Vajroli Mudra: Anleitung, Quellentext, Sahajoli und Amaroli sowie kritische Einordnung
Vajroli Mudra, Sahajoli und Amaroli gehören zu den ungewöhnlichsten Praktiken des überlieferten Hatha Yoga. In den klassischen Texten geht es dabei um Sexualität, Körperflüssigkeiten, die Bewahrung von Bindu und das Versprechen besonderer spiritueller Kräfte. Der Name Vajroli wird gewöhnlich mit Vajra – Donnerkeil, Blitz oder Diamant – und Mudra – Siegel oder yogische Technik – in Verbindung gebracht. Vajroli Mudra soll die sexuelle Energie sublimieren und in die höheren Chakras führen.
Der folgende Beitrag erläutert, was die Hatha Yoga Pradipika hierzu tatsächlich beschreibt, wie diese Passagen historisch eingeordnet werden können und weshalb ihre moderne Bewertung nicht mit einer praktischen Empfehlung verwechselt werden sollte.
Kurz zusammengefasst
- Vajroli Mudra: Vajroli gehört zu den ungewöhnlichsten und sensibelsten Praktiken des Hatha Yoga. In klassischen Texten steht die Mudra mit der Bewahrung sexueller Substanz und der Vorstellung in Verbindung, Lebensenergie nicht zu verlieren, sondern spirituell nutzbar zu machen.
- Hatha Yoga Pradipika: Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt Vajroli, Sahajoli und Amaroli im dritten Kapitel in auffallend körpernahen und sexualbezogenen Versen. Dabei werden Wirkungen wie Siddhis, Langlebigkeit und Befreiung versprochen; diese Aussagen gehören zur religiösen Überlieferung und sind nicht als medizinisch bestätigte Wirkungen zu verstehen.
- Bindu und Rajas: Im historischen Verständnis spielen Bindu, meist als Samen oder männliche Lebenssubstanz gedeutet, sowie Rajas, eine weibliche generative Flüssigkeit, eine zentrale Rolle. Ihre Bewahrung wird im Text nicht nur körperlich, sondern als Voraussetzung besonderer spiritueller Kräfte verstanden.
- Moderne Deutung: In heutigen Yogaschulen wird Vajroli teilweise wesentlich zurückhaltender als Beckenboden- und Konzentrationsübung vermittelt. Diese moderne Form unterscheidet sich deutlich von den invasiven oder sexualbezogenen Beschreibungen der klassischen Texte.
- Sahajoli: Sahajoli erscheint in der Überlieferung als mit Vajroli verbundene Praxis, an der Frau und Mann beteiligt sind. Eine heutige Betrachtung sollte dabei nicht nur die historische Technik schildern, sondern auch Freiwilligkeit, Einvernehmen und körperliche Selbstbestimmung in den Mittelpunkt stellen.
- Amaroli: Amaroli wird in der Hatha Yoga Pradipika mit der Verwendung des mittleren Urinstrahls und einer nasalen Anwendung verbunden. Historisch ist dies ein bemerkenswertes Zeugnis yogischer Körpervorstellungen; ein belegter gesundheitlicher Nutzen lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
- Sicherheitsgrenze: Historische Praktiken mit Röhrchen oder anderen Manipulationen an der Harnröhre sind keine Anleitung für die eigene Yogapraxis. Sie können Verletzungen und Infektionen verursachen und sollten nicht als harmlose Erweiterung einer Mudra dargestellt werden.
- Tantrischer Hintergrund: Die Oli-Techniken zeigen, dass historischer Hatha Yoga nicht nur aus Körperstellungen und Atemübungen bestand. Sexualität, Askese, Körperflüssigkeiten und Befreiung werden hier in einer Weise miteinander verbunden, die heute fremd wirken kann, aber gerade deshalb kulturgeschichtlich aufschlussreich ist.
