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Gott im Yoga | Von Ishvara, Atheismus und Shiva

Im Yoga gibt es verschiedene Gottesvorstellungen. Manche Pfade kommen völlig ohne ein höchstes Wesen aus, andere suchen die Erlösung in der Verehrung einer persönlichen Gottheit. Dazwischen gibt es zahlreiche Abstufungen.

 
 

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Ziel des Yoga

Yoga will über die Beruhigung des Geistes den Menschen zur Befreiung führen. Zahlreiche Übungen, Verhaltensweisen und Handlungsempfehlungen dienen diesem Zweck. Einige Strömungen kommen dabei völlig ohne Gott aus (z.B. Buddhismus), andere nutzen Gottesvorstellungen für den Fortschritt des Schülers (z.B. Raja Yoga) und andere setzen völlig auf die liebende Verehrung einer persönlichen Gottheit, Bhakti Yoga genannt:

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Bhakti-Yoga - der Weg der liebevollen Hingabe

Die Bedeutung: Bhakti-Yoga steht für liebevollen und verehrenden Hingabe zu Gott, einem Guru und/oder der gesamten Schöpfung. Es gibt viele Spielarten der Bhakti...

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Formen der Gotteserfahrung

Grundsätzlich lassen sich drei Arten der göttlichen Erscheinungsform in den indischen Schriften unterscheiden:

  • als Brahman, das alldurchdringende Sein und Bewußtsein im Universum, alles, was ist. Als Einheitserfahrung erkennbar.
  • Gott als konkretes Wesen, Ishvara, als Shiva, Krishna, Jesus ... – das nicht Fassbare tritt in eine Form.
  • Param Atman: Gott als eigene wahre Selbst.

Dabei gilt immer:

Gott in mir

Gotteserfahrung ist subjektiv und kann nicht geteilt werden. Berichte von anderen können geglaubt werden. Aber Yoga will der Weg zu eigener Erfahrung sein.

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Ishvara

Das Yogasutra von Patanjali gilt als erster Text, der Philosophie und Übungsweg des Yoga systematisch zusammenfasst. Darin trägt Gott den Namen Ishvara und wird das erste Mal in Sutra I-23 erwähnt:

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Interpretationen der Gottesbedeutung im Yogasutra

Eliade schreibt auf Seite 77, dass Ishvara von Patanjali als "reiner Geist" geschildert wird. Ishavara habe im Unterschied zu westlichen Gottesvorstellungen nicht die Erde erschaffen und greife auch nicht ins Weltgeschehen ein, weder früher noch aktuell, weder direkt noch indirekt.

Eliade, S. 83: "Kosmos, Leben und Minsch sind, ... , von der prakrti >>geschaffen<<, weil sie alle aus der Ursubstanz kommen."

 

Ishvara hat keine Wünsche, leidet nicht und ist nicht dem Karma unterworfen:

Yoga Sutra I-24: Ishvarah ist als besonderes Wesen unberührt von Leid, Karma oder Wünschen

 

Er ist Quell allen Wissens und Guru aller Gurus:

Yoga Sutra I-25: Er ist unübertroffen und Quell allen Wissens

Yoga Sutra I-26: Ungegrenzt von der Zeit ist er seit ältesten Zeiten der Lehrer aller Meister

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Gott als Meditationsobjekt

Wohl aber könne Ishvara "... bei bestimmten Menschen den Prozeß der Befreiung beschleunigen", indem er diesen helfe "... dass man schneller zum samadhi" gelange, wenn Ishvara von diesem zum Objekt der Meditation gemacht werde.

Eliade schreibt: "Der Purusha, der freie Geist des Menschen, hat seine archetypische Entsprechung in Isvara." Wobei Ishvara immer frei war, sich nie verloren hat.

