Ego auflösen: „Kein Ich, kein Problem – Praxisbuch“ | Chris Niebauer | Buchrezension und Erläuterung des Weges

In einer Welt, die von ständigem Grübeln, Sorgen und Selbstzweifeln geprägt ist, will Dr. Chris Niebauers Buch „Kein Ich, kein Problem – Ein Praxisbuch“ einen Ausweg bieten. Es soll ein Wegweiser zur mentalen Freiheit sein.

Niebauer verknüpft wie im Basiswerk „Kein Ich, kein Problem“ die Neuropsychologie und den Buddhismus miteinander. Hier im Praxisbuch liegt der Schwerpunkt auf Werkzeugen und Übungen. Das große Ziel dahinter besteht darin, sich von der Identifikation vom eigenen Denken (und damit vom Ego) zu lösen, um Klarheit, Zufriedenheit und innerem Frieden zu erreichen.

Was bedeutet es wirklich, das Ego aufzulösen – jenseits von Schlagworten und spirituellen Versprechen? Diese Rezension zum Buch enthält auch eine Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte des Buches und schildert Übungen und einige lehrreiche Beispiele aus der Psychologie und Neurologie.

Praxisbuch: Kein Ich, kein Problem

Inhalt: Ego auflösen: „Kein Ich, kein Problem – Ein Praxisbuch“

Kurz zusammengefasst

  • Ego als Konstruktion
    Das sogenannte Ich-Gefühl entsteht laut Niebauer durch die interpretierende Aktivität des Verstandes. Gedanken formen eine fortlaufende Geschichte über „dich“, die sich stabil anfühlt – aber nicht stabil sein muss.
  • Neuropsychologie trifft Buddhismus
    Das Buch verbindet Split-Brain-Forschung, Bewusstseinspsychologie und buddhistische Konzepte wie Anatta (Nicht-Selbst). Ziel ist nicht Glauben, sondern Erfahrbarkeit.
  • Gedanken sind nicht die Wirklichkeit
    Der Verstand konstruiert Bedeutungen, Zukunftsszenarien und Probleme. Viele Leiden entstehen nicht durch Ereignisse, sondern durch Identifikation mit Gedanken.
  • Praxis statt Theorie
    Im Mittelpunkt stehen konkrete Übungen: Atembeobachtung, Nichtstun, Achtsamkeit, Dankbarkeit. Die Auflösung des Ego geschieht schrittweise durch veränderte Beziehung zum Denken.
  • Ego auflösen heißt nicht Selbstverlust
    Gemeint ist keine Identitätszerstörung, sondern Distanz zum inneren Erzähler. Das Ich wird relativiert – nicht ausgelöscht.
  • Illusion der Wahrnehmung
    Farben, Bedeutungen, Bewertungen: Das Gehirn interpretiert ständig. Wirklichkeit erscheint objektiv, ist jedoch eine neuronale Konstruktion.
  • Weniger Wünsche, weniger Leid
    In Anlehnung an buddhistische Lehre betont das Buch: Wünsche erzeugen mentales Leiden. Präsenz reduziert dieses Spannungsfeld.
  • Pirahã als Gegenentwurf
    Das indigene Volk der Pirahã lebt stark im unmittelbaren Erleben. Weniger Abstraktion, weniger Identitätsnarrative – mehr Gegenwart.
  • Gefühle als Entscheidungshilfe
    Emotionen spiegeln oft komplexere Zusammenhänge als lineares Denken. Der Körper kann ein verlässlicherer Kompass sein als Gedankenschleifen.
  • Kritische Einordnung
    Die Hemisphären-These wird zugespitzt dargestellt. Wissenschaftlich ist das Selbstmodell komplexer, doch als Praxisansatz bleibt der Gedanke wirksam.

Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.

Von der grundlegenden Geisteshaltung

Niebauer fragt zu Beginn, was das „Merkwürdigste“ daran sei, dass wir bewusste Wesen sind. Er antwortet für sich:

„Für mich ist das, dass es den meisten Menschen überhaupt nicht merkwürdig vorkommt.“

Woran mag dieser Mangel an Verwunderung herrühren? Eventuell daran, dass „Bewusstsein von denkendem Verstand umwölkt“ sei. Vom Geplapper in unserem Geist.

Das Geplapper in die Schranken verweisen

Und diesem das reine Bewusstsein verhindernden Geplapper sagt Niebauer in seinem Buch den Kampf an.

Dieses Geplapper, dem wir so viel Bedeutung beimessen, hat noch viele, weitreichende und oft negative Folgen, wie Niebauer an zahlreichen Beispielen verdeutlicht. Obwohl unser Verstand vom Grundprinzip her ein weises evolutionäres Werkzeug ist, das uns in vielen Lebenssituationen hilfreich zur Seite stehen kann. Uns bei der Lösungsfindung hilft, uns Probleme überwinden lässt.

Die interpretierende Stimme in unserem Kopf tauge nur nicht als Lenker und Meister unseres Lebens, gehört entsprechend in (enge) Schranken verwiesen, so Niebauer.

Missverständnis: Ego auflösen bedeutet nicht Selbstwert verlieren

Der Begriff „Ego“ ist kulturell aufgeladen. In der Alltagssprache meint er oft Arroganz oder Selbstbezogenheit. In spirituellen Kontexten steht er für das konstruierte Selbstbild.

Wichtig ist die Klarstellung:
Ego auflösen bedeutet nicht, den eigenen Wert infrage zu stellen.

Im Gegenteil. Wer erkennt, dass viele selbstkritische Gedanken lediglich mentale Konstruktionen sind, wird oft stabiler – nicht schwächer.

Die Praxis zielt nicht auf Selbstverleugnung, sondern auf Selbstrelativierung.

Es geht darum, zu erkennen:

  • Gedanken sind nicht identisch mit der Person.
  • Gefühle sind vorübergehende Zustände.
  • Identität ist beweglich, nicht statisch.

Was belastet dich im Alltag am meisten?

