Narada im Wald. Text: Narada und die Yogis im Wald

Inhalt

Geschichte: Narada und die Wald-Yogis

Narada war berühmt als himmlischer Musikant. Er war ein engelhaftes Wesen und ein mythischer Weiser und zählte zu den sieben großen Rishis und zu den Prajapatis. Er verkehrte zwischen Göttern und Menschen und diente dadurch als Götterbote. Bekannt ist er durch seine Reisen zu den Göttern Krishna und Vishnu. Er stellte diesen ihm mitgegebenen Fragen und kehrte mit den Antworten zu den Sterblichen zurück.

Eines Tages streifte Narada durch einen sonnendurchfluteten Wald. Sein Herz summte im Einklang mit dem Vogelgesang in den Ästen. Er traf auf einen Yogi, der sich seit vielen Jahren nicht von der Stelle bewegt hatte. Dieser Yogi bemühte sich in strenger Askese und hielt seinen Sitz völlig regungslos. So regungslos, dass Ameisen ihre Wohnstatt um ihn herum errichtet hatten.

Als dieser Yogi Narada des Weges kommen sah, unterbrach er sein Schweigen: "Oh heiliger Narada, ich weiß, dass du Vishnu nahestehst. Ich habe eine Bitte: Wenn du den Gott das nächste Mal sprichst, frage ihn bitte für mich, wie lange ich hier noch sitzen muss, bis ich die Erlösung erreicht habe und in sein himmlisches Reich eingelassen werde."

Narada nickte dem Yogi freundlich zu: "Das will ich tun, liebe Seele, und wenn ich das nächste Mal in diesen Wald komme, will ich dir seine Antwort bringen."

Narada schritt weiter. Die Bäume standen nun dichter und Narada hörte einen monotonen Singsang: "Rama, Rama, Rama ..." Der himmlische Musikant wusste natürlich, dass Rama einst der Name einer Inkarnation Vishnu war. Bald sah er den singenden Mann an einem Ast baumeln. Narada erkannte, dass es sich um einen närrischen Bhakti-Yogi handelte, der seiner überquellenden Freude im Gesang Ausdruck verlieh. Auch dieser sprach ihn an: "Oh heiliger Narada, was freue ich mich, dich zu sehen. Ich habe eine Bitte an dich: Wenn du Vishnu triffst, frage ihn von mir, wann ich in sein himmlisches Reich gelange."

Narada lächelte wieder zurück und versprach erneut, dieser Bitte nachzukommen. Auch dem Bhakti-Yogi stellte er in Aussicht, bei seiner nächsten Reise durch diesen Wald mit einer Antwort von Vishnu vorbeizuschauen.

Einige Jahre später war es soweit. Narada wanderte wieder durch diesen Wald und er hatte Antwort für beide Yogis. Zunächst kam er zum Asketen und berichtete: "Ich habe gute Neuigkeiten von Vishnu für dich, mein Freund: Nur noch drei Wiedergeburten und du wirst in das himmlische Reich eingelassen." Doch der Yogi sah dies ganz anders. "Drei ganze Leben? Das ertrage ich nicht." Sprachs und brach verzweifelt auf dem Waldboden zusammen.

Narada empfand Mitleid für die leidende Seele und ging weiter zum Bhakti Yogi. Dort angekommen hörte er wieder das ständige "Rama, Rama" aus den Bäumen. Als der Bhakti Yogi Narada ankommen sah, sprang er herunter und fragte: "Oh Narada, hast du eine Antwort vom Herrn für mich?"

Traurig sah Narada ihn an: "Oh mein Guter, sei tapfer. Siehst du die Blätter des Baumes, an denen du hängst? Vishnu sagt: Nach so vielen Leben wie diese Blätter zählen, wirst du in sein himmlisches Reich einkehren."

Darauf fiel der närrische Yogi voller Freude vor Narada auf die Knie. "Ist das wirklich wahr? Ich werde in das Himmelreich kommen? Oh Narrada, nie habe ich eine schönere Botschaft gehört." Dann wurde er ganz still, regungslos. Sein Blick schaute ins Unendliche.

Narada erkannte, dass der junge Narr in Samadhi gefallen war. Glücklich ging er weiter seiner Wege.

Nacherzählt von Peter Bödeker (Nara = Mensch, Person)

Yoga-Philosophie in einer Waldlichtung: Was Narada uns leise zuflüstert

Die Geschichte von Narada, dem himmlischen Musikanten, ist wie ein kleines Fenster in die alte Yogaphilosophie. Wenn man sie in Ruhe betrachtet, entfaltet sie Bezüge zu einigen der zentralen Konzepte des Yoga.

Narada selbst – dieser geheimnisvolle, musikalische Wanderer – taucht in vielen alten Schriften als Mittler auf. Er bewegt sich zwischen den Welten, mal verspielt, mal weise, immer ein bisschen unberechenbar. Fast scheint es, als würde er weniger Antworten bringen als vielmehr die richtigen Fragen. Seine Begegnungen erzeugen Bewegung, auch wenn er selbst dabei manchmal nur mit seiner Laute den Raum füllt.

