Stufen der Meditation: Modelle, Erfahrungen und Praxis
Wohl jeder Meditierende fragt sich im Laufe der Jahre seiner Meditationspraxis ab und an: Wo stehe ich eigentlich mit meiner Meditationspraxis? Wie tief meditiere ich? Wie viele Versenkungsstufen kommen noch? Wie merke ich es, wenn ich ein neues Stadium der Meditation betrete?
Im folgenden Artikel findest du verschiedene Einteilungen der Meditationsphasen. Diese helfen bei deiner persönlichen Orientierung oder zur Ausrichtung deiner eigenen Meditation. Dabei kommen alte Weise genauso zu Wort wie heutige Meditationsforscher.
Kurz zusammengefasst
- Meditationsstufen sind Orientierung, keine Rangliste
Die verschiedenen Modelle zeigen, wie sich Meditation vertiefen kann. Sie sollten aber nicht als starre Leiter verstanden werden, auf der man sich ständig selbst bewertet. - Fortschritt zeigt sich nicht nur in besonderen Zuständen
Tiefe Ruhe, Weite oder Glücksgefühle können auftreten, sind aber nicht der einzige Maßstab. Oft zeigt sich echter Meditationsfortschritt viel unspektakulärer: mehr Gelassenheit, weniger impulsive Reaktionen und ein klarerer Umgang mit Gedanken und Gefühlen. - Piron beschreibt fünf Tiefenbereiche der Meditation
Das Modell reicht von Hindernissen über Entspannung und Konzentration bis zu transpersonalen Qualitäten und Nicht-Dualität. Es beschreibt typische Erfahrungsräume, aber keine Pflichtstrecke für alle Meditierenden. - Buddhistische Jhānas beschreiben tiefe Sammlung
Die vier Jhānas stehen für zunehmend verfeinerte Formen meditativer Vertiefung. Ergänzend werden oft vier formlose Bereiche genannt, die noch subtilere Erfahrungszustände beschreiben. - Patañjalis Yogaweg ist mehr als Sitzmeditation
Die acht Glieder des Yoga umfassen Ethik, Selbstdisziplin, Körperhaltung, Atemlenkung, Sinnenrückzug, Konzentration, Meditation und Samādhi. Meditation steht hier in einem größeren Lebens- und Übungszusammenhang. - Konzentration, Achtsamkeit und Einsicht unterscheiden sich
Konzentration sammelt den Geist, Achtsamkeit nimmt klar wahr, Einsicht erkennt die Struktur der Erfahrung. Eine reife Praxis braucht meist alle drei Elemente – nicht unbedingt gleichzeitig, aber im Zusammenspiel. - Meditation kann auch schwierig werden
Unruhe, Müdigkeit, emotionale Wellen oder belastende Erfahrungen sind nicht automatisch ein Zeichen falscher Praxis. Bei starker Überforderung, Angst, Schlafproblemen oder Entfremdungsgefühlen ist jedoch Umsicht wichtig. - EEG-Forschung liefert Hinweise, aber keine einfache Stufenleiter
Hirnwellen wie Alpha, Theta, Beta oder Gamma können mit Meditation zusammenhängen. Sie ersetzen aber nicht die innere Erfahrung und lassen sich nicht sauber in ein allgemeingültiges Tiefenmodell pressen. - Zen relativiert das Denken in Stufen
Begriffe wie Satori oder Kenshō stehen für Einsicht oder Erwachen. Zugleich erinnert Zen daran, dass zu viel Systematik selbst wieder zum Hindernis werden kann. - Die wichtigste Frage bleibt praktisch
Nicht „Welche Stufe habe ich erreicht?“ ist entscheidend, sondern: Werde ich klarer, freier, freundlicher und weniger gefangen in automatischen Reaktionen? Dort zeigt sich, ob Meditation wirklich im Leben ankommt.
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Vorab: Stufen der Meditation sind Landkarten, nicht die Landschaft
Wer sich mit Meditationsstufen beschäftigt, betritt ein etwas tückisches Gelände. Einerseits sind solche Modelle hilfreich: Sie geben Sprache für Erfahrungen, die sonst schwer zu beschreiben sind. Andererseits können sie eine innere Buchhaltung auslösen: „Bin ich schon Stufe drei? War das eben Stufe fünf? Und warum saß ich gestern wieder in Stufe null mit kratzender Nase und Einkaufszettel im Kopf?“
Deshalb ist eine wichtige Unterscheidung sinnvoll: Meditationsstufen beschreiben typische Erfahrungsräume, aber sie sind keine Prüfungsordnung. Meditation verläuft selten sauber von unten nach oben. Manche Menschen erleben früh tiefe Ruhe, kämpfen aber später wieder mit Unruhe. Andere meditieren jahrelang nüchtern und unspektakulär, entwickeln aber im Alltag deutlich mehr Gelassenheit, Freundlichkeit und Selbstkenntnis.
Die folgenden Modelle sollten deshalb nicht als spirituelle Rangliste verstanden werden. Sie sind eher Landkarten für die Praxis. Eine gute Landkarte ersetzt nicht den Weg. Aber sie kann verhindern, dass man jede Bodenwelle für einen Abgrund hält – oder jeden schönen Ausblick gleich für die Erleuchtung.
Wie man Stufenmodelle sinnvoll nutzt
Stufenmodelle können motivieren. Sie können aber auch nervös machen. Sinnvoll werden sie, wenn man sie als Orientierungshilfe nutzt, nicht als Selbstbewertungsmaschine.
Hilfreich ist eine einfache Haltung: Man liest die Modelle, erkennt mögliche Wegmarken und kehrt dann zur konkreten Übung zurück. Der Atem wird nicht ruhiger, weil man das fünfte Jhāna auswendig kennt. Der Geist wird nicht klarer, weil man Sanskrit-Begriffe korrekt dekliniert. Wissen hilft, aber es meditiert nicht stellvertretend.
Für die eigene Praxis können drei Fragen genügen:
- 1. Was ist mein nächster realistischer Schritt?
Nicht: Welche höchste Stufe gibt es? Sondern: Was ist jetzt dran? Regelmäßigkeit? Weniger Abschweifen? Mehr Körperkontakt? Mehr Freundlichkeit? - 2. Was macht meine Praxis stabiler?
Manchmal ist es längeres Sitzen. Manchmal kürzeres. Manchmal eine klare Technik. Manchmal weniger Ehrgeiz. - 3. Was zeigt sich im Alltag?