 

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Das Ich-Problem

Das gravierendste Übel, was der Verstand verantwortet, ist laut Niebauer (und auch gemäß vieler spiritueller Lehren) die Erschaffung der meisten, wenn nicht gar aller Probleme, die wir als Mensch erleben, sowie das eines Ich-Gefühls, des sogenannten Egos. Was wiederum zu ganz eigenen Problemen führt.

Und dieses falsche Ich-Gefühl will Niebauer mit den Übungen des Buches (in kleinen Schritten) offenlegen, bloßstellen und widerlegen.

Warum das Ganze? Er zitiert den Sufi-Mystiker Rum:

„Verlierst du jedes Ich-Erleben, schwinden die Fesseln von tausend Ketten.“

Konkretes Fallbeispiel: Wie fühlt sich Ego-Auflösung im Alltag an?

Theorie bleibt Theorie, solange sie nicht am eigenen Erleben überprüft wird. Doch wie sieht das sogenannte Ego im Alltag konkret aus?

Ein Beispiel:
Jemand kritisiert einen beruflichen Vorschlag. Innerhalb von Sekunden entstehen Gedanken wie:
„Ich werde nicht ernst genommen.“
„Ich bin offenbar nicht kompetent genug.“
„Das passiert mir immer.“

Hier wird deutlich, wie schnell aus einem neutralen Ereignis eine Ich-Geschichte konstruiert wird. Nicht die Kritik selbst verursacht das Leiden, sondern die Identifikation mit der gedanklichen Interpretation.

Was geschieht, wenn man – gemäß Niebauers Vorschlag – innehält und nur beobachtet?

Die Gedanken sind noch da.
Aber sie werden als Gedanken erkannt.

Statt „Ich bin nicht gut genug“ lautet die innere Wahrnehmung nun:
„Da ist der Gedanke, nicht gut genug zu sein.“

Diese kleine Verschiebung wirkt unscheinbar. Doch sie verändert die gesamte innere Dynamik. Zwischen Reiz und Reaktion entsteht Raum. Und in diesem Raum beginnt Freiheit.

Das Buch liefert viele Übungen, aber letztlich geht es immer um diesen einen Moment: Gedanke oder Wirklichkeit? Geschichte oder Gegenwart?

Gesellschaftliche Dimension – Warum ist das Thema heute relevant?

In einer Zeit permanenter Selbstoptimierung, digitaler Selbstdarstellung und algorithmisch verstärkter Identitätsbildung wirkt die Frage nach dem „Ich“ beinahe subversiv.
Wer bin ich – jenseits von Profilen, Rollen, Meinungen, Erinnerungen?

Das Buch trifft einen Nerv der Gegenwart: Je lauter die Welt wird, desto stärker identifizieren sich Menschen mit ihren Gedanken. Und desto größer wird bei der einen oder anderen die Sehnsucht nach innerer Distanz.

Medizinische Fallbeispiele

Wie im ersten Teil von „Kein Ich – kein Problem“ schildert Niebauer mehrere Beispiele aus der medizinischen Praxis, welche die Konstruktion eines vom Verstand erzeugten Ich-Gefühles offenbaren.

Da sind zum einen die Split-Brain-Patienten, Bei ihnen wurde die Verbindung von der linken zur rechten Gehirnhälfte gekappt. Mit der Folge, dass anschaulich erlebt werden konnte, wie die linke Gehirnhälfte die Geschichte eines Ich konstruiert, auch wenn das mit der Realität nichts oder nur wenig zu tun hat. Niebauer schildert beispielhaft eine Studie, bei der Aufforderungen per Bild allein der rechten Gehirnhälfte an die Split-Brain-Versuchsteilnehmer gemacht wurden, z. B. „Gehen“. Nachdem diese ausgeführt worden waren, wurde die linke Gehirnhälfte (für Sprache zuständig) mit Worten gefragt, warum diese Tat eben (z. B. aufstehen und gehen) von dem Versuchsteilnehmer gemacht worden war? Sofort erfand die linke Gehirnhälfte des Versuchsteilnehmers dann eine völlig falsche Geschichte (zum Beispiel: „... ich wollte eine Cola holen“), die nichts mit dem wahren Grund, nämlich dem Schild „Gehen“, zu tun hatte.

Niebauer bringt zahlreiche weitere Beispiele für solche irrigen Realitäts-Konstruktionen und -Interpretationen des Verstandes.

Wir halten fest: Man könne gemäß Niebauer sagen, „dass das Gehirn in der Lage und geneigt ist, sich eine Geschichte über das Wahrgenommene auszudenken, die auf der Grundlage der verfügbaren Informationen Sinn ergibt.“

Man kann es nicht wissen

Was sagt dir dein Verstand, wenn du die folgende Reihe siehst?

2, 4, 6, _

Gehe erst weiter runter, wenn du dir Gedanken dazu gemacht hast.

Hier

geht

es

weiter

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Erschien eine „8“ bei dir im Kopf? Das ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie unser Verstand ein Ereignis wahrnimmt (die Zahlenfolge) und auf die Zukunft schließt.

Warum ist das nicht richtig? Nun ja, „8“ kann richtig sein, aber auch „2,4,6,4,2“ wäre möglich und logisch. Oder 2,4,6,10,16, _ (was wäre hier wohl die nächste Zahl?) ist eine mögliche korrekte Fortsetzung.

Warum ist das ein Problem? Dein Verstand interpretiert plappernd die ganze Zeit das Geschehen um dich herum, erstellt Zukunftsszenarien und du nimmst diese Stimme in dir für bare Münze. Entwickelst daraufhin Gefühle und Emotionen und fühlst dich – auf einmal – gut oder schlecht, obwohl noch gar nichts passiert ist, das dich normalerweise so fühlen ließe. Allein die von deinem Verstand ausgedachten Szenarien verändern dein Wohlbefinden.

Zudem verhindern die Interpretationen und die daraus folgenden inneren Dialoge ein weiteres klares Wahrnehmen der Gegenwart.

Was wäre auf die Frage der Fortsetzung der obigen Reihe die logisch korrekte Antwort gewesen?

Ganz einfach:

„Mein Verstand weiss es nicht!“.

