wasserdicht übersteht“. Diese Hingabe an eine sinnvolle Tätigkeit erinnert daran, wie im Yoga-Pfad z. B. Abhyāsa (Übung, Disziplin) gepflegt wird, um Stabilität und Schutz im inneren Leben zu erreichen.

Gleichzeitig zeigt der Affe, dass er die Voraussetzungen (Greifhände, hoher Verstand) besitzt – aber sie im Augenblick nicht nutzt. Im yogischen Sinne könnte man sagen: Er besitzt das Potenzial für „Hausbau“ (Schutz, Integrität, Praxis), nutzt es aber nicht. Damit wird in Symbolik sichtbar, wie Menschen trotz der Mittel, die sie haben, dennoch ungeschützt bleiben können – etwa gegenüber Gedankenstürmen, Emotionen oder Lebensumständen.

Grenzen von Ratschlag und Urteil

Der Spatz spricht und gibt Rat – ohne gefragt worden zu sein. Der Affe reagiert wütend, zerstört das Nest. Aus yogischer Sicht lässt sich hier eine Warnung erkennen: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist zur rechten Zeit oder für den anderen im rechten Zustand geeignet. Das erinnert an das Prinzip der Svādhyāya – die Selbst- und Bewusstseins­kunde: Der Ratsgebende sollte prüfen, ob der Andere bereit ist. Und der Rat sollte nicht aus dem Ego kommen („ich weiss’s besser“) sondern aus Mitgefühl.

Yoga Sutra II-32: Die Nyamas lauten Reinheit, Zufriedenheit, Selbstdisziplin, Selbststudium und Hingabe an Ishvara (Ur-Guru, Gott, göttliches Ideal)

Zur Sutra


Zugleich erinnert das Geschehen daran, dass jeder für seinen inneren Raum selbst verantwortlich ist – im Yoga sieht man Praktiken wie Svadharma (eigener, individueller Weg): Der Affe hätte seinen Weg gehen können, aber er reagierte, verletzt und ungefragt, auf den Impuls des Spatzen.

Das „Haus“ als Metapher für innere Haltung

Das Nest des Spatzen kann symbolisch für eine stabile innere Haltung stehen: Schutz vor „widrigem Wetter“ (Lebensstürmen, Gedankenunruhe, Stress). Wer diese Haltung pflegt – durch Praxis, Konzentration, Innenschau – hat weniger Vulnerabilität.

Der Affe hingegen sitzt im Regen, ungeschützt – die äußere Analogie deutet innere Verwundbarkeit an. 

Das Augenmerk auf inneren Impuls und Timing

Eine Praxis im Yoga erfordert nicht nur Technik oder Wissen, sondern Einsicht in den richtigen Moment – wann mache ich etwas, wann lasse ich Raum. Der Spatz war gut gemeint, aber nicht zur rechten Zeit. Hier könnte man an das yogische Prinzip des Ahimsa (Gewaltlosigkeit) im Denken und Handeln erinnern: Auch im Wort ist Kraft enthalten – und manchmal wird mit gutgemeinten Worten verletzt.

Ebenso zeigt die Geschichte, dass Interventionen nicht immer ‚rettend‘ wirken, wenn die innere Haltung oder Bereitschaft fehlt. In der yogischen Gruppe etwa: Eine Anleitung nur dann wirksam, wenn sie vom Übenden aufgenommen wird, nicht mechanisch aufgepresst.

Eigenverantwortung und individuelle Reife

Der Affe hätte selber bauen können – hätte er gewollt. Im Yoga-Weg gilt: Lehrer*innen, Methoden können begleiten – aber du musst den Weg gehen. Der Spatz kann Hinweise geben, aber nicht das Haus für ihn errichten.

Die Geschichte motiviert, zu prüfen: Bin ich wie der Spatz – gebe Rat gut gemeint, aber ungefragt? Oder wie der Affe – ausgestattet zu handeln, aber passiv?

Zwischen Sturm und Stille

Manchmal ist es nicht das Wetter draußen, das uns durchnässt, sondern das Wetter im Kopf. Im Yoga wird dieser innere Schauplatz Manas genannt – der Geist, der wahrnimmt, urteilt, reagiert, sich verstrickt. Er ist schnell, flatterhaft, wie ein Spatz im Wind. Wenn der Affe also ungeduldig reagiert, folgt er seinem Manas – seinem ungezügelten, impulsiven Geist. Der Spatz hingegen beobachtet. Er nimmt wahr, ohne sofort zu handeln. In dieser kleinen, fast unscheinbaren Geste liegt bereits ein Kern des Yoga: Beobachterbewusstsein – das Vermögen, nicht sofort auf jede innere Regung zu springen, sondern einen Atemzug Raum dazwischen zu legen.

