
Zusammenfassung vom 1. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika: Über Verhaltensregeln und Asanas
Wenn du das 1. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika suchst, willst du meist keine romantische Yoga-Erzählung, sondern Orientierung: Was steht da wirklich drin – und warum beginnt ein Hatha-Yoga-Text ausgerechnet mit Verhaltensregeln, Ortsempfehlungen und dann erst mit Asanas? Dieser Artikel führt dich sauber durch die Kernaussagen, erklärt zentrale Begriffe und zeigt, wo der Text überraschend streng, stellenweise übermütig in seinen Versprechen und zugleich ziemlich lebensnah ist.
Themen: Wozu Hatha Yoga üben? Yoga- Voraussetzungen: Yamas und Niyamas, Lebensgestaltung, Ernährung. Wirkungen und Beschreibung der Asanas. Das große Hatha-Yoga - Versprechen.
Die Verse im Einzelnen zusammengefasst:
Kurz zusammengefasst
Das 1. Kapitel in 10 Kernaussagen
- Hatha-Yoga dient dem Raja-Yoga und bereitet auf höhere meditative Zustände vor.
- Die Lehre soll verantwortungsvoll weitergegeben werden.
- Eine geeignete Umgebung und ein diszipliniertes Leben sind Voraussetzung.
- Yama und Niyama bilden die ethische Grundlage.
- Asana dient der Stabilisierung des Körpers und der Beseitigung von Hindernissen.
- Unter 84 Asanas werden vier besonders hervorgehoben – vor allem Siddhasana.
- Regelmäßige, langfristige Praxis wird als unabdingbar beschrieben.
- Ernährung soll maßvoll, rein und leicht verdaulich sein.
- Praxis schlägt Theorie: Lesen allein führt nicht zum Ziel.
- Alter, Schwäche oder Krankheit sind kein Hindernis – entscheidend ist Ausdauer.
Zentrale Begriffe des 1. Kapitels – verständlich erklärt
- Hatha-Yoga:
Wörtlich „kraftvoller“ oder „entschlossener“ Yoga. Gemeint ist ein Weg, der über den Körper und die Lebensführung zur geistigen Sammlung führt. - Raja-Yoga:
Der „königliche Yoga“ wie von Patanjali im Yogasutra beschrieben, also der Zustand tiefer meditativer Versenkung, in dem der Geist zur Ruhe kommt. - Siddhi:
Wörtlich „Vollkommenheit“ oder „Erfolg“. Im Kontext dieses Kapitels meint es auch spirituelle Reife, nicht zwangsläufig übernatürliche Fähigkeiten. - Bandhas:
Energetische Verschlüsse, die den inneren Energiefluss lenken. - Nada:
Der innere Klang, auf den sich die Konzentration richtet.
Details und Erläuterungen zu allen Punkten in der weiteren Zusammenfassung.
Was interessiert dich an der Hatha Yoga Pradipika am meisten?

Die Verse 1-10: Grundlagen und Ziel
Zunächst dankt der Autor Shiva, der den Hatha-Yoga dem Menschen gelehrt haben soll.
Swatmarama erklärt im ersten Vers, dass Hatha-Yoga als vorbereitende Disziplin dem Erreichen des Raja-Yoga dient. Hatha-Yoga wird als praktischer Weg verstanden, der den Geist zur Ruhe bringt und damit die Voraussetzungen für den Zustand des Raja-Yoga schafft: die Wellen des Geistes anzuhalten, dadurch das wahre Selbstes zu erkennen und damit Befreiung und Erleuchtung zu erlangen.
Danach führt er mehrere Yoga-Meister auf, welche die Zeit überwunden (wörtlich "den Stab der Zeit zerbrochen") haben.
Er schließt mit: Hatha Yoga ist für alle eine Zuflucht, die von Leiden im Leben geplagt sind. Man muss aber bereit sein, zu üben.


Vers 11 - 20: Hütte, Essen und die Verhaltensregeln
In Vers I-11 wird die Hatha-Yoga-Lehre als „vidyā“ bezeichnet, also als überlieferte Wissensdisziplin, die nicht leichtfertig verbreitet werden soll, diese vom Schüler streng! geheim zu halten sei. Hatha-Yoga wirke nur im Verborgenen kraftvoll, öffentliches Zur-Schau-Stellen mache Hatha-Yoga bedeutungslos. Man könnte dies auch so interpretieren, dass die Wirksamkeit der Praxis an eine verantwortete Weitergabe im Rahmen einer persönlichen Unterweisung gebunden wird.
