Geschichte: Wie Santosh zur Zufriedenheit fand
Eine Geschichte darüber, wie unsere Sicht der Dinge gewandelt werden kann.
"So geht es nicht weiter! Wir werden noch alle verrückt. Es muss etwas geschehen." Santosh zog mit beiden Händen an seinen spärlichen Haaren. Er wohnte zusammen mit seiner Frau, ihren drei Kindern und seinen Eltern in einer 2-Zimmer-Bleibe in Madurai.
"Was sollen wir tun? Wir können uns keine größere Wohnung leisten." Mahila, seine Frau, schaute ihn ratlos an.
"Das ist doch die Hölle. Den ganzen Tag schreit irgendwer, wir kommen mit dem Aufräumen nicht hinterher und ich habe mich heute schon zweimal mit meiner Mutter gestritten." Santosh stierte stumpf auf den Esstisch und zog mit dem Zeigefinger die Holzmaserungen nach. Die kleine Kumari, letzte Woche ein Jahr alt geworden, zog sich an ihm hoch.
"Vielleicht weiß der Meister einen Rat?" Seine Frau blickte ihn fragend an.
Santosh wackelte nachdenklich mit dem Kopf hin und her. Wie sollte der weise Mann bei ihrem Wohnungsproblem helfen? Dann schlug er mit der Faust auf den Tisch, die kleine Kumari fiel auf den Hosenboden. "Ich werde sofort und ihn um Rat fragen. Schaden wird es ja nichts."
Beim Meister
Zu Santoshs Verwunderung meinte der alte Meister schon nach kurzer Erwägung eine Antwort auf das Problem zu kennen.
"Aber zuerst versprich mir, exakt dem zu folgen, was ich dir als Lösung vorschlage", verlangte der Meister.

"Das werde ich", versicherte Santosh ohne nachzudenken. Wusste der Meister wirklich einen Weg aus ihrem Dilemma?
"Nun gut. Wie viele Haustiere leben im Hof?", fragte der Meister.
"Sieben. Eine Ziege, eine Kuh und fünf Hühner."
"Fein. Hole all diese Tiere sofort in eure Wohnung hinein und lasse sie Tag und Nacht im Haus. In einer Woche kommst du wieder zu mir."
Santosh öffnete entsetzt den Mund. Doch sein Wort galt, er musste den Weisungen des Meisters nachkommen. Wieder daheim trieb er unter dem Gezeter und Genörgel seines Vaters das Vieh in die enge Wohnung. Die kleine Kumari juchzte begeistert.

Sieben Tage später bot Santosh ein Bild des Jammers. Völlig erschlagen und voller Zorn begab er sich zum Meister. So konnte es nicht mehr weitergehen!
"Meister", rief er noch im Reinkommen, "wir können nicht mehr. In der Wohnung herrscht nicht auszuhaltender Lärm, alles ist verdreckt, der Gestank ist unerträglich. Mahila schläft nur noch auf dem Balkon. So können wir nicht mehr weiterleben."
Der Meister lächelte ihn an. "Geh und treibe alle Tiere wieder hinaus", sagte er nur. "In einer Woche kommst du wieder zu mir."
Weitere sieben Tage später kam Santosh erneut zum Meister. Sein ganzes Auftreten wirkte gelassen. Lächelnd fragte der Meister: "Wie geht es dir und deiner Familie nun, lieber Santosh?"
"Ein Wunder ist geschehen, Meister. Seit die Tiere nicht mehr unter uns leben, ist unser Heim eine Stätte des Friedens. Diese Ruhe, alles ist sauber, keiner schreit mehr herum. Sogar meine Mutter lächelt den ganzen Tag. Ich kann gar nicht mehr nachvollziehen, warum ich vor zwei Wochen wegen unserer Wohnung so verzweifelt war."
Nacherzählt von Peter Bödeker
Yoga-Bezüge zur Geschichte
Manchmal führen die einfachsten Geschichten mitten ins Herz einer alten Philosophie. Die Erzählung von Santosh, seiner Familie und den Tieren ist keine bloße Anekdote, sondern ein Sinnbild dafür, wie eng Wahrnehmung, Zufriedenheit und Achtsamkeit miteinander verwoben sind – zentrale Themen der Yoga-Philosophie.
Der Spiegel der Wahrnehmung
Im Yoga heißt es, dass Leiden nicht aus den Dingen selbst entsteht, sondern aus unserer Sichtweise auf sie – ein Gedanke, der schon in den Yoga Sutras des Patanjali verankert ist. Santosh erlebt genau das: Sein Leiden ist real, doch die Quelle liegt nicht in der Enge der Wohnung, sondern in seinem Geist, der Mangel und Enge betont.
Der Meister verändert nicht die äußeren Umstände, sondern Santosh’ Blickwinkel. Indem er die Situation scheinbar verschlimmert, öffnet er ihm die Augen für das, was zuvor schon da war – Dankbarkeit und Frieden im Einfachen.
Wann hast du das letzte Mal bemerkt, dass sich deine Sicht auf ein Problem verändert hat – und dadurch plötzlich alles leichter wurde?
Zufriedenheit als innere Praxis
Im Yoga nennt man diesen Zustand Santosha – Zufriedenheit, ein der fünf Niyamas (ethische Lebensregeln). Sie bedeutet nicht, alles gutzuheißen, sondern anzunehmen, was ist, und im Jetzt Ruhe zu finden. Santosh’ Name ist also kein Zufall: Er wird zur Verkörperung dieser inneren Haltung.
Das Loslassen von Widerstand, das Annehmen des Moments – das sind keine weltfernen Ideale, sondern praktische Wege, den Geist zu entlasten.
Yoga Sutra II-32: Die Nyamas lauten Reinheit, Zufriedenheit, Selbstdisziplin, Selbststudium und Hingabe an Ishvara (Ur-Guru, Gott, göttliches Ideal)
Yoga Sutra II-42: Durch das Kultivieren von Zufriedenheit (Santosha) erreichen wir höchstes Glück
Welche dieser Eigenschaften bzw. Tätigkeiten helfen dir am meisten, innerlich zufrieden zu bleiben?
Verbindungen zur Yoga-Philosophie
- Santosha (Zufriedenheit): Der Kern der Geschichte.
- Vairagya (Losgelöstheit): Santosh lernt, sich nicht länger an seine Vorstellungen zu klammern.
- Pratyahara (Rückzug der Sinne): Der Rückzug der Tiere steht sinnbildlich für die Befreiung von äußeren Störungen.
- Karma Yoga: Der Meister handelt ohne Eigeninteresse – zum Wohl des anderen.
- Svadhyaya (Selbsterkenntnis): Santosh erkennt sich selbst – durch Erfahrung, nicht durch Belehrung.
7 seltene oder humorvolle Fakten zur Yoga-Philosophie
- Das Wort Santosha bedeutet im Sanskrit wörtlich „vollständig mit sich selbst zufrieden“ – es teilt die Wurzel mit „tosha“, was „Zufriedenheit“ oder „Freude“ bedeutet.
- In alten Yoga-Schriften wird Zufriedenheit als größerer Reichtum bezeichnet als jede materielle Fülle.
- Patanjali erwähnt Santosha nur kurz – dennoch gilt es als einer der praktischsten Wege zum inneren Frieden.
- Manche moderne Yoga-Lehrer empfehlen, täglich „drei Dinge“ aufzuschreiben, für die man dankbar ist – ein moderner Ausdruck von Santosha.
- Der Ausdruck „innere Wohnung aufräumen“ ist im Yoga kein Bild, sondern eine echte Übung: Ahara-Shuddhi, die Reinigung der geistigen „Ernährung“.
- In Südindien gibt es Tempel, in denen Kühe tatsächlich als Lehrer der Geduld gelten – vielleicht hätte Santosh das gewusst.
- Der Name „Santosh“ ist in Indien beliebt, weil Eltern hoffen, ihr Kind möge Zufriedenheit in sich selbst finden – nicht in der Welt um sich herum.