- Kritische Lesart: Nicht alles, was in einem klassischen Yogatext überliefert ist, muss praktiziert oder wörtlich geglaubt werden. Der Wert des Themas liegt vor allem darin, eine wenig bekannte, widersprüchliche Seite der Yogageschichte verständlich und verantwortungsvoll einzuordnen.
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Hinweis zur Einordnung und Sicherheit
Die folgenden Abschnitte erläutern Praktiken, die in klassischen Yogatexten überliefert sind. Sie dienen der historischen und inhaltlichen Einordnung, nicht der Anleitung zu invasiven oder sexualbezogenen Selbstversuchen. Insbesondere Manipulationen an der Harnröhre sowie die Einnahme oder nasale Anwendung von Urin sind aus heutiger medizinischer Sicht nicht als Yogaübung zu empfehlen. Traditionelle Wirkversprechen wie Verjüngung, außergewöhnliche Kräfte oder die Verhinderung des Alterns sind Teil der Überlieferung und nicht mit wissenschaftlich bestätigten Wirkungen gleichzusetzen.
Historische Deutung und moderne Übungsformen von Vajroli Mudra
In der klassischen Überlieferung ist Vajroli Mudra vor allem mit der Bewahrung von Bindu verbunden. Bindu wird in diesem Zusammenhang häufig als Samen, zugleich aber auch als kostbare Lebens- oder Wirkkraft verstanden. Hinter der Technik steht die Vorstellung, sexuelle Energie nicht zu verlieren, sondern für den yogischen Weg zu bewahren oder nach oben zu lenken.
Die entsprechenden Verse der Hatha Yoga Pradipika sind dabei auffallend konkret: Sie sprechen nicht nur von Enthaltsamkeit oder innerer Sammlung, sondern auch von sexuellen Handlungen und dem Aufwärtsziehen körperlicher Flüssigkeiten. Diese Darstellung gehört zur historischen Quellenlage. Sie ist jedoch nicht mit einer empfehlenswerten heutigen Übungsanleitung gleichzusetzen.
In modernen Yogaschulen wird Vajroli häufig wesentlich zurückhaltender verstanden. Im Mittelpunkt steht dann die bewusste Wahrnehmung und sanfte Aktivierung der Muskeln im vorderen Beckenboden, manchmal verbunden mit Atembeobachtung, Konzentration oder der Vorstellung eines aufsteigenden Energieflusses entlang der Wirbelsäule. Eine solche Übungsform ist eher eine moderne Interpretation als eine direkte Umsetzung der klassischen sexualbezogenen Beschreibungen.
Wer Vajroli in dieser zurückhaltenden Form übt, sollte ohne Druck und ohne Ehrgeiz vorgehen. Eine sanfte Beckenbodenwahrnehmung ist etwas anderes als kräftiges Pressen, erzwungenes Atemanhalten oder gar invasive Manipulationen an den Geschlechts- oder Harnorganen. Schmerzen, unangenehmer Druck oder Unsicherheit sind keine Zeichen spirituellen Fortschritts, sondern Gründe, eine Übung zu beenden.
Vajroli Mudra in der Hatha Yoga Pradipika
Die übliche Interpretation von Vajroli-Mudra besteht in einer Technik, die den Yogi befähigt, seinen Samen zu bewahren. Dies kann zum einen dadurch erfolgen, dass er lernt, den Samen (beim Geschlechtsverkehr) gar nicht erst freizusetzen. Sollte dies aber doch geschehen, dann sollte er den Samen wieder durch seine Harnröhre aus der Vagina "einer Frau, die dem Samen gewidmet ist, aufziehen". Siehe zu dieser Technik unten bei "Vajroli Mudra in der Hatha Yoga Pradipika".
Die Hatha-Yoga-Pradipika behandelt Vajroli Mudra ab dem 83. Vers:
Vers 3-83: Nun folgt Vajroli. Selbst ein Yogi, der nach einem Belieben sich verhält, ohne die im Yoga gelehrten Regeln (Niyama) zu berücksichtigen, der aber Vajroli praktiziert, wird zu einem Gefäß der übernatürlichen Fähigkeiten (Siddhis).