In den Versen 12-14 folgen einige Hinweise zur Gestaltung einer idealen Yoga-Hütte. Friedvoll solle die Gegend sein und der Yogi soll dort sein Auskommen haben. Der Schüler soll die Weisungen des Gurus genau befolgen.
Interessant: Der Yoga-Schüler soll während des Übens "frei von Sorgen" sein.
Für den Geist gilt: Sorgen und Ideen sollen erst wieder kommen, wenn die Meditation beendet ist.
Vers I-15: Übermaß an Essen, zu starke Anstrengung, Geschwätz, Befolgung falscher Regeln, falsche Gesellschaft und Unbeständigkeit - diese sechs Sünden machen Yoga wirkungslos.
Vers I-16: Fester Wille/Enthusiasmus, Mut, Beharrlichkeit/Geduld, Wahrheit, wahres Wissen über das Sein und das Aufgeben von [nur unförderlicher?] Gemeinschaft mit Menschen – diese sechs Dinge führen den Yoga zum Erfolg.
Dann folgen die Regeln von Yama und Niyama, etwas erweitert gegenüber den Sutras des Patanjali. Die Hatha Yoga Pradipika nennt jeweils zehn Yamas und zehn Niyamas. Diese Liste erweitert das in den Yoga-Sutras überlieferte Fünfer-Schema und spiegelt eine spätere Ausdifferenzierung der ethischen Disziplinen wider.
Alle Sutras zu Yama und Niyama
Yoga Sutra II-29: Die acht Glieder des Yoga-Weges sind: Yama (Umgangsregeln), Niyama (Enthaltungen), Asana (Stellungen), Pranayama (Atemregulierung), Pratyahara (Sinnesrückzug), Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation) und Samadhi (Erleuchtung)
Yoga Sutra II-30: Die förderlichen Selbstbeschränkungen (yamas) sind Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Enthaltsamkeit und Begierdelosigkeit
Yoga Sutra II-31: Die Yamas sind überall einzuhalten, unabhängig vom eigenen Status, dem Ort, der Zeit oder den äußeren Umständen – sie stellen das Große Gelübde dar
Yoga Sutra II-32: Die Nyamas lauten Reinheit, Zufriedenheit, Selbstdisziplin, Selbststudium und Hingabe an Ishvara (Ur-Guru, Gott, göttliches Ideal)
Yoga Sutra II-33: Negative Zweifel bzw. Gedanken sollten durch geistige Kultivierung von deren Gegenteil überwunden werden
Yoga Sutra II-34: Gedanken und Zweifel, die zu schädigendem Verhalten führen – egal ob dies selbst getan, in Auftrag gegeben oder nur begünstigt wird, egal ob durch Gier, Ärger oder Verblendung motiviert, egal ob in der Ausführung mild, mittelmäßig
Yoga Sutra II-35: Wenn das Nichtverletzen [anderer Lebewesen im Wesen eines Menschen] (Ahimsa) fest verwurzelt ist, verschwindet jede Feindseligkeit in seiner Umgebung
Yoga Sutra II-36: Wenn Wahrhaftigkeit (Satya) [im Wesen eines Menschen] fest verwurzelt ist, entspricht das [jeweilige] Ergebnis seiner [jeweiligen] Handlung
Yoga Sutra II-37: Wenn Nichtstehlen [im Wesen eines Menschen] fest verwurzelt ist, kommen alle Reichtümer [wörtlich: Juwelen] zu ihm
Yoga Sutra II-38: Wenn Brahmacharya (Wandel in Brahma / Selbstbeherrschung / Enthaltsamkeit) [im Wesen eines Menschen] fest verwurzelt ist, erlangt er große Vitalität
Yoga Sutra II-39: Ist Begierdelosigkeit (Aparigraha) [im Wesen eines Menschen] gefestigt, erkennt er den Sinn seiner Geburt
Yoga Sutra II-40: Durch Reinheit entsteht Abneigung gegenüber dem eigenen Körper und gegenüber der Berührung mit anderen Körpern
Yoga Sutra II-41: Aus Reinheit entstehen Klarheit im Geist, innere Freude, gerichtete Konzentration, Beherrschung der Sinne und Erkennen vom wahren Selbst
Yoga Sutra II-42: Durch das Kultivieren von Zufriedenheit (Santosha) erreichen wir höchstes Glück
Yoga Sutra II-43: Durch tapas (Entsagungen, Selbstzucht) verschwinden Unreinheiten; dies führt zu Vollkommenheit und Beherrschung vom Körper und den Sinnen
Yoga Sutra II-44: Durch Selbstserforschung wird man eins mit der ersehnten Gottheit (bzw. dem Ideal)
Yoga Sutra II-45: Die Hingabe an Ishvara (Ur-Guru, Gott, göttliches Ideal) führt zur Vollkommenheit in Samadhi
Hinweis: Die folgenden beiden Verse I-17 und I-18 wurden vermutlich erst späteren Textfassungen der Pradipika hinzugefügt.