Meditation ist kein abgeschlossener Innenraum. Wenn sie reift, verändert sie die Art, wie man spricht, hört, arbeitet, streitet, wartet und scheitert. Gerade dort wird es interessant.
Stufenmodelle sind also nützlich – solange sie nicht wichtiger werden als die Praxis selbst. Sobald sie Eitelkeit, Druck oder spirituelle Vergleicherei nähren, sollte man sie freundlich zur Seite legen. Auch das kann eine fortgeschrittene Übung sein.
Die fünf Tiefenbereiche nach Harald Piron
Im Jahr 2003 legte Harald Piron eine empirische Untersuchung zur Meditationstiefe vor. Dafür befragte er erfahrene Meditierende und Meditationslehrende unterschiedlicher Traditionen zu ihren Erfahrungen mit verschiedenen Tiefen der Meditation. Daraus entwickelte er keine streng lineare „Leiter“, sondern fünf Tiefenbereiche bzw. Erfahrungsdimensionen, die in der Meditationspraxis auftreten können.
- Hindernisse
In dieser Phase ist die Meditation häufig von Gedankenfülle, Unruhe, Langeweile, Müdigkeit, Schmerzen, Motivationsproblemen oder Konzentrationsschwierigkeiten geprägt. Die Aufgabe besteht vor allem darin, die Praxis zu stabilisieren und nicht vorschnell aufzugeben. - Entspannung
Die Praxis wird leichter. Körper und Atmung kommen zur Ruhe, die Meditation kann angenehmer und freudvoller werden. Geduld und innere Gelassenheit nehmen zu. - Personales Selbst / Konzentration
Die Sammlung vertieft sich. Es kann ein deutlicheres Erleben eines inneren Beobachters entstehen: Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen werden wahrgenommen, ohne sich völlig mit ihnen zu identifizieren. Häufig treten Leichtigkeit, innere Mitte, Frieden, Einsichten und Gleichmut stärker hervor. - Transpersonale Qualitäten
Es können Erfahrungen von Klarheit, Wachheit, Verbundenheit, Liebe, Hingabe, Selbstakzeptanz, Dankbarkeit oder Demut auftreten. Zeit- und Körpergefühl können sich verändern; die Meditation wird teilweise als weit, grenzenlos oder glückserfüllt erlebt. - Nondualität / transpersonales Selbst
In sehr tiefen meditativen Erfahrungen können Gedankenstille, Leerheit, Grenzenlosigkeit, Einssein oder die Aufhebung der Trennung zwischen Subjekt und Objekt erlebt werden. Solche Beschreibungen sind jedoch Erfahrungsberichte und sollten nicht als garantiertes Ziel jeder Meditation missverstanden werden.
Mehr dazu im Buch „Meditationstiefe“ von Harald Piron und in Ulrich Otts „Meditation für Skeptiker“. Pirons Arbeit wird in der Forschung als Modell von Tiefenbereichen bzw. Dimensionen beschrieben, nicht einfach als feste Stufenleiter.
Motivation festigen
Ayya Kheema schreibt: "Der Wunsch zu meditieren sollte gut fundiert sein, denn nur dann wird man die Energie dazu aufbringen." Wie schaffe ich dieses Wunsch-Fundament? Ein Tipp von Ulrich Ott lautet, diejenigen Bewusstseinsveränderungen aus der obigen Liste, die ich bei mir gerne realisiert sehen würde, auf ein gesondertes Blatt zu schreiben. So vergegenwärtigt man sich seine Ziele in der Meditation.
Ott warnt gleichzeitig, dass die Fixierung auf ein Ziel in der Meditation auch zum Hindernis werden kann.
Wie oft meditierst du?
In der Regel meditiere ich:
Hier die bisherigen Antworten anschauen ⇓
Die bisherigen Stimmen:
| Einmal am Tag | 182 Stimmen |
| Mehrmals am Tag | 47 Stimmen |
| 2-3 mal die Woche | 45 Stimmen |
| Nie | 26 Stimmen |
| Selten | 24 Stimmen |
| 1 mal die Woche | 18 Stimmen |
Woran zeigt sich Fortschritt in der Meditation im täglichen Leben?
Viele Menschen suchen Fortschritt in der Meditation zuerst in besonderen Erfahrungen: Licht, Weite, Stille, Glück, Körperlosigkeit, vielleicht auch das Gefühl, für einen Moment aus dem üblichen Ich-Gefängnis herauszutreten. Solche Erfahrungen können bedeutsam sein. Sie können aber auch kommen und gehen wie Wetterlagen. Beeindruckend, ja. Aber nicht unbedingt stabil.
Ein verlässlicherer Hinweis auf meditativen Fortschritt zeigt sich oft im Alltag. Zum Beispiel daran, dass zwischen Reiz und Reaktion ein kleiner Raum entsteht. Man wird nicht automatisch von jedem Ärger verschluckt. Man bemerkt früher, wenn man sich in Grübeleien verheddert. Man hört besser zu. Man muss nicht jeden inneren Kommentar ernst nehmen, nur weil er mit der eigenen Stimme spricht.
Fortschritt kann sich auch darin zeigen, dass man einfacher zur Praxis zurückkehrt. Früher führte eine schlechte Woche vielleicht dazu, dass die Meditation ganz abbrach. Später erkennt man: Auch Unruhe, Müdigkeit und Widerstand gehören zur Praxis. Die Matte oder das Kissen verlangen keine Heldengeschichte. Nur Rückkehr.
Hilfreiche Fragen zur Selbsteinschätzung sind:
- Kann ich Gedanken bemerken, ohne ihnen sofort zu folgen?
- Werde ich im Alltag etwas weniger impulsiv?
- Erkenne ich Gefühle früher, bevor sie mein Verhalten bestimmen?
- Kann ich Unruhe, Langeweile oder Traurigkeit halten, ohne sie sofort wegzudrücken?
- Wächst meine Freundlichkeit – gegenüber anderen und mir selbst?
Das klingt weniger spektakulär als „grenzenloses Bewusstsein“. Es ist aber oft der eigentliche Lackmustest. Meditation, die nur auf dem Kissen glänzt und im Alltag sofort zerbröselt, ist noch nicht ganz fertig gebacken.
