prad kapitel 3

Im dritten Kapitel der Hatha Yoga Pradipika wird vor allem die Kundalini und deren Erweckung besprochen. Genauer gesagt: In diesem Kapitel stehen vor allem Mudras und Bandhas im Mittelpunkt. Sie werden als fortgeschrittene Praktiken beschrieben, die den Energiefluss im Körper beeinflussen und nach traditioneller Auffassung zur Erweckung der Kundalini beitragen.

An einigen Stellen finden sich sexuelle Praktiken, welche dem spirituellen Fortschritt dienlich sein sollen. Interessant: In einigen Übersetzungen wurden diese einfach weggelassen. Im Kontext wird immer wieder auf Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi und Nada Yoga eingegangen.

Inhalt: Hatha Yoga Pradipika Kapitel 3 – Zusammenfassung

Kurz zusammengefasst

  • Kundalini als zentrales Konzept
    Die Kundalini wird als grundlegende Kraft beschrieben, die im Menschen ruht und durch gezielte Praxis erweckt werden soll. Ihre Aktivierung gilt als Voraussetzung für tiefgreifende spirituelle Transformation.
  • Mudras und Bandhas als Schlüsseltechniken
    Mudras und Bandhas sind die zentralen Werkzeuge des Kapitels. Sie sollen den Fluss des Prana lenken und die Bewegung der Kundalini durch die Sushumna ermöglichen.
  • Praxis ist geheim und fortgeschritten
    Die beschriebenen Techniken werden als geheimhaltungsbedürftig und anspruchsvoll dargestellt. Sie setzen Disziplin, Anleitung und Erfahrung voraus.
  • Symbolische Sprache statt Anatomie
    Begriffe wie Chakren, Nadis oder Granthis sind als symbolische Modelle zu verstehen, nicht als physische Strukturen im modernen Sinn.
  • Anstrengung als Prinzip (Hatha)
    Der Text betont Intensität, Willenskraft und Ausdauer. Spirituelle Entwicklung wird nicht als passiver Prozess dargestellt, sondern als aktive Praxis.
  • Siddhis als Nebenwirkung, nicht Ziel
    Die erwähnten Siddhis (Vollkommenheiten) erscheinen als mögliche Folge der Praxis, sollten aber nicht mit dem eigentlichen Ziel – der Befreiung – verwechselt werden.
  • Ohne Raja-Yoga bleibt alles unvollständig
    Körperliche und energetische Techniken entfalten ihre Wirkung erst im Zusammenspiel mit geistiger Sammlung und innerer Ausrichtung.
  • Ein Text voller Spannungen
    Das Kapitel vereint Widersprüche: Geheimhaltung und Offenlegung, Anstrengung und Loslassen, Symbolik und konkrete Anleitung. Genau darin liegt seine Tiefe.

Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.

Warum das 3. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika eine Schlüsselrolle spielt

Das dritte Kapitel markiert einen deutlichen Übergang innerhalb der Hatha Yoga Pradipika. Während zuvor vor allem Asanas und Pranayama als vorbereitende Praktiken beschrieben wurden, geht es hier um das, was traditionell als eigentliche innere Arbeit gilt: die Lenkung von Prana, die Aktivierung der Kundalini und die gezielte Nutzung von Mudras und Bandhas.

Man könnte sagen: Erst ab diesem Kapitel wird Hatha-Yoga im klassischen Sinne „esoterisch“ – nicht im oberflächlichen, sondern im ursprünglichen Sinn des Wortes: nach innen gerichtet, verborgen, schwer zugänglich.

Der Text verändert hier seinen Ton. Er wird dichter, symbolischer, teilweise drastischer.

Kundalini-Einführung

Die Mudras (Hauptthema des 3. Kapitels) sollen die Kundalini erwecken. Doch was ist diese Kundalini eigentlich konkret?

Vers 3-1: So wie der Herr der Schlangen die Berge und Wälder der Erde stützt, so ist die Kundalini wahrlich die Basis der Yoga-Tantren.