Aber, so Niebauer: „... dieser Gedanke kommt selten auf. Und wenn er es täte, so käme uns das seltsam vor.“

Ponzo-Täuschung

Nehmen wir folgendes, bekanntes optisches Beispiel für die fehlerhafte Urteile unseres Verstandes:

Ponzo Taeuschung

Die Ponzo-Täuschung oder Ponzo-Illusion ist eine geometrisch-optische Täuschung, die von Mario Ponzo 1928 entdeckt wurde. In der Abbildung erscheint der obere Querbalken länger als der untere, obwohl beide gleich lang sind.

Der „Weiß-nicht“-Geist

Niebauer bringt mehrere Beispiele für Situationen, in denen wir eigentlich sagen müssten: „Ich weiss es nicht“, unser Verstand aber stattdessen eine plausible Erklärung konstruiert (die auch stimmen kann, aber halt nicht muss).

In diesem Zusammenhang wird dann auf Zen-Übungen verwiesen, die einen „Weiß-nicht“-Geist kultivieren.

Ein Beispiel wäre der berühmte Koan „Wie klingt EINE klatschende Hand?“

Oder sich mit Fragen zu beschäftigen wie „Was geschieht nach unserem Tod?“.

Oder sich immer die Frage stellen: „Ist vielleicht das Gegenteil von dem, was ich vermute oder zu erkennen meine, wahr?“

Die Bearbeitung solcher Fragen (genauer: die Unfähigkeit zur Beantwortung) soll den Einfluss des Verstandes bei unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit auf das rechte Maß zurechtrücken. So dass wir klarer erfassen, was wirklich ist.

Niebauer gibt im Buch zahlreiche weitere Beispiele dafür, wie der Verstand munter die Welt um uns herum erklärt und deutet und Prognosen für die Zukunft erstellt, obwohl wir eigentlich immer sagen müssten: „Ich weiss es nicht.“

mann meditiert in den bergen 1000

Übungen zur Auflösung des Ego

Beispielhaft seien hier Übungen aus Buch aufgelistet und kurz erklärt:

Atemübungen

Niebauer sagt, viele Forschungsarbeiten hätten gezeigt, dass der Atem die Kraft habe, den denkenden Verstand in die Ruhe zu führen und damit das Tor zu klarem Bewusstsein zu öffnen.

Diese geschähe primär durch bewusste Beobachtung des Atmens. Im zweiten Schritt ginge es darum – ganz Yogalehre – den Atem zu verlängern. Vor allem sanfter und länger auszuatmen.

Sich in den gegenwärtigen Augenblick verlieben

... denn nur hier erleben wir wirklich. Ansonsten leben wir Gedanken. Eine Möglichkeit dazu besteht in der Wiederholung des folgenden „Mantras“:

Es ist jetzt. Es ist immer noch jetzt. Es ist immer noch jetzt.

Solange, bis der Verstand sich von den Worten löst und wir tatsächlich deren Sinn spüren.

Probleme relativieren

Laut vieler spiritueller Richtungen ist unser Verstand die Wurzel für fast alle unsere Probleme. Kein Verstand, kein Problem. Niebauer gibt immer wieder Anregungen, der wahren Natur unserer Probleme auf die Spur zu kommen und sie damit kleiner zu machen oder ganz verschwinden zu lassen. Dazu gehören:

  • Die Relativierung unserer Probleme bei Betrachtung des ganzen Lebens.
  • Sich bewusst machen, dass unser Verstand dieses Problem als Problem definiert. Gut nachzuvollziehen bei Problemen wie Scham oder Eifersucht.
  • Sich unser Verstand gerne auf ein Problem konzentriert und dabei alles vergisst, was gerade gut läuft.
  • Sich bewusst zu machen, dass man alles, was man wirklich zum Leben braucht, heutzutage ganz leicht bekommt. Probleme bereitet alles „Mehr-haben-wollen“. Niebauer regt an, dieses (einfach) zu beenden.
  • Sich vergangenes Leid bzw. überstandene Probleme in Erinnerung zu rufen und zu schauen, was sich dadurch im Leben verändert hat. Zu schauen, ob sich nicht auch etwas Positives daraus ergeben hat.
  • Vergebung zu üben.
  • Dankbarkeit zu pflegen. Dankbarkeit zu kultivieren führt dazu, dass unser Gehirn „neu verdrahtet wird“ und sich so viele Problemgedanken auflösen. Besonders gut soll dabei die Praxis der Dankbarkeitsgeschichte wirken, wie sie von Andrew Huberman vorgeschlagen wird:

Video: Wie man eine Dankbarkeits-Praxis entwickelt

Länge: 85 Minuten

Youtube-Video

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„Eine der wichtigsten Einsichten des Buddha war die Erkenntnis, dass sich die Realität ständig verändert und dass unsere leiden vom Festhalten an unserer Vorstellung herrührt, dass sie irgendwie stabil oder auch beständig sei, wie etwa die Vorstellung von einem „Ich“ oder einem „Selbst“.“

Dr. Chris Niebauer

Erinnerungen weniger berücksichtigen

Erinnerung formt das Ich: Wer es schafft, sich ganz als momentanen Zustand zu betrachten, schafft es, dass sich alles, was sich als „Persönlichkeit“ sieht, auflöst. Niebauer verweist zudem darauf, dass Erinnerungen stets trügen können und der Umgang mit anderen Menschen erleichtert wird, wenn wir uns klarmachen, dass wir uns nie so ganz sicher sein können, was da wirklich früher vorgefallen ist. Und wir leiden weniger, wenn wir unseren Erinnerungen nicht für bare Münze nehmen.

Das waren einige der Übungen zur Auflösungen des Egos aus dem Buch. Fassen wir zusammen:

Was bedeutet „Ego auflösen“ konkret?

Der Ausdruck „Ego auflösen“ klingt radikal. Er weckt Assoziationen von Identitätsverlust oder mystischem Verschwinden. Gemeint ist hier jedoch etwas wesentlich Nüchterneres.

