Visheshâvishesha-lingamâtrâlingâni guna-parvâni
विशेषाविशेषलिङ्गमात्रालिङ्गानि गुणपर्वाणि
Das Ziel von Patanjalis Ausführungen liegt in der Befreiung von allem Leid. Dazu muss die falsche Identifikation mit dem Materiellen (Prakriti) durch den Wahrnehmenden (Purusha, Atman) aufgehoben werden. Hilfreich hierfür ist die Kenntnis der Wirkkräfte der Natur, deren Zusammenwirken und ihr Einfluss auf uns.
Inhalt: Yogasutra Kapitel 2, Vers 19
- Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits
- Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)
- Wo wir stehen
- Yoga und die Gunas
- Das Gegensatzpaar Visesa – Avisesa, Linga-Matra und Alinga
- Siehe auch - Sutras mit zugehörigen Aussagen
- Übungsvorschlag zu Sutra II-19
- Videos zu Sutra II-19
- Beliebt & gut bewertet: Bücher zum Yogasutra

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits
Hier sind zunächst die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Wörter, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis anpassen kannst:
- Vishesha, viśeṣa = besonders; bestimmt; unterschiedlich; Unterschied; spezifisch;
- Avishesha, aviśeṣa = nichtspezifisch; atypisch; nicht unterscheidbar; unspezifisch; unbestimmt;
- Linga, liṅga = Symbol; Zeichen;
- Matra, mātra = wiedergebbar; ausdrückbar; nur;
- Linga-Matra, lingamâtra, liṅga-mātra = ein blosses Zeichen; symbolhaft;
- Alinga, aliṅga, alingâani = ohne Zeichen, ohne Symbol; ohne unterscheidendes Merkmal; jenseits von Symbolen; nicht zu deuten;
- Guna, guṇa = drei Eigenschaften der Natur/Materie; fundamentale Grundqualitäten der Natur;
- Parvani, parvâni, parvan = Schritte; Entwicklungsstufen; Zustände; Kategorien; Level; das Gelenk; der Knoten im Bambus; ein Abschnitt im Buch; Stufen;

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)
Hervorhebungen weisen auf Besonderheiten der jeweiligen Übersetzung hin. Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.
- Sukadev: „Die Zustände der drei gunas sind ...“
- Dr. R. Steiner: „ ... bestimmbar, unspezifisch, symbolhaft, jenseits von Symbolen.“
- Deshpande/Bäumer: „... sind entweder bestimmt oder unbestimmt, entweder mit oder ohne sichtbare Kennzeichen.“
- Coster: „... auf jeder Stufe dem Bewusstsein eingeboren.“
- Feuerstein: „Die Ebenen der guna-Prinzipien [der Natur] sind: ...“
- R. Palm: „Das Unterschiedene und Ununterschiedene ...“
- R. Sriram: „Objekte lassen sich in vier Kategorien unterteilen: ... Objekte, die so feinstofflich sind, dass sie nur über Symbole angedeutet werden können; ...“
- Govindan: „... spezifisch, unspezifisch, definiert und undefinierbar.“
- Iyengar: „Die Wandlungsphasen der Gunas sind ....“
- Chip Hartranft: „Alle Ordnungen des Seins – undifferenziert, differenziert, undeutlich, verschieden – sind Manifestationen der Grundqualitäten der Natur.“
- R. Skuban: „Die Grundbausteine der Natur existieren in vier Zuständen: ...“
- G. Pradīpaka: „Die Stadien der Veränderung (parvāṇi) der Guṇas (oder Qualitäten von Pradhāna1) (guṇa) (sind): „diversifiziert“ (viśeṣa), „undiversifiziert“ (aviśeṣa), „nur Indikator“ (liṅgamātra) und „eins“ die ohne Angabe oder Zeichen ist ... (aliṅgāni)“
- 12koerbe.de: „... der Erscheinungsfaktoren Verknotungen:“
- Hariharananda Aranya: „Diversifiziert (Visesa), Undiversifiziert (Avisesa), Nur-Indikator (Linga-Matra) und das, was ohne Indikator ist (Alinga), sind die Zustände der Gunas.“
- I. K. Taimni: „Die Stufen der Gunas sind das Besondere, das Allgemeine, das Differenzierte und das Undifferenzierte.“
- Swami Satchidananda: „Die Stufen der Gunas sind spezifisch, unspezifisch, definiert und undefinierbar.“
- Swami Prabhavananda: „Die Gunas durchlaufen vier Zustände – grob, subtil, ursprünglich und nicht entwickelt.“
- Swami Vivekananda: „Die Zustände der Eigenschaften sind definiert, undefiniert, nur angezeigt und vorzeichenlos.“
- Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Die Schichten der Natur sind: die Partikularisierten, Nicht-Partikularisierten, Differenzierten & Undifferenzierten. “
Zu den Quellen
Buchbesprechungen, Erläuterungen zur Auswahl der Übersetzungsvarianten und allgemeine Hinweise zur Sutraübersetzung findest du im zugehörigen Artikel. Hier nun die Kurzauflistung:
Bücher
- Mircea Eliade: Yoga – Unsterblichkeit und Freiheit
- Iyengar: Der Urquell des Yoga
- Deshpande/Bäumer: Die Wurzeln des Yoga
- Geraldine Coster: Yoga und Tiefenpsychologie
- R. Sriram: Von der Erkenntnis zur Befreiung – Das YogaSutra
- Govindan: Die Kriya Yoga Sutras des Patanjali
- Mallinson/Singleton: Roots of Yoga
- R. Palm: Der Yogaleitfaden des Patañjali
- T.K.V. Desikachar: Über Freiheit und Meditation | Das Yoga Sutra von Patanajali
- Feuerstein, Georg: Die Yoga Tradition (Amazon)
- Skuban, Ralph: Patanjalis Yogasutra (Amazon)
- Sri Swami Satchidananda: The Yoga Sutras of Patanjali (Amazon)
- Trevor Leggett: The complete Commentary by Sankara on the Yoga-Sutras* (Amazon)
Internetseiten
- Internet-Übersetzung des Yogasutras auf Yoga-Vidya.de
- Zu den Sutras auf ashtangayoga.info
- Zu den Sutras auf 12koerebe.de
- Zu den Sutras auf vedanta-yoga.de
- Openland.de (mittlerweile offline)
- Zu www.bodhi.sofiatopia.org (buddhistische Kommentare zum Yogasutra nur noch als Buch)
- sanskrit-sanscrito.com (Sutras anscheinend entfernt)
- Zur Übersetzung von Chip Hartranft (PDF)
- Die Übersetzung von Hariharananda Aranya, I. K. Taimni, Vasa Houston, Barbara Miller, Swami Satchidananda, Swami Prabhavananda, Swami Vivekananda finden sich auf dieser Seite.
- Übersetzung von James Haughton Woods
- Rainbowbody.com (ausführliche und eigene Kommentierung)
- Wisdom Library
Weitere Quellen, z. B. zu aktuellen Studien, sind direkt im Text verlinkt.
Dein Übersetzungsvorschlag
Du findest die bisherigen LeserInnen-Übersetzungen und -Ergänzungen unten.
Hast du einen eigenen Übersetzungsvorschlag?
Wie würdest du diese Sutra übersetzen? Manchmal ergeben schon kleine Wortveränderungen ganz neue Aspekte. Trau dich ... :-)