Der Vers betont die zentrale Bedeutung der Kundalini für die im Text beschriebene Yogapraxis. Er zeigt zugleich die Nähe des Werkes zu tantrisch geprägten Vorstellungen, ohne dass daraus eine einfache Gleichsetzung von Hatha-Yoga und Tantra folgt.

Weiter geht es mit der Motivation zur Erweckung der Kundalini:

3-2 Sobald unter Anleitung (oder durch die Gnade) des Gurus die schlafende Kundalini erwacht, werden alle Lotusse und Knotenpunkte (=Granthi, Blockaden in der Sushumna) durchstoßen.

Hinweise: 

  • Mit den „Lotussen“ sind hier die Chakras gemeint, also feinstoffliche Zentren der traditionellen Yogalehre. Sie sollten nicht unkritisch mit anatomischen Nervenzentren gleichgesetzt werden.
  • Die Granthis werden als innere „Knoten“ beschrieben, die den Aufstieg der Kundalini behindern. Gemeint sind nicht bloß körperliche Hindernisse, sondern subtile Bindungen oder Hemmnisse.

3-3 Dann fließt das Prana durch die Sushumna ... dann wird das wandelbare Chitta des Menschen überwunden und die Täuschung der Zeit endet.

Vergleiche Yogasutra I-2:

Yoga Sutra I-2: Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen im Geist

Zur Sutra


Zentrale Begriffe – knapp und verständlich erklärt

  • Kundalini oder Shakti:
    Eine im Körper ruhende Kraft, die im Text symbolisch als Schlange oder junge Witwe beschrieben wird. Sie steht für ein Potenzial, das aktiviert werden kann – nicht für eine messbare physikalische Energie im modernen Sinn.
  • Sushumna:
    Der zentrale Energiekanal, durch den das Prana nach oben fließen soll. Erst wenn dieser „frei“ ist, wird im Text von echtem Fortschritt gesprochen.
  • Granthis:
    „Knoten“ oder Blockaden, die den Energiefluss behindern. Ihre „Durchdringung“ beschreibt einen inneren Transformationsprozess.

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Dann die Aufforderung:

3-5 Darum soll ein Yogi voll Hingabe die Praxis der Mudras üben um die Göttin (Kundalini) zu wecken ...

3-7 ... Diese zehn Mudras überwinden Altersschwäche und Tod.

3-8 Der erste Lehrmeister (Adinatha) hat gesagt dass die acht übernatürlichen Kräfte (Siddhis) aus der Praxis der Mudras entstehen ...

Kleine Anmerkung den Siddhis

Manche Yogis übersetzen die übernatürlichen Fähigkeiten wörtlich (z.B. "klein wie eine Ameise zu werden"), andere deuten diese jeweils im übertragenen Sinne (klein im Sinne von der Fähigkeit, demütig sein zu können). Mehr zu den Siddhis in der Yogasutra.

Dann macht Swatmarama (Autor der Hatha Yoga Pradipika) es noch ein wenig geheimnisvoll:

3-9 Diese Gruppe der zehn Mudras soll sorgfältig geheim gehalten werden, wie ein Kästchen voller Edelsteine. | Mit niemandem soll darüber gesprochen werden, wie über den Liebesgenuss mit einer Frau aus gutem Hause.

Mudras und Bandhas

Bandhas sind Körperverschlüsse, mit denen der Yogi den Fluss des Prana lenken, sammeln oder zurückhalten soll. Sie gehören zu den zentralen Techniken des Hatha-Yoga.

Mudras sind im Hatha-Yoga komplexe Techniken, die Körperhaltung, Atem, Konzentration und oft auch Bandhas miteinander verbinden. Sie sollen den inneren Energiefluss beeinflussen und die yogische Praxis vertiefen. 

Manche Mudras werden auch Siegel genannt, die verschiedene Öffnungen im Körper verschließen und dadurch bewirken, dass die Energie statt in unterschiedliche, nur noch in eine Richtung fließt.

Nach traditioneller Auffassung beeinflussen Bandhas und Mudras den Fluss des Prana in den Nadis, also in den feinstofflichen Energiekanälen des Yogasystems. Z. B. in der Form, dass Prana konzentriert wird oder nur noch in eine Richtung fließt.