Niebauer beschreibt keinen metaphysischen Vorgang, sondern eine Verschiebung der Identifikation. Das Ich soll nicht zerstört werden – sondern als Konstruktion erkannt werden. Der Weg lässt sich in drei Schritten zusammenfassen:

  1. Erkennen, dass Gedanken automatisch entstehen.
    Sie tauchen auf – ungefragt, oft ungeordnet, manchmal widersprüchlich.
  2. Beobachten, dass diese Gedanken eine Ich-Geschichte formen.
    „Ich bin so“, „Ich war schon immer“, „Ich werde niemals“ – Narrative, die Stabilität suggerieren.
  3. Erfahren, dass Bewusstsein vor dem Denken liegt.
    In Momenten reiner Präsenz – etwa beim Atmen oder im Nichtstun – tritt das Erzählen in den Hintergrund.

„Ego auflösen“ bedeutet somit nicht Selbstvernichtung, sondern Entkoppelung vom inneren Erzähler. Das Ich wird nicht beseitigt, sondern relativiert. Es darf weiter auftreten – aber es bekommt nicht mehr automatisch das letzte Wort.

Das ist weniger spektakulär, als es klingt. Und zugleich tiefgreifend. Denn wer das Denken nicht mehr vollständig mit sich selbst verwechselt, gewinnt Handlungsspielraum.

Kommen wir nun zu einem diesbezüglich interessanten Menschenschlag:

Das Volk der Pirahã

Niebauer schildert am Beispiel des Volkes der Pirahã, dass ein Leben mit weniger Denken und Interpretation möglich und durchaus vorteilhaft sein kann.

Lebensweise und Kultur

Die Pirahã leben als eines der letzten Jäger- und Sammler-Völker in einfachen Hütten am Amazonas, weitgehend ohne zivilisatorische Errungenschaften. Sie bewohnen einen Abschnitt des Amazonasgebiets, der durch die Flüsse Rio Marmelos und Rio Maici charakterisiert ist. Die Region zeichnet sich durch seine ausgeprägte Trocken- und Regenperiode aus.

Ihre Bevölkerungszahl beläuft sich auf rund 360 Personen. Sie leben in kleinen Gruppen, die sich mit dem Sammeln von Paranüssen beschäftigen. Trotz Kontakt mit der Außenwelt haben die Pirahã ihre traditionelle Kultur und ihren eigenen Lebensstil bewahrt​​​​. 

Ihre Namensgebung ist einzigartig und ist Teil ihrer Kosmologie. Ein Kind erhält bereits im Mutterleib einen Namen, der als wesentlich für seine Existenz angesehen wird​​​​.

Bezüglich einer gesellschaftlichen Rangordnung gibt es keine spezifischen Informationen, die darauf hindeuten, dass die Pirahã eine komplexe soziale Hierarchie haben. Ihre Lebensweise als Jäger und Sammler und die Fokussierung auf die unmittelbare Erfahrung deuten darauf hin, dass sie möglicherweise eine eher egalitäre Gesellschaftsstruktur haben. Ihre einfache Lebensweise, weitgehend ohne moderne zivilisatorische Einflüsse, unterstützt diese Annahme​​​​.

Niebaurer regt an: „Stelle dir eine Gesellschaft ohne Rangordnung, ohne Kategorien vor“. Was würde sich dadurch ändern?

Einblicke in das Leben der Pirahã

Die Pirahã-Gemeinschaft und ihre Sprache

Die Pirahã sind ein indigenes Volk, das im Amazonasgebiet Brasiliens lebt. Ihre Sprache, ebenfalls Pirahã genannt, ist einzigartig und gilt als die einzige heute noch gesprochene Sprache der Mura-Sprachfamilie. Die Pirahã-Sprache ist besonders, da sie sich in verschiedenen Aspekten von anderen Sprachen unterscheidet. Einige ihrer bemerkenswerten Merkmale sind:

  • Einfachheit im Zahlensystem: Frühere Berichte erwähnten die Wörter „hói“ und „hoí“ für „eins“ und „zwei“, die sich nur im Ton unterscheiden. Neuere Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass diese Wörter eher für „kleine Anzahl“ und „größere Anzahl“ stehen und keine echten Zahlwörter sind.
  • Fehlen von Farbbezeichnungen im eigentlichen Sinn. Stattdessen verwenden die Pirahã beschreibende Redewendungen, um Farben zu bezeichnen, wie beispielsweise „wie Blut“ oder „wie Kohle“.
  • Ein sehr einfaches Pronominalsystem und das einfachste bekannte System zum Ausdruck von Verwandtschaftsverhältnissen. Ein einziges Wort, „baíxi“, bezeichnet sowohl Mutter als auch Vater​​​​​​​​.
  • Fehlende Rekursion in der Sprache, was aber eher für Linguisten interessant ist, weil es als relativ einzigartig gilt.

Weltanschauung der Pirahã

Die Pirahã haben eine einzigartige Sicht auf die Welt, die eng mit ihrer Sprache und Kultur verbunden ist:

  • Sie konzentrieren sich auf das Erfahren des Augenblicks und lehnen alles Abstrakte ab. Sie sprechen nur über Dinge, die sie selbst erlebt haben. Fragen über die ferne Vergangenheit oder die Zukunft, sowie Fantasie-Ereignisse sind ihnen fremd.
  • Dies spiegelt sich in ihrer Sprache wider, die keine Wörter für abstrakte Konzepte wie Zahlen oder Farben und keine Nebensätze besitzt.
  • Ihr kultureller Fokus liegt auf dem Konkreten und Erlebbaren. Sie benennen Farben durch den Vergleich mit bekannten Objekten und vermeiden es, Verbindungen zwischen getrennten Ereignissen herzustellen.

Leben im Moment

Wir erkennen schon: die Pirahã geben wenig auf Konstrukte des Verstandes. Kann man sagen, dass die Pirahã mehr in der Gegenwart, mehr im Moment leben? Sind sie dadurch glücklicher?