Ergänzende Worte von dir?
Möchtest du etwas zur Interpretation der Geschichte ergänzen?
Vielen Dank, dass du deine Gedanken mit uns teilst!

Weitere Yoga-Geschichten
- Gibran: Von der Liebe
- Die Schuld und ihr Zorn
- Aidan Lavette – der unsterbliche Geist
- Der wertvolle Krug
- Wie ein Weiser regiert
- Die Liebe des Guru
Weitere Yoga-Geschichten hier auf Yoga-Welten.de
- Gibran: Von der Freiheit
- Der Hase vor der Möhre
- Giran: Von der Arbeit
- Ohne mit der Wimper zu zucken
- Die Geschichte der drei Siebe
- Die Sicht der Dinge
- Was ist Frieden? Der Wettbewerb und sein außergewöhnlicher Gewinner
- Gibran - Von der Vernunft und der Leidenschaft
- Der wahre Wert
- Der Weise und der Diamant
- Der Alte am Fenster
- Wie Santosh zur Zufriedenheit fand
- Gibran: Vom Vergnügen
- Der König und der Schuster
- Gilbran: Von der Selbsterkenntnis
- Conor und das Geheimnis der wichtigsten Wahrheit
- Wolf und Waldemar im Spiegelkabinett
- Die Geschichte vom vorlauten Spatz
- Abgrund und Wirklichkeit
- Gibran: Von Schuld und Sühne
- Gibran: Vom Geben
- Aidan Lavette und das Zimmer zum wahren Selbst
- Die Angst vor dem Meisterschützen
- Der Mittlere Pfad
- Mantu der Zuversichtliche
- Narada, Krishna und das unergründliche Maya
- Der schlummernde Schatz
- Die Geschichte von Jada Bharata
- Werden und wachsen am Meru
- Narada und die Wald-Yogis
- Gibran: Vom Beten
- Der Weise und das Menschenopfer
- Das Wertvollste zuerst
- Ist das Leben schwer oder leicht?
- Beim nächsten Mal klappt es bestimmt
- Zen und der Tod eines Kindes
- Der Zorn des Siddhas
- Es kann mir nichts geschehen!
- Die hilfreiche Präsenz
- Rückblick bei Kerzenschein
- Wolfgang Borchert "Nachts schlafen die Ratten doch"
- Die fünf Phasen der Bewusstheit
- Der übereifrige Dschinn
Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:
Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.
Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.
Der Krug wurde sehr zornig mit sich.
Hier weiterlesen: Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Der Hase vor der Möhre
Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.
Hier weiterlesen: Der Hase vor der Möhre

Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?
Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.
Hier weiterlesen: Die Schuld und ihr Zorn
Geschichte: Der übereifrige Dschinn
Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.
Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.
Hier weiterlesen: Der übereifrige Dschinn

Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.
Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er nie wieder laufen? Apathisch starrte er auf die Decke. Wie würde es mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst?
Hier weiterlesen: Der Alte am Fenster