Nun folgt die Auflistung der Mudras und Bandhas, welche das Erwecken und das Fließen der Kundalini fördern. Diesen sind jeweils eingene Beiträge gewidmet. Du findest darin die zugehörigen Verse aus der Pradipika.

  1. Maha-Mudra
    Sanskrit: Maha-Mudra = das große Siegel. Eine wirkungsvolle Übung, die laut Hatha Yoga Pradipika, Vers 3-18 "... geheim gehalten werden müsse und nicht an jeden weitergegeben werden dürfe."
  2. Maha-Bandha
    Der große Verschluss. Maha Bandha ist eigentlich gemäß der Anleitung in der Hatha Yoga Pradipika eine Kombination aus Kinnverschluss (Jalandhara Bandha ) und Wurzelverschluss (Mula Bandha). Im Allgemeinen wird Mahabandha aber sogar als das gleichzeitige Ausüben der drei Hauptbandhas (mit Uddiyana Bandha) gelehrt.
  3. Maha-Vedha
    Sanskrit: Maha Vedha = „der große Durchbruch“. Maha Vedha ist das dritte „Hauptmudra“ in der Hatha Yoga Pradipika.
  4. Khecari-Mudra
    Auch Khecari geschrieben, Sanskrit: "die im Himmel wandelnde".
  5. Uddiyana-Bandha
    Uddiyana Bandha ist das Hochziehen des Bauches nach dem Ausatmen. (Übungsanleitung, Pradipika-Auszüge und Videos)
  6. Mula-Bandha
    Mula Bandha (englisch: Root Lock) bezeichnet den Wurzelverschluss. Er wird traditionell als ein Zusammenziehen im Bereich des Beckenbodens um das Perineum herum bzw. der Wurzelregion beschrieben und dient dazu, die nach unten gerichtete Energie nach oben zu lenken.
  7. Jalandhara-Bandha
    Jalandhara Bandha (englisch: Chin Lock) ist der Kinnverschluss.
  8. Viparita-Karani Mudra
    Die Mudra – Umkehrstellung.
  9. Vajroli-Mudra
    Vajroli Mudra soll die sexuelle Energie sublimieren und in die höheren Chakras führen.
  10. Shakti Chalana Mudra
    Die Mudra, welche die Kundalini (oder den Yogi) durchschüttelt.

Dann geht es weite mit der

Beschreibung der Kundalini und der Praxis der Kundalini-Erweckung

Vers 3-104: ... Kutilangi – deren Körper gewunden ist, Kundalini, das Schlangenweibchen, Shakti, die Göttin Ishvari, der Morgenstern (Arundhati, eine der neun Töchter von Kardama), die Geringelte sind alles Wörter mit synonymer Bedeutung.

Shakti: Energie oder Klang?

Der Begriff Shakti (Kundalini) wird häufig mit „Kraft“ oder „Energie“ übersetzt. Diese Übersetzung ist hilfreich, bleibt aber modern geprägt. Wir haben dabei den Strom eines elektrischen Kreislaufes im Sinn, die Kraft einer Batterie etc. Zur Zeit der Pradipika gab es aber eine solche Energievorstellung (vermutlich) noch nicht.  In der traditionellen Vorstellung ist Shakti ein vielschichtiger Begriff, der auch mit Mantra, Klang, schöpferischer Kraft und göttlicher Wirksamkeit verbunden ist. Einige haben sich die Kundalini als eine "Menge von Klang" vorgestellt, die Shakti wurde damals mit Bija-Mantren beschrieben.

3-105: Wie eine Tür mit einem Schlüssel aufgeschlossen wird, so befreit der Yogi die Tür zur Kundalini mit "Gewalt" (Hatha, alternativ: großer Anstrengung).

Kann auch weicher interpretiert werden: Wir müssen uns bemühen, um zur Befreiung zu gelangen. "Üben" und "Loslassen". Hatha Yoga ist dabei mit Anstrengung verbunden, doch auch die anderen Yoga-Arten sind mit Bemühen verbunden. So kommt das Wissen nicht von selbst zu einem Jnana-Yogi ...