Siehe die "Andacht zu Ishvara" in Sutra I-23 und II-45:

Yoga Sutra I-23: Oder durch fromme Hingabe an Ishvara (Gott als ein ideal gedachtes Wesen) kann es erlangt werden

 

Yoga Sutra II-45: Die Hingabe an Ishvara führt zu Samadhi und großen Kräften

 

 

Anders ausgedrückt: Der Yogi bemüht sich durch seine Konzentrationsübungen, die (geistige und körperliche) Unbeweglichkeit, die Seinsweise Ishvara nachzuahmen. Ishvara als Vorbild. Die Konzentration auf Ishvara ist die "mystische" Variante der im Yogasutra vorgestellten Yogatechniken zur Befreiung.

Ishvara lässt sich gemäß dieser Interpretation nicht durch Gebet oder Opferhandlungen zur Hilfe herbeiholen, er arbeite (bei Konzentration auf ihn) aber quasi mit dem Yogi mit, der sich befreien will.

Eliade Seite 84: "Bei seinem Vorhaben, der Sammlung und Klassifizierung aller von der klassischen Tradition anerkannten yogischen Techniken" habe Patanjali eine "Realität in der Erfahrung" im indischen Leben nicht unterschlagen können. Er habe nicht eine "ganze Seite von Erlebnissen übergehen" wollen, "welche einzig die Konzentration auf Ishvara ermöglichte."

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Der Gott der Yogi

So ist Ishvara bei Patanjali eigentlich ein Gott der Yogi, der (nur) denen helfen könne, welche den Weg des Yoga eingeschlagen haben. Zusammenfassend eine eher bescheidene Gottes-Rolle. Es braucht Gott nicht für den Yoga, er kann aber helfen, ihn zum Gegenstand seiner Meditation zu machen ...

Ähnlich schreibt Coster auf Seite 76: Nur vier oder fünf der Sutren handeln von der Anbetung einer persönlichen Gottheit – Ishvara – und "dies auch nur als Empfehlung einer nützlichen Übung, als Weg, um die geistige Kraft zu entfalten, als nützliche und völlig logische Hypothese." Enthaltsamkeit von Fleisch und Alkohol hingegen wird als unbedingt notwendig angesehen.

Die sonstigen Techniken des Yogas sind "magischer" Natur: Pranayama, Dharana usw. Mit "Meditation auf Ishvara" kommt eine mystische Übung ins Spiel, die das Erreichen des Samadhi zumindest beschleunigt.

Aber eigentlich ist Ishvara bei den ganzen Yogatechniken nicht notwendig. Buddha und Co. üben alle ohne Konzentration auf einen Gott Ishvara.

Eliade sieht darum Ishvara eher als einen "Makroyogi" denn als einen allmächtigen Gott.

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Das Bedürfnis zur Anbetung

Der östlichen Philosophie fehlt der Zwang zum Monotheismus, auch hoch entwickelte Menschen dürfen in Indien angebetet werden. Jeder kann hier seine eigene Auswahl treffen und diese Menschen entsprechend ihres geistigen Ranges bzw. dem Grade ihrer geistigen Entwicklung anbeten. Der östliche Mensch, so Coster auf Seite 80, habe das dringende Bedürfnis, etwas zu verehren, aber jedem Einzelnen bleibe überlassen, wer oder was dies sein mag.

Bei späteren Kommentatoren des Yogastura bekommt Isvara eine immer aktivere Rolle. Vacaspati Misra und Vijanana Bhiksu gewähren Ishvara große Bedeutung für den persönlichen Fortschritt des Schülers. Nilakantha behauptet (Eliade, Seite 85), dass Gott "obwohl inaktiv, den Yogins nach Art eines Liebhabers hilft. Nilakantha geht soweit, dass Ishvara einen Willen hat, der Menschen dazu zwingen kann, gute oder schlechte Taten zu begehen.

Diese Kommentatoren lebten in einer Zeit, in der Indien von mystischen Strömungen durchdrungen war. Eliades Fazit:

"So kam es zum Sieg der Mystik über die mehr magische Natur des ursprünglichen Yoga."

Weiterlesen: Bhakti-Yoga: Der Yogapfad mit Gott

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