Die 6 Stadien der Meditation nach Daniel P. Brown
Daniel P. Brown verglich in seinem Beitrag zu meditativen Entwicklungsstufen verschiedene kontemplative Traditionen, unter anderem buddhistische und yogische Quellen. Der Beitrag erschien im Umfeld des Sammelbandes „Transformations of Consciousness“ von Ken Wilber, Jack Engler und Daniel P. Brown; die deutsche Rezeption läuft teilweise über „Psychologie der Befreiung“.
Wichtig ist: Brown behauptet nicht schlicht, dass alle Philosophien Meditation identisch in sechs Stufen einteilen. Eher geht es um eine vergleichende Strukturierung kontemplativer Entwicklungswege.
Eine vorsichtige Zusammenfassung lautet:
- Vorbereitende ethische Schulung
Meditation beginnt nicht erst auf dem Kissen. In vielen Traditionen gehören ethische Schulung, heilsames Verhalten und der Umgang mit Hindernissen zur Grundlage. Meditation beginnt mit Konzentration auf den Gedankenstrom. - Vorbereitende Geist- und Körperschulung
Körper, Atem und Geist werden beruhigt. Die Übenden lernen, mentale Inhalte bewusster wahrzunehmen und die Aufmerksamkeit zu stabilisieren. - Konzentration mit Stütze
Die Aufmerksamkeit richtet sich auf ein Meditationsobjekt, etwa Atem, Mantra, Körperempfindung oder ein inneres Bild. Ziel ist zunehmende Sammlung ohne ständiges Abschweifen, dauerhaftes Gewahrsein auf den Samen ohne Aktivität des Geistes. Endzustand dieser Stufe: Eintritt in Samadhi. - Konzentration ohne grobe Stütze
Das Gewahrsein wird vertieft und der Meditierende erfährt sein Bewusstsein. Die Sammlung wird subtiler. Das Gewahrsein tritt stärker hervor; das Meditationsobjekt kann an Bedeutung verlieren. - Einsichtsmeditation
Raum- und Zeitempfinden verwandeln sich. Die Übenden erkennen klarer die Beschaffenheit von Erfahrung: Vergänglichkeit, Nicht-Festhaltbarkeit, Ich-Bezug oder die Dynamik geistiger Prozesse. - Außergewöhnlicher Geist und Erleuchtung: Fortgeschrittene Einsicht und Befreiungserfahrung
Einsicht in die Natur der karmischen Aktivität. In den Traditionen wird diese Stufe unterschiedlich beschrieben: als außergewöhnliche geistige Klarheit, tiefe Einsicht, Befreiung oder Erleuchtung. Solche Begriffe sind traditionsgebunden und sollten nicht psychologisch verkürzt werden.
Siehe auch: Stadien des Samadhi.
Stufen der Meditation im Buddhismus
Die Stufen der Meditation im Buddhismus werden im Pali-Kanon als Jhana (jhāna, Sanskrit dhyāna) bezeichnet. In der buddhistischen Tradition werden häufig vier Jhānas und zusätzlich vier formlose bzw. unkörperliche Erreichungszustände beschrieben. Umgangssprachlich werden diese manchmal als „acht Jhānas“ bezeichnet. Strenger formuliert sind die ersten vier die eigentlichen Jhānas; die folgenden vier heißen im Pāli arūpa-āyatanas, also formlose Bereiche oder meditative Erreichungen.
Sekha Sutta Die vier Meditationen (Jhânas)
Ein frühes Beispiel für die Beschreibung der vier Jhānas findet sich im Sekha Sutta, genauer im Majjhima Nikāya 53. In diesem Lehrtext werden unter anderem die vier meditativen Vertiefungen beschrieben. Diese vier Stufen sind laut "Roots of Yoga" das grundlegendste (und vielleicht früheste) Meditationsschema des Buddhismus.
Sekha Sutta:
Und wie, Mahânâma, erzielt ein edler Schüler, ohne Schwierigkeit oder Beschwernis, die vier Meditationen (jhânas) des höheren Bewusstseins, in denen man verweilt, sich an den Elementen der Erfahrung zu erfreuen?
- Hier tritt Mahânâma, ein edler Schüler, frei von Begierden, frei von unheilsamen Erlebnissen, in die erste Meditation ein, die von Aufmerksamkeit und Reflexion begleitet wird und die durch Unterscheidungsvermögen und angenehme Empfindungen hervorgerufen wird, und verweilt dort.
- Durch das Aufhören der Aufmerksamkeit und des Nachdenkens tritt man in die zweite Meditation ein, die innere Beruhigung des Geistes, konzentriert, ohne Aufmerksamkeit oder Nachdenken, hervorgerufen durch samādhi [und] angenehme Empfindungen, und verweilt in ihr.
- Durch die Ablösung von der Freude bleibt man neutral und achtsam und wach und erlebt angenehme Empfindungen mit dem Körper. Man betritt und verweilt in der dritten Meditation, über die die Edlen sagen: „Man ist neutral, achtsam und bleibt in angenehmen Empfindungen."
- Durch das Aufgeben von Lust und Leid und das Aufhören von Glück und Leid betritt und bleibt man in der vierten Meditation, die ohne Leid und Lust ist und durch Neutralität [im Sinne eines neutralen Beobachters] und Achtsamkeit gereinigt wird.
Auf diese Weise erhält Mahānāma, ein edler Schüler, ohne Schwierigkeiten oder Beschwerde die vier Meditationen (jhānas) des höheren Bewusstseins, in denen man darin verweilt, sich an den Elementen der Erfahrung zu erfreuen.
Eine sinngemäß korrigierte Fassung:
- Erstes Jhāna
Abgeschieden von sinnlichem Begehren und unheilsamen Geisteszuständen tritt der Übende in die erste Vertiefung ein. Sie ist noch mit anfänglicher und anhaltender geistiger Ausrichtung verbunden und wird von Freude und Wohlgefühl begleitet. - Zweites Jhāna
Mit dem Zur-Ruhe-Kommen von anfänglicher und anhaltender geistiger Ausrichtung entsteht innere Beruhigung und Einspitzigkeit des Geistes. Freude und Wohlgefühl entstehen nun stärker aus der Sammlung selbst. - Drittes Jhāna
Die Freude tritt zurück. Gleichmut, Achtsamkeit und klares Gewahrsein treten hervor; Wohlgefühl bleibt bestehen. - Viertes Jhāna
Auch Wohlgefühl und Schmerz werden überschritten. Es entsteht eine besonders klare, von Gleichmut gereinigte Achtsamkeit.