Vers I-17: Nun folgen die Yama und Niyama: Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Selbstbeherrschung, Nachsicht, Entschlossenheit, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Mäßigung und Reinheit sind gewiss Yama.
Vers I-18: Selbstzucht, Zufriedenheit, Gläubigkeit, Freigebigkeit, Gottes-Verehrung, Studium der Aussagen der heiligen Schriften, Schamhaftigkeit, Einsicht, Opfer und Japas [Mantrawiederholung, Gebete], das sind die 10 Niyamas, die von denjenigen genannt werden, die mit den Yoga-Schriften vertraut sind.
Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden Keine spirituelle Richtung kommt ohne Verhaltensregeln aus. Diese legen fest, welche ethischen Handlungsweisen für einen Aspiranten (oder auch jeden Menschen) förderlich sind. Was dem Christen die zehn Gebote, das sind dem Yogi die Yamas und Niyamas. Gleichzeitig sind die Yamas und Niyamas die ersten beiden Stufen im Raja Yoga, dem achtgliedrigen Yoga-Pfad (auch Ashtanga-Yoga genannt). Patanjali, der bekannteste Yogaphilosoph, definiert die Yamas und Nyamas im Yogasutra. Dieser Artikel zeigt, wie sich alte Weisheit im modernen Alltag verankern lässt: Was sind die Yamas und Niyamas? Wie werden diese in den alten Schriften ausgelegt? Und wie wende ich die Yamas und Niyamas im Alltag an? Der Artikel gibt Antwort und hält zwei Downloads (Poster & Merkkarte) parat. Hier weiterlesen: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwendenBeitrag: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden
Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden
Asana bildet den ersten behandelten Praxisbereich im Text und dient der Stabilisierung des Körpers als Grundlage für die weiteren Praktiken wie Pranayama, Mudra und Samadhi. Vers I-19 betont, dass die Asanas als erstes gelehrt würden und die Hindernisse im Körper beseitigen. In I-20 steckt Swatmarama dann den Rahmen: Die Pradipika enthält lediglich eine Auswahl an Asanas, die aber von verschiedenen Yogameistern als hilfreich geadelt wurden.
Vers I-20: Ich werde einige Asanas erläutern, die von Vashishtha, Matsyendra und anderen Heiligen gelehrt worden sind.


Vers 21 - 34 Hilfreiche Asanas und ihre Wirkungen
I-21 - 28: Hier werden die Asanas Svastikasana, Gomukhasana, Virasana, Kurmasana, Kukkutasana, Padmasana, Uttaana-Kurmasana, Dhanurasana, Matsyendra geschildert. Es soll sich bei der Abfolge der Beschreibung nicht um eine Reihe handeln und auch nicht eine Reihenfolge der Wichtigkeit implizieren. Dieses Wissen wird nicht unterbreitet - Svatmarama will nicht alles verraten ...
Beispiel:
Vers I-21: An die Innenseite der Knie* und Oberschenkel soll der Yogi beide Fußsohlen richtig platzieren und mit geradem Körper auf dem Boden sitzen; dies wird Svastikasana genannt.
* Kommentator Brahmananda erläutert, dass hier mit "Knie" der in der Nähe vom Knie liegende Teil des Unterschenkels gemeint sei.
Vers I-29 lobt die verdauungsfördernde und kundalini-erweckende Wirkung des Drehsitzes.
Vers I-30 bis 34: Paschimothanasana (mit Wirkungshinweis: wird als Haltung beschrieben, die das Verdauungsfeuer stärkt und den Fluss des Prana im Körper fördert, einen flachen Bauch schenkt und allgemein als "Krankheitsbefreier" wirkt), Mayurasana (Nahrungs- und Giftverbrenner), Shavasana (Ruhe).
Historischer Hintergrund
Die Hatha Yoga Pradipika entstand vermutlich im 14. oder 15. Jahrhundert innerhalb der Nath-Tradition. Sie ist kein isoliertes Werk, sondern eine systematische Zusammenstellung bereits existierender Yogalehren.
Swatmarama versteht sich nicht als Erfinder, sondern als Sammler und Ordner einer bereits bestehenden Praxislinie. Das erklärt, warum immer wieder auf frühere Meister verwiesen wird.