Die Grundeigenschaften der Natur sind geheimnisvoll
Wo wir stehen
Wir befinden uns im zweiten Kapitel des Yogasutra von Patanjali. Es handelt von der „Praxis“. Patanjali beginnt das Kapitel mit dem Versprechen, dass Yoga die Leiden des Yogis vermindert und zu Samadhi führt.
In Sutra II-3 bis II-11 schildert Patanjali die fünf Haupt-Hindernisse auf dem Yogapfad, die sogenannten Kleshas (Unwissenheit, Anhaftung, Ablehnung, Ego, Lebensdrang). Erste Wege zur Überwindung der Hindernisse werden angerissen (Gegenschöpfung, Meditation). Sutra II-12 bis II-15 handeln von Karma (Folgen von Handlungen und Gedanken, die aufgrund der Kleshas geschehen) und dem inhärenten Leid dieser Welt. Grundübel ist die unsere Identifikation mit dem, was wir nicht sind.
Dann geht es weiter mit den Schritten, das Leiden zu besiegen. Patanjali argumentiert entlang der Samkhya-Lehre.


Wahrgenommenes und Wahrnehmendes – Auszug aus der Samkhya-Lehre
Das Samkhya ist eines der ältesten philosophischen Systeme indischer Herkunft. „Samkyha“ bedeutet wörtlich „Zahl“, „Aufzählung“ oder „das, was etwas in allen Einzelheiten beschreibt“. Hiermit ist die Aufzählung und Analyse jener Elemente gemeint, die gemäß Samkyha die Wirklichkeit bestimmen.
Allein das Wissen um diese Elemente soll bereits zur Erlösung vom Kreislauf der Wiedergeburten führen. Damit einher geht die Beendigung von drei Arten des Leidens (duhkha):
- adhyatmika (Leiden unter physischen oder psychischen Krankheiten),
- adhibhautika (von Außen zugefügtes Leid durch menschliche Gewalt oder Umwelteinflüsse),
- adhidaivika (Leid durch Naturgewalt, Umweltkatastrophen oder übernatürliche Phänomene).
Purusha, Prakriti, Guna
Das Universum und die Abläufe darin beruhen gemäß Samkyha auf zwei fundamentalen Prinzipien:
- Purusha: passiver aber bewusster Geist, auch Urseele, Weltgeist oder kosmisches Selbst genannt. Steht im Dualismus für Subjekt und das Wahre Selbst.
- Prakriti: aktive aber unbewusste „Urmaterie“, das Wahrnehmbare, das Benennbare oder „Natur“. Steht im Dualismus für Objekt und das Universum
Swami Satchidananda schreibt:
„Das Purusha ist das Wahre Selbst, das Purusha sieht. Prakriti ist alles andere.“
Es herrscht Uneinigkeit: Die Samkhya Philosophie sagt, dass es ein real existierendes Universum gibt. Die Vedanta-Lehre sieht alles als Maya, als Illusion an.
Prakriti und die Gunas
Der Urnatur Prakriti werden im Samkhya drei Gunas (Merkmale, Eigenschaften, von Hauer „Weltstoffenergien“ genannt) zugerechnet:
- Sattva (das Seiende, Reinheit, Klarheit). Gemäß Ayurveda-Lehre steht Sattva für Reinheit, Ausgeglichenheit, Balance und Neutralität. Charakterlich zeigt sich eine Sattva-Vorherrschaft in Freigebigkeit, Gelassenheit, Zufriedenheit, Weisheit, Ausgeglichenheit und Toleranz. Menschen, die sich vorwiegend sattvisch ernähren sollen länger leben und gesünder alt werden. Als sattvische Nahrungsmittel gelten frische & reife Früchte, Honig, Milch, Reis, Weizen, Safran und Zimt.
- Rajas (Bewegung, Energie, Leidenschaft). Verantwortet Wandlung, Veränderung und Dynamik. Aber auch Zorn, Rastlosigkeit und Hektik.