Es lässt sich problemlos argumentieren, dass die Pirahã mehr im Moment leben. Ihre Sprache und Kultur konzentrieren sich stark auf das unmittelbar Erfahrbare und Gegenwärtige. Sie sprechen beispielsweise nicht über Ereignisse, die sie nicht selbst erlebt haben oder die in der ferneren Vergangenheit oder Zukunft liegen​​. Diese Lebensweise führen laut Niebauer dann auch zu einem erhöhten Gefühl des Glücks, da sie sich auf das Hier und Jetzt fokussieren, ohne sich von abstrakten Konzepten oder Sorgen um die Zukunft beeinflussen zu lassen.

Niebauer geht soweit, die Pirahã als „Die glücklichsten rechtshirnigen Menschen der Welt“ zu bezeichnen. Sie scheinen für ihn immun gegenüber Wünschen zu den Luxusgütern des westlichen Lebensstiles. Und da gilt: „Weniger Wünsche, weniger Leid“ befolgen die Pirahã ohne Kenntnis von irgendeiner Sutra die Lehre des Buddha.

„Können Sie einfach da sein, wo Sie sind, wenn Sie es sind, ohne eine Geschichte? Das ist die Kunst der Achtsamkeit.“

Dr. Chris Niebauer, Praxisbuch, S. 130

Barfuß gehen

Niebauer ist ein Fan des Barfußlaufens. Er verweist auf eine Studie, die eine erhöhte Aktivität der linken Gehirnhälfte durch Barfußlaufen feststellte. Die rechte Hirnhälfte, der denkende Verstand, wurde nicht aktiviert. Einige indigene amerikanische Stämme sind sogar der Meinung, man werde krank, wenn man Schuhe trage, weil man den Kontakt zur Erde verliere. Niebauer geht so viel wie möglich barfuß.

Die Illusion der Wirklichkeit

Niebauer gibt im zweiten Teil zahlreiche Beispiele dafür, dass wir die Wirklichkeit nicht direkt wahrnehmen, sondern immer nur eine Interpretation der Realität durch unser Gehirn. Unsere Sicht der Dinge ist Maya, eine eingebildete Illusion.

Nehmen wir das Beispiel Farben. Niebauer schreibt, es gibt „im Universum keine Farben – nur Unterschiede in der Wellenlänge der Lichtenergie, die unser Gehirn im Laufe seiner Entwicklung als verschiedene Farben interpretiert hat. Ohne das Gehirn besteht der einzige Unterschied zwischen Rot und Grün darin, dass Rot eine größere Wellenlänge hat.“

Der besondere Trick der Maya sei es, dass sie unsere selbstgestrickte Illusion der Wirklichkeit wie die Wirklichkeit aussehen lässt. Nicht wie eine neuronale Verarbeitung dessen, was da in Wirklichkeit ist.

Probleme durch Illusion

Wo ist das Problem? Eine Blume ist doch trotzdem schön, auch wenn wir uns die Farben nur „einbilden“. Das stimme, bestätigt Niebauer, aber da draußen existieren Unmengen an Problemen, die auf Maya (bzw. dem Denken, was für Niebauer synonym steht für eine neuronale Verarbeitung der Wirklichkeit) beruhen: Zu all dem Leid, das von Dingen wie unbezahlten Rechnungen, Staus oder schwierigen Mitmenschen über den Verstand in uns erzeugt wird, können wir eine ganz andere Beziehung aufbauen, wenn wir diese Konstruktion der Wirklichkeit (Maya) durchschauen.

„Es ist immer ein Insider-Geschäft. Glück, Stress und Seelenfrieden – all das sind innere Prozesse.“

Dr. Chris Niebauer, Seite 141

Angenehmes Licht, so Niebauer, würde nur im Kopf existieren. „Selbst am hellsten und sonnigsten Tag befindet sich das ganze Licht in Ihrem Kopf und nicht in der Realität.“ Etwas später fragt er provokant: „Was, wenn nicht Licht, sondern klares Bewusstsein das Universum erhellt?“

Wünsche

Genau wie Maya, so werden auch Wünsche im Verstand erzeugt. Niebauer verweist auf zwei Erkenntnisse von Buddha:

  1. Ein Großteil des Lebens ist mentales Leiden.
  2. Leiden wird durch Wünsche verursacht.

Das Problem bestehe auch darin, dass egal wie gut das Leben wird, der denkende Verstand immer wieder neue Wünsche aus dem Hut zaubert, um uns dadurch wieder das Jetzt als unvollkommen erscheinen zu lassen.

Empfehlungen von Niebauer

Im Laufe des restlichen Buches gibt Niebauer Ratschläge, wie das Leid durch unseren denkenden Verstand verringert werden kann.

  • Rat Numero 1: Mache alles mit so viel Bewusstheit wie möglich. „Machen Sie es sich zur Praxis, klares Bewusstsein in Ihren gegenwärtigen Zustand zu bringen, so wie er ist.“ Dazu gehört achtsames Essen, Zähne putzen etc.
  • Rat Numero 2: Nichtstun. Probiere das mal 2 Minuten. Einfach nichts tun, auch nicht zu meditieren. Vielen fällt das schwer, darum sollte man es üben.
  • Ein neues Verhältnis zum Denken: Hilfreich wäre es auch, wenn wir ein neues Verhältnis zu unserem Denken erreichen. Es sollte sich immer weniger so anfühlen, als würden wir denken, sondern wir sollten immer mehr den Zustand anstreben, dass wir unser Denken beobachten. Wir müssen (oder können) unseren Verstand nicht ändern, aber wir können und sollten unsere Beziehung zu ihm verändern. Niebauer geht soweit zu behaupten, dass die meisten östlichen Lehren in einem Satz zusammenzufassen wären. Dieser lautet:

„Du bist nicht die Stimme in deinem Kopf.“

WuWei in der Beziehung zu unserem Verstand

Niebauer regt an, dass wir uns vom Zwang des Tuns befreien. Mehr Nichtstun – mehr Nähe zum eigenen Selbst. Es geht ihm aber vor allem um Glaubenssätze, die uns darin bestärken, dass wir dieses und jenes tun müssen, damit es in unserem Leben nicht zu diesem oder jenem Scheitern komme. Vieles davon, so Niebauer, ist eingebildet. Das Leben funktioniere ganz wunderbar, auch wenn wir uns nicht um dieses oder jenes sorgen würden.