Mitunter wird Hatha-Yoga als ein Weg beschrieben, der stärker auf systematische Praxis und Disziplin setzt, während Bhakti-Yoga Bhakti-Yoga, der auf die Gnade Gottes setzt, die Hingabe betont. Eine schlichte Gegenüberstellung als „gewaltsame Alternative“ zum Bhakti, wie manche Autoren schreiben, erscheint mir jedoch als fachlich unangemessen.

3-106: Die schlafende Kundalini verschließt mit ihrem Mund den Weg, auf dem der Ort des Brahmans (der leidlos – ohne Krankheit – ist) zu erreichen ist.

3-107: Oberhalb der Kanda (wörtlich "Knolle", auch mit "Urprungszentrum" übersetzt, im Bereich unterhalb des Muladhara Chakras zwischen Steißbein und Geschlechtsorganen lokalisiert) schläft die Shakti (Energie, die göttliche Mutter, Kundalini), welche zur Erlösung eines Yogi aber zur Gefangenschaft (anders übersetzt: "Bindung an die Wiedergeburt") eines Verwirrten führt. Wer die Kundalini kennt, ist ein Yoga-Kenner.

Der Vers macht deutlich, dass dieselbe Kraft je nach geistiger Verfassung unterschiedlich wirksam sein kann. Swatmarama deutet die Kundalini zweischneidig: Sie kann zur Befreiung führen, sie kann aber auch an das Profane fesseln. Das ist einer der Gründe, warum viele Kundalini-Techniken geheim gehalten worden sind und erst nach Prüfung eines Schülers durch Guru weitergegeben wurden.

3-108: Die Kundalini wird als von gewundener Form wie eine Schlange beschrieben. Wer diese Shakti (Energie, Kundalini) in Bewegung versetzt (oft mit "schüttelt" übersetzt), ist erlöst. Darüber gibt es keinen Zweifel.

Diese Verse arbeiten stark mit tradierten Bildern und symbolischer Sprache. Persönliche Anmerkung: In manchen Versen hört es sich für mich so an, als ob Swatmarama ohne persönliche Erfahrung von der Kundalini spricht.

3-109: Zwischen Ganges- und Yamuna (zwei Flüsse, soll für die Sushumna stehen) soll die junge Witwe (= Kundalini) des Büßers (Asketen) gewaltsam ergriffen werden. Das ist Vishnus höchster Ort.

Warum Kundalini = Witwe? Manche interpretieren dies so, dass die Witwe wieder zurück will zu ihrem Mann, dem Menschen. Wir haben das Bewusstsein unserer Kundalini verloren, aber sie will wieder erfahren werden. Dieses Ergreifen kann aber nicht sanft erfolgen, sondern – wie oft in der Pradipika wiederholt – mit Gewalt, siehe unten.

3-110: Ida (ein Energiekanal bzw. Nadi für die Mondenergie) ist der herrliche Ganges, Pingala (ebenfalls ein Nadi, führt die Sonnenenergie) steht für den Yamuna-Fluss. In deren Mitte ist die Kundalini, die junge Witwe.

3-111: Man ergreife die schlafende Schlange am Schwanz (durch Mula Bandha?) und erwecke sie (mögliche Interpretation: durch das Atemanhalten und das geistige Hochziehen der Energie in der Sushumna). Den Schlaf aufgebend bewegt sich diese Shakti (Energie) mit Macht (=hathat, mit Gewalt) nach oben.

Und wieder liest man in der Hatha Yoga Pradipika das Wort "Hatha" oder "Hathat". Es meint: Mit Macht, gewaltsam, mit (großer) Anstrengung.

Mögliche Interpretation: Hatha Yoga ist ein spiritueller Weg mit Anstrengung. Und zwar nicht nur im körperlichen Sinne. Konzentration, Regelmäßigkeit, Willenskraft – all dies soll der Schüler in alle seine Übungsbemühungen legen, auch in die Meditation. Es gilt, sich spirituell anzustrengen. Laissez Faire führt nicht zur Befreiung, jedenfalls nicht auf dem Weg des Hatha Yoga. Üben und Loslassen ...