Später wurde dieses Meditationsschema dann auf acht (oder neun) Stufen/Jhanas erweitert:
Die 8 bzw. 9 Jhanas im Buddhismus
Insgesamt werden dort dann acht Jhanas unterschieden. Dabei handelt es sich um meditative Vertiefungen, die durch geistige Sammlung hervorgerufen werden. Jeder der aufeinanderfolgenden Bewusstseinszustände führt zu einer tieferen Sammlung.
Die ersten vier Jhanas (rūpajjhāna) sind die gleichen wie in der Sekha Sutta und werden als "feinkörperlich" bezeichnet, weil sie im Körper spürbar sind und Entsprechungen im Alltagserleben haben. Danach folgen die vier körperlosen oder formlosen Jhanas.
- Pathamajjhāna (1. Jhana)
Hinwendung des Geistes zur Meditation bzw. zum Meditationsobjekt. Die Meditation ist von Gedanken, Gefühlen und anderen Wahrnehmungen (Geräuschen, Jucken ...) unterbrochen.
Nach und nach verlangsamt sich der Atem. Mit der Zeit wird die Meditation immer "erfreulicher". - Dutiyajjhāna (2. Jhana)
Innere Beruhigung tritt ein. Die Konzentration auf das Meditationsobjekt erhöht sich, wird einspitziger. Die Freude in der Meditation vertieft sich. - Tatiyajjhāna (3. Jhana)
Die Ruhe wird tiefer, Gleichmut und Gelassenheit und nachhaltige innere Zufriedenheit stellen sich ein. - Catutthajjhāna (4. Jhana)
Reinheit der Achtsamkeit: Das Bewusstsein des Meditierenden wird klar, die eigene Achtsamkeit breitet sich über alle Erfahrungen aus. Die Sinne werden klarer.
Wer lange unbewegt bei voller Achtsamkeit im vierten Jhana verweilt kommt zu: - ākāsanañcayatana (5. Jhana)
Raumunendlichkeit: Der Meditierende entdeckt, dass kein (Meditations-)Objekt existiert, sondern nur leerer unbegrenzter Raum. Das Körpergefühl löst sich auf. Viele Meditierende fühlen sich leicht. - Viññānañcâyatana (6. Jhana)
Bewusstseinsunendlichkeit: Jetzt hat der Raum keine Existenz mehr. Es verbleibt die Wahrnehmung von unbegrenztem Bewusstsein. Ab dieser Stufe kann Sprache nur noch unvollkommen das vom Meditierenden erlebte wiedergeben. - ākiñcaññâyatana (7. Jhana)
Nichtsheit: Es existiert kein Bewusstsein, sondern nur Nichtsheit. - Nevasaññā-nasaññayatana (8. Jhana)
Es verbleibt Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung.
Etwas verständlicher könnte man die acht Jhanas wie folgt beschreiben:
- Erstes Jhāna
Der Geist sammelt sich auf das Meditationsobjekt. Noch sind anfängliche und anhaltende Ausrichtung des Geistes vorhanden. Freude und Wohlgefühl treten auf. - Zweites Jhāna
Die gedankliche Ausrichtung beruhigt sich. Die Sammlung wird einspitziger; Freude und Wohlgefühl entstehen aus vertiefter Konzentration. - Drittes Jhāna
Die Freude wird stiller. Gleichmut, Achtsamkeit und innere Zufriedenheit treten stärker hervor. - Viertes Jhāna
Wohlgefühl und Schmerz werden überschritten. Die Achtsamkeit gilt als besonders klar und durch Gleichmut gereinigt. - Gebiet der Raumunendlichkeit
Nach dem Überschreiten der Formwahrnehmung richtet sich die Erfahrung auf unbegrenzten Raum. - Gebiet der Bewusstseinsunendlichkeit
Die Wahrnehmung richtet sich auf unbegrenztes Bewusstsein. - Gebiet der Nichtsheit
Die Erfahrung wird als „Nichts ist da“ bzw. als Nichtsheit beschrieben. Das bedeutet nicht schlicht Bewusstlosigkeit, sondern eine sehr subtile meditative Wahrnehmung. - Gebiet von Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung
Die Wahrnehmung ist so subtil, dass sie weder eindeutig als Wahrnehmung noch als Nichtwahrnehmung beschrieben wird.
Ein gelegentlich genannter „neunter“ Zustand ist nicht einfach Nirwana wie hin und wieder zu lesen, sondern die Aufhebung von Wahrnehmung und Gefühl beziehungsweise nirodha-samāpatti. Diese darf nicht schlicht mit Nirwana gleichgesetzt werden. Nirwana bezeichnet im Buddhismus die Befreiung bzw. das Erlöschen von Gier, Hass und Verblendung – nicht bloß eine weitere Meditationsstufe.
Das Glück der Meditation: Wegweiser in die Jhanas
Ein gut zugängliches Praxisbuch zu den Jhānas ist Leigh Brasingtons: Das Glück der Meditation: Wegweiser in die Jhanas von Leigh Brasington. Leigh beschreibt in dem Buch die einzelnen Jhanas ausführlich und würzt seine Erläuterungen mit Schilderungen der eigenen Erlebnisse in der jeweiligen Stufe. Weiterhin gibt er Tipps und Hilfen zu jedem Jhana und erläutert, wie eventuell auftretende Probleme gelöst werden können.
Siehe auch: Die 10 Stufen der Meditation im Buddhismus.
Konzentration, Achtsamkeit und Einsicht – drei nahe Verwandte, aber nicht dasselbe
Viele Stufenmodelle der Meditation lassen sich besser verstehen, wenn man drei Grundrichtungen unterscheidet: Konzentration, Achtsamkeit und Einsicht.
- Bei der Konzentration sammelt sich der Geist auf ein Objekt. Das kann der Atem sein, ein Mantra, eine Kerzenflamme, ein inneres Bild oder eine Körperempfindung. Ziel ist nicht angestrengtes Starren, sondern eine ruhige, stabile Sammlung. In vielen Traditionen bilden tiefe Konzentrationszustände die Grundlage für Versenkungserfahrungen.
- Achtsamkeit meint eine offene, klare Gegenwärtigkeit. Sie bemerkt, was geschieht: Atem, Körper, Gefühle, Gedanken, Geräusche, Impulse. Achtsamkeit hält nicht krampfhaft fest. Sie sieht. Man könnte sagen: Konzentration stellt die Lampe ruhig hin, Achtsamkeit macht das Licht weit.