- Tamas (Trägheit, Dumpfheit, Dunkelheit, Schwere). Eine Kraft, die unsere Wahrnehmungsfähigkeit trübt und unsere Wirkkraft schwächt. Aber auch das Prinzip der Ruhe.
Sattva für den Yogi
Feuerstein (Buch bei Quellen ergänzen) schreibt: „Während aktive (rajas) und träge (tamas) Qualität dazu neigen, die Ich-Illusion aufrechtzuerhalten, erschafft die Qualität der Helligkeit (sattva), insoweit sie dominiert, die Vorbedingungen für das Befreiungsgeschehen. Daher erstrebt der yogin sattvische Konditionen und Zustände.“
Aber auch das Körper-Geist-System existiert auf Basis der drei Gunas. Als Yogi wisse man, dass alle drei Prinzipien miteinander wechselseitig verbunden sind. Jede Anhaftung an einen Zustand (Sattva ...) führt (ebenfalls) zu Leid.
Purusha
Purusha ist das Selbst, das allen fühlenden Wesen innewohnt. Durch Purusha erhalten Menschen, Tieren, Pflanzen und Götter ihre Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein.
Des Menschen wahre und ursprüngliche Identität ist einzig und allein Purusha, die sich zum Zwecke des Erfahrens in Prakriti manifestiert hat, siehe Sutra II-18.
Nun verstrickt sich dieses Purusha in Prakriti, hält die zur Sphäre der Prakriti gehörigen Elemente und Bereiche irrtümlicherweise für Bestandteile seiner selbst. Daraus entsteht Leid.
Grundelement der Lehre des Samkhya für den nach Erlösung Strebenden ist deshalb, die beiden Substanzen Purusha und Prakriti und ihre Merkmale streng voneinander unterscheiden zu lernen.
Vedanta
Im nondualen Vedanta ist Prakriti nur eine Täuschung, Maya.
Physik und Quantentheorie
Betrachten wir den Bildschirm vor uns, so sehen wir gemäß der Physik ein Konstrukt aus Neutronen, Elektronen und Protonen, die alle auf einer eigenen Frequenz schwingen und um sich kreisen. Nahezu 100 Prozent des Bildschirmes besteht aus Vakuum! Nur unsere Sinne – die Sinne des Wahrnehmenden – machen daraus einen Monitor.
Die Quantenphysik macht alles noch verschwommener: Ob sich ein subatomares Partikel als Teilchen oder als Welle verhält, hängt vom Beobachter ab. Anders ausgedrückt: vom beobachtenden Bewusstsein. Vom Wahrnehmenden und dessen Wahrnehmung. Eigenschaften der Partikel wie dessen Lokalität können nicht vom Betrachter getrennt werden. Dies geht mehr in Vedanta (und Buddhismus)-Richtung als die Samkhya-Behauptung eines unabhängig von Purusha existierenden Universums Prakriti.
Hinweis: Ein moderner Vergleich mit der Physik kann anschaulich sein, sollte aber vorsichtig bleiben. Die Naturwissenschaft zeigt, dass unsere Alltagserfahrung der materiellen Welt nicht einfach mit ihrer mikrophysikalischen Beschreibung identisch ist. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine Bestätigung von Vedānta, Buddhismus oder Sāṃkhya. Sinnvoller ist ein bescheidener Vergleich: Sowohl philosophische Traditionen als auch moderne Wissenschaften machen darauf aufmerksam, dass Wahrnehmung, Wirklichkeit und Deutung nicht vorschnell gleichgesetzt werden sollten.
Visheshâvishesha-lingamâtrâlingâni guna-parvâni
Tatparaṁ puruṣa khyāte rguṇa vaitṛṣṇyam


Etena bhûtendriyeshu dharma-lakshanâ-vasthâ-parinâma vyâkhyâtâh