Unterschiedliche Pfade des Yoga

Schon die beiden Yogis zeigen zwei Urströmungen:

  • Der asketische Yogi verkörpert Jnana Yoga oder Raja Yoga: Strenge Disziplin, Sammlung, Rückzug. Sein Körper ist streng wie ein Fels, aber sein Geist hängt an einem Ziel.
  • Der Bhakti Yogi ist die Verkörperung des Weges der Hingabe. Sein Herz springt, sein Mund singt, und sein Körper baumelt lächelnd von einem Ast – fast wie ein Blatt selbst.

Alle Wege sind legitim, beide haben Wurzeln in alten Schriften. Die Geschichte spielt jedoch mit der Frage: Was passiert, wenn man zu sehr am Resultat hängt?

Die vier klassischen Yogawege

Die vier klassischen Wege des Yoga lassen sich wie unterschiedliche Landschaften einer gemeinsamen Reise betrachten. Bhakti Yoga ist der Weg des Herzens, getragen von Hingabe, Gefühl und manchmal auch einer Prise kindlicher Freude. Karma Yoga, der Yoga der Tat, erinnert daran, dass selbst einfache Alltagshandlungen zu einem spirituellen Pfad werden können, wenn sie ohne Anspruch auf Belohnung geschehen. Raja Yoga widmet sich der inneren Sammlung, der Konzentration, der meditativen Tiefe. Und Jnana Yoga lädt ein zum Fragen, zum Erkennen, zum Durchdringen des eigenen Bewusstseins. Nichts davon steht im Widerspruch – jeder Pfad ergänzt die anderen, wie vier Strahlen einer Lampe.

Der Umgang mit Erwartung und Ego

Narada teilt zwei Prophezeiungen. Der Erste verzweifelt. Der Zweite jubelt. Beide bekommen objektiv betrachtet ähnliche Antworten: Es dauert.

Doch die innere Haltung entscheidet, wie sich das anhört. Genau das ist ein Kernpunkt der Yogatradition: Ego, Anhaftung und Abneigung führen zu Leid, Hingabe und Loslassen führen zur Freiheit.

Das Motiv der Gnade

Im Bhakti Yoga gibt es die Idee, dass Befreiung weniger ein „Verdienstsystem“ ist, sondern eher ein Moment des Aufgehens – manchmal „im Handumdrehen“, manchmal „aus Versehen“.

Das Thema Samadhi

Der närrische Yogi fällt in Samadhi, die tiefe Versenkung, die in Yoga Sutra I.17ff und anderen Sutras beschrieben wird. Nicht aus Askese, sondern aus Glück. Das erinnert daran, dass Samadhi kein muskulärer Kraftakt ist, sondern ein Zustand, der geschieht, wenn der innere Widerstand erlischt.

FunFacts zum Thema

  1. Narada taucht in über 30 alten indischen Schriften auf, von den Veden bis zum Bhagavata Purana – und fast immer bringt er Chaos, das später Erkenntnis bringt.
  2. Bhakti-Yogis galten früher als spirituelle Outsider, weil sie dem Göttlichen laut und emotional begegneten, im Gegensatz zu den ernsten Asketen.
  3. Ameisenhügel um meditierende Yogis sind ein wiederkehrendes Topos in indischer Literatur. Sie symbolisieren die Zeitlosigkeit der Praxis.
  4. Samadhi wird im Yoga Sutra in acht Formen unterschieden, manche mit "Samen", manche ohne. Der Bhakti-Yogi der Geschichte fällt vermutlich in eine Form des „bhava samadhi“, aus Gefühl, nicht aus Technik.
  5. Rama war nicht nur ein König, sondern galt über Jahrhunderte hinweg als Musterbild idealer menschlicher Haltung (Dharma). Sein Name wurde als Mantra genutzt, lange bevor Yoga populär wurde.
  6. Mantras, wie in der Geschichte beschrieben, sind ein altes Bild aus dem Natha-Yoga: Klang als „Vibration des Kosmos“.
  7. Indische Mythologie kennt mehrere himmlische Musiker – nicht nur Narada. Gandharvas etwa gelten als Sänger mit so feinen Stimmen, dass manche Texte behaupten, man könne beim Lauschen versehentlich meditativ „aufsteigen“.

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Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:

Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.

Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.

Der Krug wurde sehr zornig mit sich.

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Der Hase vor der Möhre

Hase auf einer Wiese

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Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.

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Die Schuld und ihr Zorn

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Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?

Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.

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Der Alte am Fenster

Ein alter Mann im Krankenhaus mit Fenster auf eine Stadt. Text: Geschichte: Der Alte am Fenster

Der Alte am Fenster

Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.

Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er je wieder laufen? Wie würde es überhaupt mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst? Apathisch starrte er auf die Decke.

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Der übereifrige Dschinn

Ein Dschinn

Geschichte: Der übereifrige Dschinn

Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.

Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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