Doch Vorsicht: auch das Nest der Achtsamkeit kann zu einem Versteck werden.
Wer sich nur schützen will, verpasst vielleicht das Leben selbst. Der Regen, der Wind, das Unbequeme – all das sind Lehrmeister. Im Yoga heißt es: Nicht jede Sturm-Erfahrung ist ein Feind. Manchmal spült sie fort, was längst brüchig war. Vielleicht braucht es nicht nur Schutz, sondern auch Offenheit, damit Entwicklung geschehen kann.

Und dann ist da noch das feine Gleichgewicht in der Gemeinschaft:
Lehrer*innen, Weggefährten, Freunde – sie alle tragen Verantwortung. Ein Rat, selbst wenn er klug ist, braucht das richtige Timing. Yoga lehrt, dass Weisheit nicht nur in den Worten liegt, sondern im Moment, in dem sie ausgesprochen werden. Achte darauf, ob dein Gegenüber bereit ist, zu hören. Und prüfe ebenso, ob du selbst bereit bist, etwas wirklich aufzunehmen.
Denn wie der Spatz und der Affe zeigen: Auch ein wahrer Gedanke kann verletzen, wenn er zur falschen Zeit landet.

Es ist eine Kunst – das rechte Maß zwischen Stille und Wort, zwischen Schutz und Offenheit, zwischen Rat und Raum.

Passende Sutra zur Geschichte

Satchidananda erzählt diese Geschichte in seinem Kommentar zu Sutra I-33:

Yoga Sutra I-33: Der Geist wird geklärt durch Kultivierung von Freundlichkeit, Empathie, Zufriedenheit sowie Gleichgültigkeit gegenüber Freude, Leid, Erfolg und Misserfolg

bauer kuh laecheln 250Maitrî–karunâ–muditopeksânam sukha–duhkha–punyâpunya–vishayânâm bhâvanâtash chitta prasâdanam
मैत्री करुणा मुदितोपेक्षाणांसुखदुःख पुण्यापुण्यविषयाणां भावनातः चित्तप्रसादनम्

Sutra I-33 gibt Empfehlungen zu Tugenden, die ein Yogi zur Unterstützung seines Weges entwickeln sollte. Satchidananda schreibt: "Egal ob du dich am Erreichen von Samadhi interessiert zeigst oder vorhast, den Weg des Yoga völlig zu ignorieren, würde ich dir raten, zumindest diese Sutra zu erinnern."

Die hier gegebenen Empfehlungen seien "very helpful", im täglichen Leben einen friedlichen Geist zu bewahren.

Hier weiterlesen: Yoga Sutra I-33: Der Geist wird geklärt durch Kultivierung von Freundlichkeit, Empathie, Zufriedenheit sowie Gleichgültigkeit gegenüber Freude, Leid, Erfolg und Misserfolg


Zum Panchatantra

  1. Das Werk Panchatantra, Tierfabeln in Sanskrit, wird in über 50 Sprachen übertragen und gilt als eines der meistübersetzten literarischen Werke Indiens.
  2. In der ursprünglichen Sanskrit-Version von Panchatantra erscheinen Tiere als Lehrmeister – was zeigt, dass das menschliche Leben oft in Spiegelung der Tiere verstanden wurde.
  3. Der Name „Panchatantra“ bedeutet wörtlich „fünf Lehren“ oder „fünf Stränge“ – und jede dieser fünf Teile behandelt eine andere Lebensinsel (z. B. Freundschaft, Verlust, Handlung ohne Prüfung) … 

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Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug

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Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug

Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:

Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.

Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.

Der Krug wurde sehr zornig mit sich.

Hier weiterlesen: Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug


Der Hase vor der Möhre

Hase auf einer Wiese

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Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.

Hier weiterlesen: Der Hase vor der Möhre


Die Schuld und ihr Zorn

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Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?

Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.

Hier weiterlesen: Die Schuld und ihr Zorn


Der Alte am Fenster

Ein alter Mann im Krankenhaus mit Fenster auf eine Stadt. Text: Geschichte: Der Alte am Fenster

Der Alte am Fenster

Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.

Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er je wieder laufen? Wie würde es überhaupt mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst? Apathisch starrte er auf die Decke.

Hier weiterlesen: Der Alte am Fenster


Der übereifrige Dschinn

Ein Dschinn

Geschichte: Der übereifrige Dschinn

Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.

Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.

Hier weiterlesen: Der übereifrige Dschinn


Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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