Warum der Text so drastisch formuliert

Auffällig ist die wiederholte Verwendung von Begriffen wie „Gewalt“, „Ergreifen“ oder „Schütteln“. Diese Sprache wirkt aus heutiger Sicht irritierend. Sie sollte vielleichtnicht wörtlich im mechanischen Sinn verstanden werden. Manche sehen hier die Intensität der Praxis gemeint: Konzentration, Disziplin und konsequentes Üben werden als unverzichtbar dargestellt. Der Text stellt sich damit eventuell bewusst gegen eine passive Spiritualität. Erkenntnis entsteht hier nicht durch Abwarten, passives Loslassen oder Hingabe, sondern durch gezielte innere Arbeit.

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3-112: ... und bewege so die unten verweilende Kundalini (hier mal als "Schlange mit Haube" bezeichnet) am Morgen und am Abend für jeweils anderthalb Stunden (eine halbe Wache) | durch die Sonne (= das rechte Nasenloch) eingeatmet habend, indem man sie täglich durch die Methode des Herumlegens "im Kreis herum" bewegt/schüttelt.

Dieses "Herumbewegen" könnte das Bauchmuskulatur-Kreisen ähnlich Nauli meinen, man kann aber auch mit einiger Übung die Muskeln um das Muladhara Chakra kreisen lassen. 

3-113 Es (vermutlich das Kanda) liegt eine Spanne (Abstand zwischen gestrecktem Daumen und kleinem Finger, ca. 23 cm) oberhalb (vermutlich des Muladhara Charkas) und ist vier Finger breit. Es wird als weich und weiß beschrieben, wie mit einem Tuch umhüllt.

3-114: In Vajrasana (Diamant-Sitz, Variation von Siddhasana, bei der die rechte Ferse am Damm anliegt und die linke Ferse oberhalb des vorderen Geschlechtsorganes) ergreife man mit beiden Händen die Füße und presse die Knöchel in die Gegend des Kanda.

Anmerkung: Die Ausführung dieser Anleitung wird unterschiedlich interpretiert.

3-115 Der Yogi, in Vajrasana verweilend, soll, nachdem er die Kundalini in Bewegung gesetzt hat, gleich danach Bhastrika (Blasebalg-Pranayama) ausführen. So wird die Kundalini schnell erweckt.

3-116: Er führe dann das Zusammenziehen der Sonne aus (hiermit könnte Uddhiyana Bandha gemeint sein) und die Kundalini in Bewegung setzen ...

3-117: Durch dieses Bewegen (der Kundalini) ohne Furcht für die Dauer von zwei Muhurta (meint wohl ca. 1,5 Stunden) wird sie (die Kundalini) ein wenig in hervorkommen, in dem sie in die Sushumna nach oben hereingezogen wird.

3-120: Durch das Schütteln (Bewegen) der Kraft (Kundalini) wird der Yogi empfänglich für die übernatürlichen Kräfte – Siddhis. ... Er überwindet die Zeit.

3-121 Durch ein Mandala an Kundalini-Praxis (gemeint ist wohl: 40 Tage lang) im Verbund mit sexueller Enthaltsamkeit und mäßiger, gesunder Nahrung werden sich die Siddhis durch diese Praxis einstellen.

Kommentar Vishnu Devananda: Das ist aber nur möglich, wenn bereits in vielen Inkarnationen zuvor Karma abgebaut wurde.

In 3-122 wiederholt er dann seine Empfehlung, Bhastrika auszuführen, nachdem die Kundalini in Bewegung gesetzt wurde. Und er wiederholt ebenfalls, dass beim energischen Praktizieren dieser Empfehlung den Yogi die Furcht vor dem Tode verlässt.

3-123: Durch die Kundalini-Praxis werden alle 72.000 Nadis gereinigt.

3-124: Die Sushumna (der mittlere Nadi) wird durch Asanas, Pranayama und Mudras "gerade".

Meditationstechnik

Zum Schluss des dritten Kapitels folgt eine Meditationsempfehlung:

3.125: Wer die Praxis der Versenkung mit konzentriertem Geist unermüdlich ausführt, der wird durch Shambhavi Mudra oder ein anderes Mudra zu Siddhis gelangen.