- Einsicht entsteht, wenn Erfahrung nicht nur bemerkt, sondern in ihrer Struktur durchschaut wird. Dann wird erkennbar, wie Gedanken entstehen und vergehen, wie Gefühle sich verändern, wie das Ich-Gefühl konstruiert wird, wie Anhaften Leiden erzeugt. Einsicht ist weniger ein besonderer Zustand als ein klareres Sehen.
In der Praxis überschneiden sich diese drei Bereiche. Ohne etwas Konzentration zerfasert Achtsamkeit. Ohne Achtsamkeit wird Konzentration eng. Ohne Einsicht kann Meditation angenehm bleiben, aber wenig verwandeln. Gute Praxis braucht daher nicht nur Tiefe, sondern auch Klarheit.
Die 8 Stufen nach Patanjali
David Fontana und andere Autoren stellen den achtgliedrigen Yogaweg Patañjalis häufig als stufenartigen Übungsweg dar. Fachlich genauer ist jedoch: Bei Patañjali handelt es sich um die acht Glieder des Yoga (aṣṭāṅga-yoga), nicht nur um acht „Meditationsstufen“.
Dieser achtfache Pfad lautet in aller Kürze:
- Yama – 5 ethische Verhaltensregeln
- Niyama – 5 Regeln der Selbstdisziplin
- Asana – Körperstellungen, bei Patanjali nur Sitzhaltungen für die stabile und bequeme Meditation
- Pranayama – Atemkontrolle zur Beruhigung des Geistes
- Pratyahara – Zurückziehen der Sinne nach innen
- Dharana – Konzentration auf ein einzelnes Objekt
- Dhyana – Die eigentliche Meditation
- Samadhi – Überbewusstsein, völlige Selbsterkenntnis
Diese drei letzten Glieder – Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi – bilden bei Patañjali den engeren meditativen Kern.
Mehr dazu im Beitrag Ashtanga-Yoga nach Patanjali.
Das Yogasutra zu Meditation (Dharana)
Hier findest du die Sutra aus dem Yogasutra von Patanjali, die konkret Meditation zum Gegenstand haben:
Yoga Sutra I-2: Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen im Geist
Yoga Sutra I-13: Übung ist die ständige Bemühung, die Beruhigung der Bewegungen im Geist fest zu begründen
Yoga Sutra I-14: Die Übung bewirkt dauerhaften Erfolg, wenn sie über lange Zeit hinweg ohne Unterbrechung und mit Hingabe durchgeführt wird
Yoga Sutra I-28: OM ist im Bewusstsein seines Sinnes mit Hingabe zu wiederholen
Yoga Sutra I-32: Zur Überwindung der Hindernisse übe man die auf ein Objekt konzentrierte Meditation
Die 3 Stufen der elektrischen Hirnaktivität in der Meditation
Bereits im Jahre 1980 untersuchte West unterschiedliche EEG-Befunde und fasste die typischen Stufen wie folgt zusammen (zitiert aus Ott "Meditation für Skeptiker"):
- Eintrittsphase
Am Beginn der Meditation überwiegen die Alpha Wellen um 10 Hz. Sie werden gegenüber dem Normalbewusstsein größer, die Frequenz nimmt zeitgleich um 1-3 Hz ab. - Vertiefung
Bei vertiefter Meditation misst man dann regelmäßige und gleichförmige Theta-Wellen von 4 bis 7 Hz. Diese treten auch beim Dösen und während der Einschlafphase auf, aber im Gegensatz dazu sind die Meditierenden stets präsent und können unmittelbar reagieren. - Tiefe Meditation
Sehr tiefe Meditationserfahrungen sind geprägt von Beta-Wellen im Frequenzbereich von 20 bis 40 Hz. Ott deutet dies als Zustand "außergewöhnlich stabiler Konzentration und hochgradiger Wachheit".
EEG-Befunde zur Meditation
Die Darstellung der Hirnwellen sollte eventuell vorsichtiger formuliert werden. Die Forschung findet zwar häufig Veränderungen bei Alpha-, Theta- und teils auch Gamma-Aktivität, aber daraus lässt sich kein einfaches universelles Drei-Stufen-Modell für alle Meditationen ableiten.
In EEG-Studien wurden bei Meditation häufig Veränderungen in verschiedenen Frequenzbereichen beobachtet. Besonders oft werden Alpha- und Theta-Aktivität mit Entspannung, Sammlung und meditativer Vertiefung in Verbindung gebracht. Bei bestimmten fortgeschrittenen Praktiken wurden außerdem Veränderungen in höheren Frequenzbereichen beschrieben, etwa im Beta- oder Gamma-Bereich.
Diese Befunde sollten jedoch nicht als einfache, allgemein gültige Stufenleiter verstanden werden. Je nach Meditationsform – etwa Achtsamkeit, Konzentrationsmeditation, Mantra-Meditation oder Mitgefühlsmeditation – können unterschiedliche Muster auftreten. EEG-Daten zeigen also interessante Begleiterscheinungen meditativer Zustände, ersetzen aber nicht die phänomenologische Beschreibung der Meditationserfahrung.

Die 10 Stufen nach Culadasa
In seinem "Handbuch Meditation" erläutert Culadasa 10 Stufen, die ein Meditierender seiner vierzigjährigen Übungs- und Lehrpraxis nach durchläuft:
- 1: Eine kontinuierliche Übungspraxis etablieren
- 2: Unterbrochene Aufmerksamkeit – geistiges Abschweifen überwinden
- 3: Anhaltende Aufmerksamkeit – das Vergessen überwinden
Meilenstein 1 erreicht: ununterbrochene auf das Meditationsobjekt gerichtete Aufmerksamkeit.
- 4: Kontinuierliche Aufmerksamkeit – grobe Ablenkung und starke Dumpfheit überwinden
- 5: Subtile Dumpfheit überwinden und die Achtsamkeit steigern
- 6: Subtile Ablenkungen unter Kontrolle bringen
Meilenstein 2 erreicht: anhaltende ausschließlich auf das Objekt fokussierte Aufmerksamkeit.
