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Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.

Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er nie wieder laufen? Apathisch starrte er auf die Decke. Wie würde es mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst?

Wenn er doch wenigstens eine Lebenspartnerin hätte, die jetzt an seiner Seite stände. Nun rächte sich sein eigenbrötlerischer Lebensstil. Er konnte ein leises Seufzen nicht mehr unterdrücken.

Callum war wohl in einen dämmrigen Halbschlaf gefallen, als die Schwester erneut in das Krankenzimmer trat. Aus den Augenwinkel nahm Callum wahr, wie sie das Kopfende vom Alten am Fenster elektrisch hochfuhr, so dass er aufrecht sitzend aus dem Fenster schauen konnte. Was der Alte dort sah, konnte Callum nicht erkennen. Sein Kopf war durch das Stützkorsett fixiert.

Nachdem die Schwester gegangen war, begann der Alte zu sprechen: "Ich habe Flüssigkeit in der Lunge und werde jeden Tag für eine Stunde aufgerichtet. Das ist für mich die schönste Zeit des Tages. Soll ich Ihnen schildern, was ich hier sehe?"

Callum war es eigentlich egal. Aber der Alte hörte sich irgendwie ... zerbrechlich an. So gab er mit einem knappen "gern" sein Einverständnis.

Mit gemächlicher Stimme schilderte der betagte Herr nun, was er da draußen sah. Vor dem Fenster lag ein gepflegter Park mit imposanten Bäumen beträchtlichen Umfangs. "Zu fünft könnten wir einige von denen nicht umfassen", prahlte der Alte. In den grünen Wiesen lagen verstreut kleine Teiche und sich verspielt schlängelnde Bächlein, die alle paar Meter von fein verzierten Brücken überspannt wurden. Solche Brücken hätte er früher auch gebaut.

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Callum konnte sich anhand der enthusiastischen Schilderungen des Opas ein plastisches Bild von der Grünanlage vor dem Krankenhaus machen. Er hatte gar mitbekommen, dass das Krankenhaus an einem Park lag.

Im Laufe der Tage kamen die beiden Leidensgenossen sich näher. So sich der Alte dazu in der Lage sah – das Sprechen fiel ihm doch hörbar schwer – erzählte er aus seinem Leben, von seinen Frauen, seinen Kindern, seinen Sünden und seinen Erfolgen. Auch Callum kam immer mehr ins Plaudern und berichtete von seinem Tagesrhythmus sowie von den Schwierigkeiten und Freuden des Marktlebens. Mit der Zeit wurde ihm bewusst, wie er dem Alten mehr Einblick in sein Innerstes gewährte. Nach drei Wochen auf dem Krankenbett redete er ohne Scheu von seiner Angst, in völliger Einsamkeit alt zu werden, der Arbeit körperlich nicht mehr gewachsen zu sein oder irgendwann Festellen zu müssen, ein sinnfreies Leben geführt zu haben.

Dennoch, die schönen Zeiten im Krankenzimmer der beiden Invaliden überwogen. Beide freuten sich Tag für Tag auf die Stunde, in welcher der Alte aufgerichtet die Geschehnisse im Park verfolgen und an Callum berichten konnte. Es war Frühlingsanfang und auf den Steinwegen schlenderten frischverliebte Pärchen. Wenn zwei an einem Tage noch mit Anstandsabstand steif nebeneinander einhergingen, so konnte der Alte Tags drauf schon kurze, scheinbar unbeabsichtigte Berührungen schildern. Eine Woche später sah er manche dieser Pärchen dann Hand in Hand unter den Bäumen entlangflanieren.

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Auch die Natur machte in dieser Zeit gewaltige Sprünge. Der Alte war ein scharfer Beobachter und anschaulicher Erzähler. Aus den Knospen bildeten sich im Laufe der Tage im Park ein farbenprächtiges Reich aus frischem Birkengrün, rosa Rotbuchenblüten und weisen Magnolienblüten. Callum merkte, wie er sich zunehmend auf die Phase nach dem Stützkorsett freute. Seine Niedergeschlagenheit der ersten Tage hatte er völlig abgelegt. Was er dem Alten noch nicht erzählt hatte: Sobald er wieder einigermaßen laufen können würde, würde er sich als Erstes bei einer dieser Partnervermittlungen im Internet anmelden ... oder bei einem Tanzkurs oder ... Wenn es doch nur schon so weit wäre.

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Eines Morgens, Tag eins von Woche acht im Stützkorsett, erwachte Callum in ungewohnter Frühe. Er spürte, dass irgendetwas sich verändert hatte. Die Stille. Der Alte pflegte in der Nacht vernehmlich zu röcheln, ein Geräusch, an das sich Callum nach einigen Tagen gewöhnt hatte. Nun fehlte es. Verzweifelt versuchte Callum, den Kopf im Korsett zu drehen. Er sah nur aus den Augenwinkeln den Bettwulst des Alten. Keinerlei Auf und Ab war zu erkennen. Er tastete nach dem Notruf und drückte den Knopf mit aller Kraft hinein.

Es dauerte eine gefühlte Stunde, bis eine Schwester ins Zimmer trat. Ohne auf ihn zu achten, stürzte sie auf das Bett des Alten zu und fingerte an ihm herum. "Was ist denn los? Wie geht es ihm?", krächzte Callum, innerlich seine Hilflosigkeit verfluchend.

"Es tut mir leid. Seine Haut ist schon kalt. Er ist in der Nacht von uns gegangen."

Die folgende Woche lag Callum alleine im Zimmer. Er dachte über vieles nach, was der Alte und er einander erzählt hatten.

Eines Morgens, Tag 57 nach Callum Unfall, kam der behandelnde Arzt zur Tür hinein und befreite ihn von dem Stützkorsett. Vorsichtig fuhr die Schwester das Kopfteil hoch, so dass auch er zum ersten Mal einen Blick aus dem Fenster werfen konnte.

Er starrte auf eine hässliche Betonwand. Konnte er seinen Augen trauen? "Wa ... wa ... was ... Schwester, ich dachte, hier gäbe es einen Park vor dem Fenster."

"Wie kommen Sie denn darauf?"

Langsam dämmerte es Callum. Er murmelte: "Der Alte hat mir davon erzählt ..."

"Wie bitte? Ihr letzte Woche verstorbener Bettnachbar? Der Mann war schon seit zwei Jahren blind ..."

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