Shambhavi Mudra (Sanskrit für „die freundliche Mudra“ oder „das Siegel des Wohlwollens“) wird unterschiedlich gelehrt. Geläufig ist es, Shambhavi Mudra als das Richten des Blickes auf den Punkt zwischen die Augenbrauen zu lehren. Dadurch richtet sich der Yogi nach oben aus, auch die Kundalini wird hochgezogen. Zum Beitrag "Shambhavi Mudra".

Raja-Yoga

Dann noch ein erneutes Plädoyer für den Raja Yoga (die Beherrschung des Geistes) in 3-126, er drückt sich aber sehr symbolisch aus:

3-126: Ohne Raja Yoga keine Nacht (= Pranayama/Kumbhaka alleine führt zu nix), keine Erde (= die Asanas alleine bringen nichts) und die Mudras scheinen auch nicht.

Pranayama

Weiter geht es mit einer allgemeinen Pranayama-Empfehlung:

3-127: Jede Lenkung des Atems soll mit kontrolliertem Geist erfolgen, der nicht mit anderen Gedanken umherschweift.

Schlussworte des III. Kapitel

In 3-128 ergänzt (gesteht) Swatmarama, dass jedes der zehn Mudras (siehe oben) von dem ersten Lehrer, Shambhu (Shiva) gelehrt wurde und dass jedes Siddhis verleihe.

Es ist also nicht notwendig, alle Mudras zu praktizieren.

In 3-130 schließt Swatmarama das dritte Kapitel der Pradipika mit der Versicherung, dass derjenige, der den Worten eines Gurus folgt und die Mudras praktiziert, gewiss die Siddhis erlangt.

Das 3. Kapitel in 8 Kernaussagen

  1. Kundalini wird als zentrale Kraft des Yoga beschrieben.
  2. Mudras und Bandhas dienen dazu, diese Kraft zu aktivieren und zu lenken.
  3. Die Praxis wird bewusst als geheim und fortgeschritten dargestellt.
  4. Die Aktivierung der Kundalini führt zum Durchdringen von Chakren und Granthis.
  5. Zahlreiche symbolische und drastische Bilder beschreiben diesen Prozess.
  6. Die Praxis wird mit Anstrengung (Hatha) verbunden, nicht mit Passivität.
  7. Es werden Siddhis (Vollkommenheiten) als mögliche Folge genannt.
  8. Ohne geistige Sammlung (Raja-Yoga) bleiben alle Techniken unvollständig.

Das war die Zusammenfassung des 3. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika. Hier geht wes weiter zur Zusammenfassung von Kapitel IV-der Pradipika.

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Fun Facts zum 3. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika

  • 🔒 Geheimhaltung war ernst gemeint
    Mudras sollten laut Text nicht öffentlich gelehrt werden – aus Angst vor Missbrauch oder Wirkungslosigkeit.
  • ⚡ „Gewalt“ im Yoga?
    Das Wort „hatha“ kann auch „mit Kraft“ oder „energisch“ bedeuten – nicht unbedingt brutal, aber definitiv nicht passiv.
  • 🧠 Kein Nervensystem im modernen Sinn
    Die Nadis sind keine Nervenbahnen, auch wenn sie oft so dargestellt werden. Das ist eine moderne Fehlübersetzung.
  • 🔥 Bhastrika als Turbo-Technik
    Die „Blasebalg-Atmung“ wird mehrfach empfohlen, um Prozesse zu beschleunigen – fast wie ein spiritueller Turbo-Modus.

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Hatha Yoga Pradipika 1. Kapitel: Zusammenfassung der Verse

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Wer hier nur eine alte Anleitung zu exotischen Praktiken erwartet, unterschätzt den Text; wer ihn dagegen unkritisch wörtlich nimmt, stolpert schnell über große Worte, subtile Kanäle und wundersame Versprechen.

Dieser Artikel ordnet die wichtigsten Aussagen des Kapitels verständlich ein, erklärt zentrale Begriffe wie Laya, Nada, Sushumna, Kundalini und Turya und zeigt, warum dieser alte Yogatext auch heute noch mehr zu sagen hat als manche moderne Übungsanleitung mit schöner Matte und wenig Tiefe.

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

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