- 7: Ausschließliche Aufmerksamkeit und das Vereinen des Geistes
Meilenstein 3: mühelose Stabilität der Aufmerksamkeit
- 8: Geistige Geschmeidigkeit und das Befrieden der Sinne
- 9: Geistige und körperliche Geschmeidigkeit – intensive meditative Freude abmildern
- 10: Gestilltsein/Ruhe und Gleichmut
Versenkungsstufen im Zen
Die höchsten Stufen der spirituellen Entwicklung werden im Zen Satori oder Kensho genannt. Fragt man einen Zen-Meister nach den Phasen der Meditation in diesen spirituellen Höhen, so lautet die Antwort meist ähnlich wie: Im Satori gibt es weder Stadien noch keine Stadien. Mit solch nicht-dualen Antworten soll der Schüler angehalten werden, Konzeptionalisierungen fallen zu lassen und sich in die Eigenerfahrung zu stürzen.
Die Modelle im Vergleich: Was betonen sie jeweils?
| Modell | Schwerpunkt | Besonders hilfreich für | Vorsicht bei |
|---|---|---|---|
| Piron | Erfahrungsqualität und Meditationstiefe | persönliche Einordnung innerer Erfahrungen | zu starrer Selbstbewertung |
| Daniel P. Brown | kulturübergreifende Entwicklungslogik | Vergleich verschiedener Traditionen | Vereinfachung komplexer Traditionen |
| Buddhistische Jhānas | tiefe Sammlung und Versenkung | Konzentrationspraxis und buddhistische Vertiefung | Verwechslung von Zustand und Befreiung |
| Patañjali | achtgliedriger Yogaweg | Einbettung von Meditation in Ethik, Körper, Atem und Sammlung | Reduktion auf reine Sitzmeditation |
| EEG-Forschung | neurophysiologische Begleiterscheinungen | wissenschaftliche Perspektive | Überdeutung einzelner Hirnwellen |
| Culadasa | praktische Trainingsschritte | systematische Entwicklung der Aufmerksamkeit | Leistungsdenken und Stufenfixierung |
| Zen | unmittelbare Erfahrung jenseits von Konzepten | Korrektiv gegen zu viel Systematik | Missverständnis als Anti-Struktur um jeden Preis |
Selbsttest: Auf welcher Stufe der Meditation stehe ich?
Meditationsphasen-Selbsttest
Dieser Selbsttest ordnet die eigene Meditationspraxis vorsichtig ein. Er ersetzt keine Lehrperson und keine therapeutische Beratung, kann aber helfen, den nächsten sinnvollen Übungsschritt klarer zu sehen.
Hinweis: Die Auswertung vergibt keine feste Meditationsstufe. Sie zeigt eine Tendenz: Praxis stabilisieren, Entspannung vertiefen, Aufmerksamkeit sammeln, Achtsamkeit im Alltag integrieren oder mit Stufenmodellen vorsichtig umgehen.
Häufige Missverständnisse über Meditationsstufen
Bei Stufenmodellen der Meditation entstehen leicht Missverständnisse. Das liegt nicht nur an den Modellen selbst, sondern auch an unserer Neigung, aus allem eine Leistungsleiter zu bauen. Selbst aus Stille machen wir dann noch ein inneres Karriereprogramm.
- Missverständnis 1: Höhere Stufe bedeutet besserer Mensch.
Tiefe meditative Erfahrungen sagen nicht automatisch, dass jemand im Alltag reif, mitfühlend oder ethisch gefestigt handelt. Viele Traditionen betonen deshalb nicht zufällig Ethik, Achtsamkeit im Alltag und Selbsterkenntnis. Tiefe Zustände können Einsicht fördern. Sie ersetzen aber keine Charakterbildung. - Missverständnis 2: Meditation muss immer angenehm werden.
Meditation kann entspannen, klären und stärken. Sie kann aber auch Unruhe, Traurigkeit, alte Verletzungen oder innere Konflikte deutlicher sichtbar machen. Das ist nicht automatisch ein Fehler. Manchmal wird es still genug, damit man hört, was vorher übertönt wurde. - Missverständnis 3: Jeder erlebt die gleichen Stufen in gleicher Reihenfolge.
Stufenmodelle glätten die Wirklichkeit. In der Praxis gibt es Rückschritte, Sprünge, Schleifen und Phasen, in denen scheinbar nichts geschieht. Genau dort reift oft etwas Unauffälliges: Geduld, Demut, Genauigkeit. - Missverständnis 4: Besondere Erfahrungen sind das Ziel.
Licht, Glück, Weite oder Körperlosigkeit können auftreten. Sie können inspirieren. Doch wer an ihnen festhält, baut sich aus spirituellen Erfahrungen ein neues Ego-Möbelstück. Viele Lehrerinnen und Lehrer warnen deshalb davor, Erfahrungen zu sammeln wie Trophäen. - Missverständnis 5: Ohne außergewöhnliche Zustände meditiert man falsch.
Nicht jede gute Meditation fühlt sich tief an. Manchmal besteht eine gute Sitzung darin, zwanzigmal abzuschweifen und einundzwanzigmal zurückzukehren. Das ist keine Niederlage, sondern Training. Der Muskel heißt Wieder-Bemerken.
Kleine Selbstprüfung: Wo stehe ich ungefähr?
Die folgende Orientierung ersetzt keine Lehrperson und keine persönliche Begleitung. Sie kann aber helfen, die eigene Praxis nüchtern einzuschätzen.
- Wenn die Meditation vor allem von Unruhe, Müdigkeit, Schmerzen, Langeweile oder ständigem Abschweifen geprägt ist, befindet sich die Praxis wahrscheinlich noch stark im Bereich der Hindernisse. Das ist kein Makel. Es ist der Anfang fast jeder ernsthaften Übung.
- Wenn Körper und Atem schneller zur Ruhe kommen und die Sitzungen verlässlicher werden, entwickelt sich Stabilität. Die Meditation wird nicht immer angenehm, aber sie verliert etwas von ihrem Kampfcharakter.
- Wenn Gedanken klar bemerkt werden, ohne dass man ihnen sofort folgt, wächst Achtsamkeit. Hier beginnt eine wichtige Verschiebung: Man ist nicht mehr nur im Gedankenstrom, sondern bemerkt den Strom.
- Wenn die Aufmerksamkeit länger beim Objekt bleibt und Ablenkungen früher erkannt werden, vertieft sich Konzentration. Die Praxis wird gesammelt, stiller und weniger sprunghaft.
- Wenn Gleichmut, Mitgefühl, innere Weite oder eine tiefere Akzeptanz häufiger auch im Alltag auftauchen, wird Meditation mehr als eine Technik. Dann beginnt sie, Haltung zu werden.