Gemeint ist wohl: Selbst bei regem Sexleben wird man durch diese Technik zum "Asketen", da man die sexuelle Energie in sich bewahrt.
Es folgen in der Pradipika Andeutungen einiger tantrischer (Sex-)Übungen. So wird zum Beispiel nach Meinung des Kommentators Brahmananda in Vers 3-85 das Heraufziehen des Samens durch Kontraktion des Penis bzw. der Vagina erreicht.
3-87 ... soll der Yogi den Samen, der sich in Richtung der Vagina der Frau bewegt hat, "kurz bevor er fällt" zurück – aufwärts – ziehen und damit bewahren.
Brahmananda versteht den Vers so, dass damit auch das Heraufziehen der Flüssigkeit bei der Frau gemeint sei und sie diese auch hinaufziehen solle.
Durch die Bewahrung des Samens sollen die sexuelle Energie sublimiert und das Altern verhindert werden.
Erläuterungen zum historischen Text
Die Hatha Yoga Pradipika behandelt Vajroli im dritten Kapitel ab Vers 83. Bereits der Einstieg fällt aus dem üblichen Erwartungsrahmen: Der Text behauptet, selbst ein Mensch, der sich nicht an die yogischen Verhaltensregeln hält, könne durch Vajroli zum Träger außergewöhnlicher Fähigkeiten werden.
Damit wird Vajroli als eine ausgesprochen machtvolle Technik dargestellt. Der Text verbindet sie nicht primär mit moralischer Reinheit oder sexueller Enthaltsamkeit, sondern mit der Fähigkeit, sexuelle Aktivität und yogische Vollendung miteinander zu vereinbaren. Im Hintergrund steht die Vorstellung, dass der Verlust von Bindu zugleich einen Verlust an Lebenskraft bedeute, während seine Bewahrung spirituelle Kraft, Langlebigkeit und besondere Fähigkeiten ermögliche.
In den folgenden Versen wird diese Vorstellung körperlich konkret. Der Praktizierende soll den beim sexuellen Kontakt in Bewegung geratenen Samen wieder aufwärts ziehen und damit bewahren. Spätere Kommentare beziehen diese Fähigkeit teilweise auch auf die Frau und die Bewahrung ihrer eigenen generativen Flüssigkeit.
Solche Aussagen sollten weder vorschnell als bloße Symbolsprache aufgelöst noch als praktisch nachvollziehbare Körpertechnik übernommen werden. Sie zeigen vielmehr eine historische Yogalehre, in der Sexualität, körperliche Substanzen und spirituelle Wirksamkeit eng miteinander verbunden werden. Die behaupteten Wirkungen – etwa die Verhinderung des Alterns oder das Erlangen außergewöhnlicher Kräfte – sind Bestandteil der traditionellen Überlieferung, nicht medizinisch bestätigte Tatsachen.
Die moderne Forschung weist zudem darauf hin, dass die verbreitete Vorstellung eines unmittelbaren „Zurücksaugens“ bereits abgegebener Flüssigkeit beim Geschlechtsverkehr anatomisch nicht überzeugend erscheint. Historisch bedeutsam ist daher weniger die Frage, ob eine spektakuläre Körpertechnik tatsächlich funktioniert, sondern welche Rolle Vajroli im damaligen yogischen Denken spielte: Sexualität sollte nicht zwangsläufig als Hindernis gelten, sofern ihre vermeintlich entscheidende Lebenssubstanz bewahrt werden konnte.
Die Passage mit dem Röhrchen: historisch bedeutsam, praktisch nicht zu empfehlen
Besonders erklärungsbedürftig ist die Passage, in der Vajroli mit einem Röhrchen beziehungsweise einem in die Harnröhre eingeführten Hilfsmittel in Verbindung gebracht wird.