Was ist mit „dieses oder jenes“ genau gemeint? Finde es selbst heraus :-) Probiere selbst aus, welches „muss ich mich drum kümmern“ du aus deinen Gedanken streichen kannst, ohne dass es zu Problemen kommt. „Nur Mut“, würde Niebauer dir zurufen.

In der chinesischen Philosophie wird dieses Prinzip mit „Wu Wei“ – so etwas wie die Weisheit des Nichtstuns – beschrieben. Dazu gehört auch, jedes Ergebnis im Vorhinein zu akzeptieren. Nicht (zu sehr) auf ein Ziel fixiert sein. Optimalerweise ein Scheitern genauso willkommen zu heißen wie einen Erfolg. Dann klappt es im Leben in der Regel besser.

„Wenn Gutes geschieht, gut; wenn Schlechtes geschieht, gut.“

Laotse, Tao Te King

Führt weniger Ego zu Passivität?

Eine berechtigte Frage lautet:

Wenn man sich weniger mit dem eigenen Denken identifiziert – wird man dann nicht antriebslos?

Niebauer würde vermutlich widersprechen. Handeln verschwindet nicht. Es verändert sich. Entscheidungen entstehen weiterhin – nur weniger aus Angst, mehr aus Intuition oder situativer Klarheit.

Interessanterweise berichten viele Menschen nach intensiver Achtsamkeitspraxis nicht von Passivität, sondern von größerer Handlungsfähigkeit. Warum? Weil weniger Energie in gedankliche Endlosschleifen fließt.

Dennoch bleibt eine Spannung: Zwischen engagiertem Leben und innerer Distanz. Das Buch bietet eine Richtung, aber die Antwort musst du selbst ... ausprobieren :-)..

Gefühle entscheiden weiser als der Verstand

Wusstest du, dass du immer nur einen einzigen Gedanken zur selben Zeit haben kannst, aber fast nie nur ein Gefühl gleichzeitig in dir vorhanden ist? Niebauer deutet dies dahingehend, dass Gefühle die Komplexität des Daseins besser widerspiegeln als der Verstand. Viele Kulturen würden es darum als weiser ansehen, Gefühle als Basis für gute Entscheidungen stärker zu nutzen als den denkenden Verstand. Aber nur solange, schränkt Niebauer ein, diese Gefühle nicht aus Angst entstehen.

Jedoch liefern die Gefühle bei vielen Menschen kein klares Entscheidungsbild. Was tun? Niebauer rät, Gefühlsentscheidungen im Alltag zunächst bei unwichtigen Entscheidungen zu trainieren. In der Gemüseabteilung: Welches Obst fühlt sich für mich heute besser an? Beim Spaziergang: Gehe ich rechts oder links. Und so weiter.

Wenn man so immer mehr Vertrauen in die Gefühle aufbaut, liefert der Körper einem auch bei schwierigeren Entscheidungen eher ein klares „Ja“ oder „Nein“. Entscheidend wichtig sei es dann aber, dieses klare Ja oder Nein auch umzusetzen. Nur dann würde das Vertrauen und damit die Empfänglichkeit für solche richtungsweisenden Gefühle gestärkt.

Vergleich mit dem Basiswerk

Im Unterschied zum (sehr ähnlich klingenden) Basiswerk „Kein Ich, kein Problem“ steht hier weniger die theoretische Herleitung im Vordergrund, sondern die Anwendung im Alltag. Während das erste Buch stärker argumentiert, warum das Ich eine Konstruktion ist, fragt das Praxisbuch:
Wie lässt sich diese Einsicht im täglichen Leben verankern?

Leserinnen und Leser, die das Grundlagenwerk bereits kennen, werden viele Gedanken wiedererkennen – allerdings verdichtet und mit klarerem Übungsfokus.

Beitrag: Kein Ich, kein Problem – Kritik

Kein Ich, kein Problem – Kritik

Kein Ich, kein Problem

Kein Ich, kein Problem – Buchkritik & Zusammenfassung | von Dr. Chris Niebauer

Das Ich bzw. das Ego ist in spirituellen Kreisen als Problemquelle Nummer 1 verschrien. Gleichzeitig fungiert es – zumindest im westlichen Kulturkreis – als Identifikationskern eines Menschen.

Dr. Chris Neubauer hat in seinem Buch „Kein Ich, kein Problem“ den aktuellen Forschungsstand zum Ego zusammengefasst und vergleicht die Erkenntnisse mit den Lehren Buddhas. Dabei haben sich erstaunliche Übereinstimmungen ergeben. Durch die Schilderung aktueller Studien zum Thema ergeben sich neue Wege, das mysteriöse Ding namens Ego zu verstehen und zu entlarven.

Zusammenfassung der Kerninhalte aus dem Buch ► Übungen, um dem Ego auf die Schliche zu kommen ► anschauliche Beispiele aus der modernen Neurologie-Forschung ► Auswege auch dem Ich-Verhaftetsein ► Zitate aus dem Buch

Hier weiterlesen: Kein Ich, kein Problem – Kritik

Der Stand der Wissenschaft zum Ego

Die These, dass das Ich eine Konstruktion sei, ist keineswegs ausschließlich spirituell motiviert. Auch in der kognitiven Neurowissenschaft wird Identität zunehmend als dynamisches Selbstmodell verstanden. Das Gehirn integriert Wahrnehmungen, Erinnerungen und Körperzustände zu einem kohärenten Narrativ.

Allerdings bleibt offen, ob daraus zwingend folgt, dass dieses Selbst „illusorisch“ ist – oder ob es sich eher um eine funktionale, evolutiv sinnvolle Vereinfachung handelt.

Hier berührt das Buch also einen philosophischen Grenzbereich zwischen Neuropsychologie und Metaphysik. Und genau dort wird es spannend.

Schlussempfehlung

Stärken und Grenzen des Praxisbuches

Jede Rezension, die ihren Namen verdient, sollte nicht nur referieren, sondern auch einordnen. Das gilt besonders bei einem Thema wie der Auflösung des Ego, das schnell zwischen Wissenschaft, Spiritualität und Heilsversprechen oszilliert.