Und wie gesagt: Eine ehrliche Selbsteinschätzung fragt nicht nur: „Wie tief war meine Meditation?“ Sie fragt auch: „Was verändert sich in meinem Leben?“ Genau dort zeigt sich, ob die Übung Wurzeln schlägt.

Wenn Meditation schwierig wird
Meditation wird oft als ruhig, wohltuend und heilsam beschrieben. Das ist nicht falsch. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Wer regelmäßig nach innen schaut, findet dort nicht immer nur Kerzenschein und Bergsee. Manchmal findet man auch Unruhe, alte Ängste, Trauer, körperliche Spannung oder ein unangenehm scharfes Bewusstsein für die eigenen Muster.
Solche Erfahrungen können vorübergehend und normal sein. Sie können aber auch überfordern. Besonders intensive Praxis, lange Retreats, Schlafmangel, psychische Vorbelastungen oder traumatische Erfahrungen können dazu beitragen, dass Meditation nicht beruhigt, sondern destabilisiert. Mögliche Anzeichen sind starke Angst, anhaltende Schlafprobleme, depressive Einbrüche, Derealisation, Depersonalisation oder das Gefühl, den Alltag nicht mehr gut bewältigen zu können.
Das bedeutet nicht, dass Meditation gefährlich oder „schlecht“ wäre. Es bedeutet nur: Meditation ist eine wirksame Praxis, und wirksame Praktiken verdienen Umsicht. Wer merkt, dass die Übung dauerhaft belastet, sollte die Praxis vereinfachen, die Sitzdauer reduzieren, mehr Erdung einbauen und gegebenenfalls mit einer erfahrenen Lehrperson oder therapeutischen Fachkraft sprechen.
Hilfreich können dann schlichte Formen sein: kürzere Sitzzeiten, offene Augen, bewusster Bodenkontakt, Gehen, Körperwahrnehmung, Alltagstätigkeiten mit Achtsamkeit. Nicht jede Phase verlangt tiefere Versenkung. Manchmal ist der nächste kluge Schritt nicht mehr Tiefe, sondern mehr Boden.
Fazit: Tiefe ist kein Pokal
Die verschiedenen Stufenmodelle der Meditation zeigen, wie reich und differenziert innere Praxis beschrieben werden kann. Piron ordnet Meditationstiefe nach Erfahrungsqualitäten. Buddhistische Jhāna-Lehren beschreiben feine Stufen der Sammlung. Patañjali bindet Meditation in einen umfassenden Übungsweg ein. Moderne Forschung untersucht begleitende Bewusstseins- und Hirnaktivität. Culadasa macht daraus einen praktischen Trainingsweg für Aufmerksamkeit.
Alle Modelle haben ihren Wert. Und alle bleiben Modelle.
Die eigentliche Frage lautet nicht, wie viele Stufen es gibt. Die Frage lautet, ob die Praxis hilft, bewusster zu leben. Ob sie den Geist klärt, das Herz weitet, die Reaktionsmuster lockert und den Menschen etwas weniger gefangen macht in sich selbst.
Tiefe Meditation kann still, hell und außergewöhnlich sein. Sie kann aber auch sehr schlicht aussehen: ein Atemzug, der bemerkt wird. Ein Gedanke, der nicht geglaubt werden muss. Ein Ärger, der sich nicht sofort in Worte verwandelt. Eine Rückkehr.
Abschließend Beobachtungen aus der Praxis
In Gesprächen über Meditation fällt auf: Viele Übende unterschätzen die frühen Phasen und überschätzen die exotischen. Sie glauben, Meditation beginne erst dort, wo der Geist still, licht und grenzenlos wird. Dabei entscheidet sich viel früher, ob die Praxis trägt.
Die unscheinbaren Fähigkeiten sind oft die wichtigsten: sitzen bleiben, obwohl es langweilig ist. Freundlich zurückkehren, obwohl man zum hundertsten Mal abgeschweift ist. Müdigkeit erkennen, ohne sich dafür zu verurteilen. Unruhe spüren, ohne sofort etwas dagegen zu tun. Das klingt nicht nach spirituellem Gipfel. Eher nach Hausarbeit im Bewusstsein. Aber genau diese Hausarbeit verändert den inneren Raum.
Vielleicht ist das eine der großen Ironien der Meditation: Wer nach besonderen Erfahrungen jagt, findet oft neue Unruhe. Wer schlicht übt, findet manchmal Tiefe, ohne sie bestellt zu haben.

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Im Zusammenhang interessant
Seltene, interessante oder humorvolle Fakten zum Thema
- „Jhāna“ bedeutet nicht nur Meditation, sondern kann auch mit „Verbrennen“ verbunden werden.
In der Theravāda-Erklärung wird das Wort mit meditativer Vertiefung verbunden, aber auch damit, hinderliche Geisteszustände gleichsam „wegzubrennen“. Das klingt dramatischer als „Atem beobachten“, trifft aber eine wichtige Idee: Sammlung soll nicht nur beruhigen, sondern innere Verstrickung schwächen. - Zen ist sprachlich ein entfernter Verwandter von „Dhyāna“.
Der Weg führt ungefähr von Sanskrit dhyāna über chinesisch Chán zu japanisch Zen. Aus einem Begriff für meditative Vertiefung wurde also ein Wort, das heute fast als Synonym für schlichte Klarheit, Minimalismus und gelegentlich sehr teure Wohnzimmermöbel herhalten muss. - Die vier Jhānas sind im frühen Buddhismus keine exotische Fußnote, sondern ein zentraler Bestandteil vieler Lehrreden.
Sie beschreiben keine vage Entspannung, sondern sehr fein unterschiedene Zustände von Sammlung, Freude, Gleichmut und gereinigter Achtsamkeit. Der nüchterne Ton der Texte ist fast irritierend: Als würde jemand das Unbeschreibliche in Verwaltungsdeutsch sortieren. - Nicht jede unangenehme Meditationserfahrung ist selten.
In einer internationalen Studie mit regelmäßig Meditierenden berichteten rund 22 Prozent von unangenehmen meditationbezogenen Erfahrungen; ein Teil davon wurde als belastender oder nachteiliger eingeordnet. Das macht Meditation nicht schlecht, aber es rückt das allzu glatte Wellnessbild zurecht. - Die Forschung zu schwierigen Meditationserfahrungen hat mehr als 50 Erfahrungsarten beschrieben.