Vers 3-86: Vorsichtig soll der Yogi ... mit einem Röhrchen in die Harnröhre blasen ...
In der historischen Überlieferung dient dieses Motiv dazu, die Fähigkeit des Aufwärtsziehens von Flüssigkeit zu beschreiben oder vorzubereiten. Gerade diese Stelle macht deutlich, dass Vajroli in den klassischen Texten nicht nur als geistige Visualisation oder Beckenbodenübung gedacht war.
Für die heutige Praxis ist hier eine klare Grenze notwendig: Das Einführen von Röhrchen, Schläuchen oder anderen Gegenständen in die Harnröhre ist keine harmlose Yogaübung. Die Harnröhre ist empfindlich; Manipulationen können Schmerzen, Schleimhautverletzungen, Blutungen, Infektionen und längerfristige Beschwerden verursachen. Solche Praktiken gehören nicht in eine eigenständige Übungspraxis und sollten auch nicht durch das Versprechen besonderer spiritueller Wirkungen verharmlost werden.
Moderne Übungsvariante von Vajroli Mudra
Es gibt eine moderne Interpretationsvariante von Vajroli Mudra, die darauf abzielt, die Chakras entlang der Wirbelsäule von unten nach oben zu aktivieren. Die Anleitung lautet:
- Sitze mit gekreuzten Beinen.
- Lege die Zunge an den Gaumen.
- Schaue zum Punkt zwischen den Augenbrauen.
- Atme bequem ein und halte die Luft an.
- Ziehe die Beckenbodenmuskeln von vorne nach hinten an (vordere Geschlechtsmuskeln, Damm, Anusschließmuskeln)
- Lege das Kinn auf die Brust.
- Ziehe gedanklich die Energie vom Muladhara Chakra im Beckenboden bis zum Sahasrara Chakra (Scheitel des Kopfes) hoch.
Yoga Vidya lehrt Vajroli Mudra auch als Kontraktionsübung:
Mit Klick auf dem Button wird eine Verbindung zu Youtube hergestellt und die bei Youtube üblichen Daten erhoben und Cookies gesetzt.
Diese moderne Vermittlung zeigt, wie stark sich die heutige Yogapraxis von den ursprünglichen Textpassagen unterscheiden kann: Aus einer sexualbezogenen und teilweise invasiv beschriebenen Technik wird eine Übung der Beckenbodenwahrnehmung und der inneren Konzentration. Das mag innerhalb einer Yogatradition sinnvoll sein, sollte jedoch transparent als moderne Auslegung gekennzeichnet werden.
Auch Swami Vishnu-Devananda behandelte Vajroli zurückhaltend. Er verwies darauf, dass eine gesonderte Praxis von Vajroli für seine Zwecke nicht erforderlich sei, weil vergleichbare Ziele durch Mula Bandha, den sogenannten Wurzelverschluss, angestrebt werden könnten. Diese Einschätzung ist bemerkenswert: Selbst innerhalb moderner Yogatraditionen gilt Vajroli nicht ohne Weiteres als notwendige oder allgemein geeignete Praxis. Swami Vishnu-Devananda schreibt:
"... für unsere Zwecke ist es nicht notwendig, Vajroli zu üben, weil wir dieselben Erfolge durch Mula Bandha erzielen können."
Sahajoli: eine gemeinsame, zugleich erklärungsbedürftige Praxis
Die Hatha Yoga Pradipika bezeichnet Sahajoli und Amaroli als mit Vajroli verbundene Varianten. Im Abschnitt zu Sahajoli wird beschrieben, dass Asche aus verbranntem Kuhdung mit Wasser vermischt wird. Nach dem sexuellen Akt sollen Frau und Mann bestimmte Körperbereiche mit dieser Mischung einreiben.