Zu den klaren Stärken des Praxisbuches gehört seine konsequente Praxisorientierung. Niebauer bleibt nicht bei abstrakten neuropsychologischen Argumenten stehen, sondern führt Leserinnen und Leser immer wieder in konkrete Übungen zurück. Wer bereit ist, sich auf Atemarbeit, Achtsamkeit oder das bewusste Beobachten der eigenen Gedanken einzulassen, erhält ein strukturiertes Trainingsprogramm.

Überzeugend ist zudem die zentrale These: Der denkende Verstand konstruiert fortlaufend ein „Ich“, das wir für selbstverständlich halten – obwohl es eher eine narrative Gewohnheit als eine feste Entität ist. Die Beispiele aus der Neuropsychologie – insbesondere die Split-Brain-Studien – illustrieren dies eindrucksvoll.

Gleichzeitig bleibt eine kritische Frage: Wird hier Neuropsychologie gelegentlich stärker vereinfacht, als es der wissenschaftlichen Differenziertheit entspricht? Die Gegenüberstellung „linke Gehirnhälfte = Ego“ und „rechte Gehirnhälfte = Präsenz“ wirkt mitunter zugespitzt. In der modernen Neurowissenschaft gilt die funktionelle Arbeitsteilung der Hemisphären als komplexer, dynamischer und weniger dualistisch, als populäre Darstellungen nahelegen.

Auch die Nähe zu buddhistischen Konzepten wie Nicht-Selbst (Anatta) oder Maya wird eher erfahrungsorientiert als systematisch-philosophisch entfaltet. Das ist kein Mangel – aber eine bewusste Schwerpunktsetzung: Dieses Buch ist kein akademisches Traktat, sondern ein Trainingsmanual für innere Distanz zum Denken.

Wer hier eine streng empirische Abhandlung erwartet, wird möglicherweise enttäuscht. Wer hingegen eine gut strukturierte Anleitung sucht, um das eigene Denken weniger ernst zu nehmen, findet reichlich Material.

Meine persönliche Einschätzung

Ziel des Buches ist es, das Ich aufzulösen, um sich vom Leid zu befreien. Anders ausgedrückt: Den Verstand zu benutzen, um sich vom Verstand zu befreien. Wie soll das gelingen? Niebauer gibt im Buch zahlreiche Übungen und Ratschläge, einige sind oben aufgeführt. Am Ende rät er, bei allem in kleinen Schritten vorzugehen. Nicht von einem Tag auf den anderen den Verstand überwinden zu wollen.

Stattdessen immer mehr erkennen: Ich bin nicht der Verstand, ich muss das jetzt nicht glauben, was ich denke usw. „Ihre Intuition auszubauen, indem Sie sich in Ihrer körperlichen Erfahrung und in Ihrer Verbindung zur Erde erden, sich mit anderen zu verbinden und in der Welt des Nicht-Ich und Nicht-Verstandes immer heimischer zu werden."

Für wen ist dieses Buch geeignet?

Dieses Praxisbuch richtet sich in erster Linie an Menschen, die:

  • unter starkem Gedankenkreisen, Grübeln oder Selbstzweifeln leiden
  • sich für eine Verbindung aus Neuropsychologie und östlicher Weisheitslehre interessieren
  • konkrete Übungen suchen, nicht nur theoretische Abhandlungen
  • bereit sind, eigene Überzeugungen infrage zu stellen

Weniger geeignet ist das Buch für Leserinnen und Leser, die:

  • eine rein wissenschaftlich-analytische Argumentation erwarten
  • spirituelle Begriffe grundsätzlich ablehnen
  • schnelle, sofort wirksame Lösungen suchen

Die Lektüre erfordert die Bereitschaft, sich selbst beim Denken zuzusehen. Das klingt harmlos.Ist es aber wahrlich nicht immer.

Über den Autor

Dr. Chris Niebauer studierte kognitive Neuropsychologie an der University of Toledo in Ohio, USA. In seiner Forschung konzentriert er sich auf die linke Gehirnhälfte. Themen seiner Studien sind u.a. Bewusstseinsforschung, Rechts- und Linkshändigkeit, Glaube und Selbstbewusstsein. Er arbeitet als Privatdozent für Bewusstseinspsychologie an der Slippery Rock University of Pennsylvania und spielt privat gern Gitarre. Im folgenden Video gibt Niebauer ein Interview (auf englisch) zu diesem Buch:

Länge: 65 Minuten

Youtube-Video

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praxisbuch kein ich problem 1000

Bibliografische Angaben / das Buch kaufen

  • Herausgeber ‏ : ‎ VAK; 1. Edition (2. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 208 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3867312648
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3867312646
  • Originaltitel ‏ : ‎ No Self, No Problem Workbook
  • Abmessungen ‏ : ‎ 15.2 x 1.7 x 21.6 cm

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Im Zusammenhang interessant

Abschließende humorvolle Fakten zum Thema

  • 1️⃣ Split-Brain-Patienten erfinden plausible Begründungen für Handlungen
    Das Gehirn konstruiert im Nachhinein eine Geschichte – selbst wenn es die Ursache nicht kennt.
  • 2️⃣ Das Default Mode Network ist besonders aktiv beim Grübeln
    Dieses Hirnnetzwerk wird aktiv, wenn du nichts Konkretes tust – und oft, wenn du über dich selbst nachdenkst.
  • 3️⃣ Farben existieren physikalisch nicht
    Es gibt nur unterschiedliche Wellenlängen – „Rot“ entsteht im Gehirn.
  • 4️⃣ Menschen denken im Schnitt 6.000+ Gedanken pro Tag
    Studien schätzen mehrere Tausend Gedanken täglich – viele davon repetitiv.
  • 5️⃣ Meditation kann die Struktur des Gehirns verändern
    Langjährige Praxis beeinflusst nachweislich die Dichte bestimmter Hirnregionen.
  • 6️⃣ Die Pirahã besitzen keine exakten Zahlwörter
    Ihre Sprache unterscheidet eher „wenige“ und „mehr“.
  • 7️⃣ Barfußlaufen verbessert nachweislich die sensorische Wahrnehmung
    Direkter Bodenkontakt aktiviert mehr Rezeptoren in den Füßen.