Dazu gehören körperliche, emotionale, kognitive, wahrnehmungsbezogene und soziale Veränderungen. Meditation kann also sehr viel mehr auslösen als „ich bin jetzt entspannter“ – manchmal leider auch mehr, als einem lieb ist. - EEG-Befunde zur Meditation sind weniger sauber, als populäre Grafiken gern behaupten.
Meditation wird oft mit Alpha und Theta verbunden, doch Studien zeigen je nach Methode, Meditationsform und Erfahrung unterschiedliche Muster. Das Gehirn hält sich offenbar nicht immer an die hübschen Schaubilder, die Menschen über das Gehirn machen. - Meditationstiefe wurde tatsächlich mit Fragebögen erforscht.
Harald Piron entwickelte Instrumente wie den Meditation Depth Questionnaire und ordnete Meditationserfahrungen in Bereiche wie Hindernisse, Entspannung, Konzentration, essentielle Qualitäten und Nicht-Dualität. Das ist bemerkenswert, weil hier versucht wird, etwas sehr Subjektives wissenschaftlich greifbarer zu machen – ein bisschen so, als würde man Nebel vermessen, aber immerhin mit System.
Weiterlesen
- Meditation lernen (richtig lernen)
- Meditation Gedanken: über 40 Tipps und Hilfen
- Stufen der Meditation
- Anleitung Jhanas (aus dem Buddhismus)
- Warum meditieren Menschen?
- Meditation über Mitgefühl
- Meditieren Tipps
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Weitere beliebte Beiträge zur Meditation
- Geschichte der Meditation
- Meditationsmusik
- Dhyaden Meditation
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- Handbuch Meditation
- Tiefer meditieren: Was die Meditation fördert
- Meditation – wie lange bis Wirkung?
- Meditation in der Gheranda Samhita
- Die Tafeln von Chartres
- Gehmeditation – eine Anleitung
Die Tafeln von Chartres: PDF-Download, Anleitung & Wirkung
Die „Tafeln von Chartres“ sind eine althergebrachte Technik zur Schulung von Geist, Konzentration und Aufmerksamkeit. Nach späteren Darstellungen soll die Technik mündlich überliefert worden sein und wurde 1979 in einem Buch mit dem Titel „Gärten der Einweihung“ erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Für diese Herkunftserzählung existieren jedoch keine unabhängigen historischen Belege.
Hier findest du die Technik erläutert und einen gratis Download der Tafeln von Chartres, mit denen du selber praktizieren kannst.
Hier weiterlesen: Die Tafeln von Chartres
Acht Jhanas: Anleitung zu meditativer Vertiefung im Buddhismus
Anleitung zu den Jhanas im Buddhismus nach Leigh Brasington
Die Jhānas gehören zu den feinsten und zugleich missverständlichsten Themen buddhistischer Meditation. Sie beschreiben Zustände tiefer Sammlung, in denen Freude, Ruhe, Gleichmut und schließlich sehr subtile Wahrnehmungen des Geistes in den Vordergrund treten. Die folgende Anleitung zu den Jhanas nach Leigh Brasington listet auf, worauf sich in jeder Stufe zu konzentrieren ist. Dieser Artikel ordnet darüber hinaus die klassischen vier Jhānas und die vier formlosen Erreichungen verständlich ein, erklärt zentrale Begriffe wie pīti, sukha, Samatha und Vipassanā und zeigt, weshalb meditative Vertiefung zwar ein kraftvoller Wegbereiter von Einsicht sein kann, aber nicht mit Erwachen verwechselt werden sollte.
Hier weiterlesen: Acht Jhanas: Anleitung zu meditativer Vertiefung im Buddhismus
Metta-Meditation Anleitung: Liebende Güte Schritt für Schritt üben
Metta-Meditation Anleitung: Liebende Güte Schritt für Schritt üben
Reine Atem-Meditation kann zwar beruhigen und die Aufmerksamkeit schulen, sie richtet den Geist aber nicht automatisch gezielt auf Wohlwollen, Güte oder Mitgefühl aus. Genau hier setzt die Metta-Meditation aus dem Buddhismus an. Sie ist vor allem eine Übung in liebender Güte, also in einer freundlichen, wohlwollenden Haltung gegenüber sich selbst und anderen Wesen. Mitgefühl im engeren Sinn, im Buddhismus oft mit Karuna verbunden, ist damit verwandt, aber nicht völlig dasselbe.
Wir erklären in diesem Beitrag, wie die Metta-Meditation funktioniert, und geben Anleitungen als Text und Video. Außerdem findest du weiter unten eine allgemeine Eigenschaftsmeditation und weitere Varianten von Meditationen über Mitgefühl.
Hier weiterlesen: Metta-Meditation Anleitung: Liebende Güte Schritt für Schritt üben
Gedanken in der Meditation beruhigen
Gedanken in der Meditation beruhigen – 41 Tipps & effektive Methoden
Wer anfängt zu meditieren, wird schnell merken, dass Gedanken sich in den Vordergrund drängen. Nach einer motivierenden Anfangsphase mit eindrücklichen Meditationserfahrungen leiden viele Meditierende darunter, am Ende der Meditation festzustellen, dass sie wieder einmal nur geträumt, geplant, gesorgt, innerlich geplaudert haben.
In Jahrtausenden der Meditationstradition haben die unterschiedlichen Meditationsschulen Tipps und Hilfen entdeckt, welche die Gedanken bei der Meditation beruhigen.
Hier weiterlesen: Gedanken in der Meditation beruhigen
Meditation lernen – eine grundlegende Anleitung
Meditation lernen – die grundlegende Anleitung aus dem Buddhismus
Der Begriff Meditation hat viele Facetten. Das Spektrum reicht vom Nachsinnen über ein Thema (vornehmliche Betrachtungsweise der Philosophen) bis zur völligen Gedankenstille. Im Folgenden findest du eine konkrete Anleitung der Schritte, welcher der Buddha himself seinen Schülern zum Lernen einer tiefen Meditation gegeben hat. Sicherlich nicht die schlechteste Herangehensweise, wenn du persönliche Entwicklung oder gar Erleuchtung zum Ziel deiner Meditationsreise auserkoren hast.
Am Ende findest du eine Merkkarte zum Ausdruck – z. B. für das Portemonnaie.
Hier weiterlesen: Meditation lernen – eine grundlegende Anleitung