Aus heutiger Sicht mag diese Darstellung befremdlich wirken. Sie ist jedoch aufschlussreich, weil sie zeigt, dass die sogenannte Oli-Praxis nicht ausschließlich als Angelegenheit eines männlichen Yogis beschrieben wird. Frau und Mann erscheinen im Ritual gemeinsam beteiligt.
Gleichzeitig sollte diese Beteiligung nicht vorschnell mit einem modernen Verständnis von Gleichberechtigung verwechselt werden. Historische Yogatexte betrachten Sexualität häufig aus der Perspektive spiritueller Wirksamkeit und männlicher Selbstbeherrschung. Eine heutige Einordnung muss deshalb ergänzen, was der Quellentext nicht in unserem heutigen Sinn ausführt: Jede sexualbezogene Praxis setzt Freiwilligkeit, gegenseitiges Einvernehmen, Respekt und körperliche Sicherheit voraus. Keine religiöse oder yogische Tradition rechtfertigt Druck, Grenzüberschreitungen oder die Instrumentalisierung eines anderen Menschen für vermeintliche spirituelle Fortschritte.
Die Verse in der Hatha Yoga Pradipika:
Vers 3-92: ... Sahajoli und Amaroli sind mit Vajroli drei Teile eines Ganzen. Gereinigte Asche aus verbranntem Kuhmist wird in Wasser aufgelöst.
3-93: Nach dem (Geschlechtsakt mit) Vajroli (siehe oben) sollen sogleich die glücksverheißenden Körperteile von Frau und Mann mit diesem Sud eingerieben werden.
Amaroli: Urin als yogische Substanz in der Überlieferung
Mit Amaroli beschreibt die Hatha Yoga Pradipika eine weitere Variante innerhalb der Oli-Techniken. Der Text unterscheidet dabei zwischen dem ersten, dem mittleren und dem letzten Anteil des Urinstrahls. Verwendet werden soll der mittlere Anteil, der als besonders geeignet beziehungsweise „kühlend“ beschrieben wird. In einem weiteren Vers wird zudem eine Anwendung über die Nase erwähnt.
Diese Praxis verweist auf eine historische Körpervorstellung, in der Urin nicht ausschließlich als auszuscheidender Stoff betrachtet wurde, sondern im Rahmen bestimmter Lehren als nutzbare oder verwandelnde Substanz gelten konnte. Das ist religions- und yogageschichtlich bemerkenswert – und zugleich ein gutes Beispiel dafür, wie weit klassische Texte von heutigen Gesundheitsvorstellungen entfernt sein können.
Für die Gegenwart ist die Einordnung eindeutig: Aus der Erwähnung von Amaroli in einem klassischen Yogatext lässt sich kein gesundheitlicher Nutzen ableiten. Für das Trinken oder die nasale Anwendung von Urin bestehen keine überzeugenden medizinischen Nachweise einer positiven Wirkung. Urin ist zudem nicht keimfrei und kann Stoffe enthalten, die der Körper gerade ausscheidet. Amaroli sollte daher als historische Praxis beschrieben, nicht als Empfehlung zur Selbstanwendung vermittelt werden.
Die anschließend genannten Versprechen – Langlebigkeit, außergewöhnliche Kräfte oder sogar die Fähigkeit, sich durch die Luft zu bewegen – gehören zur spirituellen Bild- und Wirkungswelt des Textes. Sie zeigen, welchen Rang die Praxis in dieser Überlieferung einnahm; sie sind keine überprüfbaren Wirkungsangaben im heutigen Sinn.
Die Verse in der Hatha Yoga Pradipika:
Vers 3-96: Nun Amaroli. Verwerfe die Galle (Pitta) im ersten und letzten Urin-Strom, weil diese ohne Essenz ist. Trinke den kühlenden mittleren Strahl ...
Im Text steht ambu, das kann Wasser, Flüssigkeit oder Urin sein.