Weitere Buchbesprechungen

Kein Ich, kein Problem – Kritik

Kein Ich, kein Problem

Kein Ich, kein Problem – Buchkritik & Zusammenfassung | von Dr. Chris Niebauer

Das Ich bzw. das Ego ist in spirituellen Kreisen als Problemquelle Nummer 1 verschrien. Gleichzeitig fungiert es – zumindest im westlichen Kulturkreis – als Identifikationskern eines Menschen.

Dr. Chris Neubauer hat in seinem Buch „Kein Ich, kein Problem“ den aktuellen Forschungsstand zum Ego zusammengefasst und vergleicht die Erkenntnisse mit den Lehren Buddhas. Dabei haben sich erstaunliche Übereinstimmungen ergeben. Durch die Schilderung aktueller Studien zum Thema ergeben sich neue Wege, das mysteriöse Ding namens Ego zu verstehen und zu entlarven.

Zusammenfassung der Kerninhalte aus dem Buch ► Übungen, um dem Ego auf die Schliche zu kommen ► anschauliche Beispiele aus der modernen Neurologie-Forschung ► Auswege auch dem Ich-Verhaftetsein ► Zitate aus dem Buch

Hier weiterlesen: Kein Ich, kein Problem – Kritik


Dritte Auge aktivieren

Wie kann ich das Dritte Auge aktivieren und öffnen? Übungen, Ernährung, Voraussetzungen

warnke oeffnung auge 400

Buchkritik und Buchbesprechung
"Die Öffnung des 3. Auges" von Ulrich Warnke – Quantenphilosophie unsers Jenseits-Moduls

In vielen alten Yoga-Schriften geht es darum, wie das Dritte Auge zu aktivieren ist. Dieses Dritte Auge wird auch Stirnchakra, „Inneres Auge“ oder Ajna Chakra genannt und wird mit der Zirbeldrüse in Zusammenhang gebracht. Deren Aktivierung soll eine Wahrnehmung ermöglichen, die weit über das normale Sehen hinausgehend den Blick in die geistige Welt eröffnet.

Hier weiterlesen: Dritte Auge aktivieren


Kein Ich, kein Problem – Kritik

Kein Ich, kein Problem

Kein Ich, kein Problem – Buchkritik & Zusammenfassung | von Dr. Chris Niebauer

Das Ich bzw. das Ego ist in spirituellen Kreisen als Problemquelle Nummer 1 verschrien. Gleichzeitig fungiert es – zumindest im westlichen Kulturkreis – als Identifikationskern eines Menschen.

Dr. Chris Neubauer hat in seinem Buch „Kein Ich, kein Problem“ den aktuellen Forschungsstand zum Ego zusammengefasst und vergleicht die Erkenntnisse mit den Lehren Buddhas. Dabei haben sich erstaunliche Übereinstimmungen ergeben. Durch die Schilderung aktueller Studien zum Thema ergeben sich neue Wege, das mysteriöse Ding namens Ego zu verstehen und zu entlarven.

Zusammenfassung der Kerninhalte aus dem Buch ► Übungen, um dem Ego auf die Schliche zu kommen ► anschauliche Beispiele aus der modernen Neurologie-Forschung ► Auswege auch dem Ich-Verhaftetsein ► Zitate aus dem Buch

Hier weiterlesen: Kein Ich, kein Problem – Kritik


Das Buch "Yoga – die Geheimnisse liegen in der reduzierten Atmung" | Inhalt und Rezension

yoga buch geheimniss atmung 400

Im letzten Jahrhundert wurde in der ehemaligen Sowjetunion eine Atemtherapie entwickelt, deren Erkenntnisse in erstaunlicher Weise mit den Lehren der alten Yoga-Schriften übereinstimmen. Das Buch "Yoga – die Geheimnisse liegen in der reduzierten Atmung" geht diesem Zusammenhang nach und entwickelt aus diesen Erkenntnissen Atemempfehlungen für Alltag und Yogapraxis.

Dr. Konstantin Pavlovitsch Buteyko, der russische Entwickler dieser Atemtechnik (hilfreich erwiesenermaßen bei Asthma und – wie Buteyko beteuerte – vielen weiteren Zivilisationskrankheiten), wurde im Laufe seiner Forschungsarbeit aufgrund der darin gewonnenen Erkenntnisse immer mehr zum überzeugten Yogi. Nicht ohne Grund ...

Hier weiterlesen: Das Buch "Yoga – die Geheimnisse liegen in der reduzierten Atmung" | Inhalt und Rezension


Rezension "Handbuch Meditation" von Culadasa John Yates

Cover Handbuch Meditation

Der Meditationslehrer und promovierte Neurowissenschaftler Culadasa John Yates gibt uns mit diesem Buch eine detailreiche Anleitung zur Entwicklung unserer Meditation an die Hand. Eine umfassende Anleitung, wie wir Schritt für Schritt unsere Meditationspraxis vertiefen können. Ich kenne kein Meditations-Buch, das so präzise das Training des Geistes beschreibt und anleitet.

Hier weiterlesen: Rezension "Handbuch Meditation" von Culadasa John Yates


Rezension: Yoga – Tradition und Erfahrung von T.K.V. Desikachar

Yoga – Tradition und Erfahrung von T.K.V. Desikachar

T.K.V. Desikachar war Sohn und Schüler von Krishnamacharya. Er hat mit „Yoga – Tradition und Erfahrung; Die Praxis des Yoga nach dem Yoga Sutra des Patanjali“ einen Yoga-Klassiker verfasst. Ein Kompendium, das alle grundlegenden Konzepte des Yogas in Bezugnahme auf das Yogasutra beleuchtet. Es endet mit einem Bonus, der so nur von Desikachar geschrieben werden konnte.

Hier weiterlesen: Rezension: Yoga – Tradition und Erfahrung von T.K.V. Desikachar


Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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