3-97: Wer täglich mit der Nase Amari (den eigenen Urin) durch die Nase trinkt, der übt Vajroli auf korrekte Weise ...
Wieder werden in den folgenden Versen durch das Praktizieren der beschrieben Übungen Langlebigkeit und außergewöhnliche Kräfte versprochen. Man soll nach beharrlicher Praxis sogar durch die Luft schweben können, selbst wenn man sich dem "vergnüglichen Genuss" hingibt.
Oli-Techniken und tantrischer Hintergrund
Die Beschreibungen von Vajroli, Sahajoli und Amaroli machen deutlich, dass historischer Hatha Yoga nicht nur aus Körperhaltungen, Atemtechniken und Meditation bestand. Manche seiner Texte sprechen erstaunlich offen über Sexualität, Körperflüssigkeiten, Lust, Askese und das Streben nach Befreiung. Die Oli-Techniken gehören zu den Passagen, an denen diese Verbindung besonders sichtbar wird.
Die Einordnung als tantrisch beeinflusst bedeutet dabei nicht einfach, dass es sich um sexuelle Übungen handelt. In tantrischen und verwandten yogischen Milieus konnte der Körper mit seinen Energien und Substanzen als Mittel spiritueller Transformation verstanden werden. Was im gewöhnlichen Leben als Begehren, Ausscheidung oder Verlust erschien, konnte im religiösen Kontext neu bewertet und in eine Praxis der Selbstbeherrschung eingebunden werden.
Die Hatha Yoga Pradipika, die gewöhnlich dem 15. Jahrhundert zugeordnet wird, behandelt diese Techniken knapp und ohne eine ausführliche Schritt-für-Schritt-Erklärung. Daraus lässt sich jedoch nicht sicher schließen, weshalb die Darstellung so zurückhaltend bleibt. Möglich sind unterschiedliche Gründe: die Bindung solcher Lehren an persönliche Unterweisung, die bewusste Verschlüsselung sensibler Praktiken oder schlicht die knappe Form des Textes.
Auch die Frage, ob die Verse wörtlich oder symbolisch zu verstehen sind, lässt sich nicht pauschal beantworten. Bestimmte moderne Deutungen lesen Vajroli als Bild für die Lenkung sexueller Energie oder für das Aufsteigen von Prana durch die Sushumna. Die klassischen Beschreibungen enthalten jedoch zugleich deutlich körperliche Elemente. Seriös ist daher eine doppelte Perspektive: Die symbolische Lesart kann erläutert werden, ohne die körperlich-sexuelle Dimension der historischen Quelle zu verschweigen.
Überlieferte Geschichte: Der Vajroli-Meister
Um Vajroli ranken sich Erzählungen, die weniger als Tatsachenberichte denn als Ausdruck des Ansehens dieser Technik verstanden werden sollten. Eine solche Geschichte handelt von einem Yogi, der mit mehreren Frauen zusammengelebt haben soll. Sein Lebenswandel erregte den Unmut der Dorfbewohner, die ihn wegen seiner vermeintlichen Ausschweifungen zur Rede stellen wollten.
Als die aufgebrachte Menge vor seinem Haus erschien, soll der Yogi auf einen Balkon getreten sein und in Richtung der Anwesenden uriniert haben. Noch bevor der Strahl jemanden erreichte, habe er ihn vollständig wieder zurückgezogen. Die Dorfbewohner hätten daraufhin erkannt, dass sie es mit einem Meister von Vajroli zu tun hatten: Einem Menschen also, der nach ihrer Vorstellung seine körperlichen Kräfte vollkommen beherrschte und deshalb auch beim sexuellen Akt keinen Verlust von Bindu erleiden konnte.
Eine solche Erzählung ist nicht als anatomischer Beleg zu lesen. Sie zeigt vielmehr, wie stark die Beherrschung sexueller und körperlicher Vorgänge in bestimmten Yogatraditionen mit spiritueller Autorität verbunden wurde. Die Pointe der Geschichte liegt nicht in ihrer Nachprüfbarkeit, sondern in ihrem Weltbild: Wer den vermeintlichen Verlust der Lebenssubstanz beherrscht, steht über den gewöhnlichen Regeln von Lust, Scham und gesellschaftlichem Urteil.

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FunFacts zum Vajroli Mudra
- Vajroli gehört in der Hatha Yoga Pradipika zu einer Zehnergruppe von Mudras, denen nichts Geringeres als die Überwindung von Alter und Tod zugeschrieben wird. Der Text geht also nicht gerade mit kleinen Versprechen hausieren; Zurückhaltung war in dieser Passage ersichtlich keine Tugend.
- Der Vajroli-Abschnitt beginnt mit der Behauptung, die Technik könne sogar jemanden zu übernatürlichen Fähigkeiten führen, der sich nicht an die yogischen Regeln hält. Das ist bemerkenswert, weil Yoga sonst häufig gerade mit Disziplin, Enthaltsamkeit und Regelbefolgung verbunden wird. Quelle: Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 3, Vers 83
- Als zwei wichtige Voraussetzungen für Vajroli nennt die Hatha Yoga Pradipika ausgerechnet Milch und eine geeignete Frau. Diese Kombination wirkt heute beinahe surreal, zeigt aber, wie eng Ernährung, Sexualität und spirituelle Praxis in der damaligen Vorstellungswelt miteinander verbunden werden konnten. Quelle: Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 3, Vers 84
- Der klassische Text beschränkt Vajroli nicht ausschließlich auf Männer. Bereits in Vers 85 heißt es, dass ein Mann oder eine Frau Vollendung in Vajroli erreichen könne; spätere Verse sprechen ausdrücklich von einer Frau als Yogini, wenn sie ihre eigene generative Flüssigkeit bewahrt. Quelle: Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 3, Verse 85 und 99–103
- Sahajoli verbindet Sexualität mit einem Ritual aus Wasser und Asche von verbranntem Kuhdung. Nach dem beschriebenen Akt sollen Frau und Mann ihren Körper damit einreiben und anschließend glücklich zusammensitzen – eine Szene, die in modernen Yogastudios vermutlich auch mit gedimmtem Licht schwer zu vermitteln wäre.
- Amaroli wird im Text mit dem mittleren Urinstrahl verbunden. Der erste und letzte Anteil sollen verworfen, der „kühlende“ mittlere Anteil genutzt werden; in der folgenden Strophe wird zusätzlich eine nasale Anwendung beschrieben.
- Die heute bekannte Vorstellung, bereits abgegebenen Samen beim Geschlechtsverkehr wieder unmittelbar aufzunehmen, wird vom Yogaforscher James Mallinson anatomisch als nicht plausibel beurteilt. Seine Untersuchung zeigt außerdem: Texte, die praktische Details nennen, sprechen von der Verwendung eines Röhrchens oder einer Röhre – nicht von einer mysteriösen Saugkraft allein. Quelle: James Mallinson: Yoga and Sex: What is the Purpose of Vajrolīmudrā?
- Die älteste bekannte Erwähnung einer mit Vajroli verbundenen Vorstellung nennt die Technik noch gar nicht beim Namen. Mallinson verweist auf den ungefähr im 12. Jahrhundert entstandenen Amanaska; erst das etwa im 13. Jahrhundert entstandene Dattātreyayogaśāstra nennt Vajroli ausdrücklich. Quelle: wie vor
- Gerade die spektakulärste historische Variante ist zugleich die medizinisch problematischste. Das Einführen eines Schlauchs oder Röhrchens in die Harnröhre kann Infektionen und Verletzungen verursachen; damit wird aus einer vermeintlich geheimnisvollen Yogatechnik sehr schnell ein urologisches Risiko. Quelle: NHS: Risks of a urinary catheter
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