Vers 35 bis 41: König der Asanas - Siddhasana
Der Text erwähnt 84 Hauptasanas, die der Tradition nach von Shiva gelehrt wurden. Die Zahl 84 gilt im tantrischen Kontext als symbolisch für Vollständigkeit. Davon sind 4 besonders wichtig:
Die wichtigsten Asana
- Siddhasana
- Padmasana,
- Simhasana (Löwe) und
- Bhadrasana (Schmetterling)
Von diesen vier Asanas wiederum sei Siddhasana die Wichtigste, Vortrefflichste und Angenehmste. Siddhasana sollte eigentlich immer geübt werden. Die Verse beschreiben die korrekte Ausführung, hier auf Yoga-Welten.de unter Siddhasana geschildert.

Vers 42 - 45: 12 Jahre sollst du üben
Wer 12 Jahre lang über das wahre Selbst meditiert, sich gemäßigt ernährt und Siddhasana praktiziert, der erlangt Erleuchtung. Wer Siddhasana perfektioniert habe, brauche sich der anderen Asanas nicht mehr zu bedienen. Es wird ausgesagt, dass bei vollendeter Praxis von Siddhasana bestimmte energetische Verschlüsse (Bandhas) spontan wirksam werden können.
Modern interpretiert könnte man schreiben: Die Verse 42–45 stellen in Aussicht, dass ein Yogi, der über viele Jahre diszipliniert praktiziert, sich maßvoll ernährt und regelmäßig Siddhasana übt, zur höchsten Erkenntnis gelangen kann.
Vers 46 - 56: Lotussitz, Simhasana und Bhadrasana
Vers 46 - 51: Padmasana, der Lotussitz, sei der Sitz, der eine Vielzahl an Krankheiten auflöst. Er wird von Swatmarama mit seinen Konzentrationspunkten, Mudras, Bandhas und Wirkungen beschrieben.
In I-52- 54 wird Simhasana, die Löwenposition, als förderlich für die drei Bandhas beschrieben.
In I-55 -56 geht es dann mit Bhadrasana, der glücksverheißenden Schmetterlingsposition weiter.


Vers I-57 bis 70: Ablauf der Praxis und das tägliche Yogi-Leben
In I-57 fordert er die "Fürsten der Yogis" auf, Asanas und Bandhas zur Vertreibung von Müdigkeit sowie Mudras und Pranayama zur Reinigung der Nadis zu praktizieren.
Ablauf einer Hatha-Yoga-Stunde
Vers I-58 beschreibt eine empfohlene Reihenfolge der persönlichen Praxis:
- Asana
- Variationen von Kumbhaka (Pranayama),
- Mudra
- und dann Konzentration auf den inneren Klang (nada)
Ein besonderes Versprechen gibt I-59: Wer ständig im Bewusstsein des Absoluten wandelt, sich maßvoll ernährt, zurückgezogen lebt und sich dem Yoga ganz hingibt, der wird in einem Jahr erleuchtet - ein Siddhi - sein. Hierüber gäbe es keinen Zweifel!
Vers I-60 - 62 geben Ernährungsempfehlungen: süß und bekömmlich essen, dabei ein Viertel des Magens immer freilassen und achtsam essen - das ist maßvolle Ernährung. Zudem werden einige ungeeignete Nahrungen (Aufgewärmtes, trocken Gemachtes (ev. fettreduzierte Kost), allzu Salziges, allzu Saures, Abgestandenes (Schlechtes) und "zu viele Gemüse") aufgezählt. Zusammengefasst könnte man sagen, dass die Verse 60–62 maßvolle, leicht verdauliche Nahrung empfehlen. Bestimmte Speisen – insbesondere sehr scharfe, saure, salzige, abgestandene oder schwer verdauliche Nahrungsmittel – werden als ungünstig für die Praxis bezeichnet.
Die Verse 63–64 raten dem asketischen Praktizierenden, starke Sinnesreize und übermäßige körperliche Anstrengung zu vermeiden. Dies wird im historischen Kontext eines enthaltsamen Lebensideals formuliert. Konkret rät Swatmarama davon ab, (zumindest zu Beginn der Praxis) allzu nahe am Feuer zu sitzen sowie Frauen und langes Gehen zu meiden.
Vers I-65 und 66 nennen förderliche Nahrung: Weizen, Reis, Gerste, Gurke, Spinat, Milch, Ghee, harter Zucker, gereinigte Butter, Honig, getrockneter Ingwer, Mung-Bohnen, sauberes Wasser und Shashtika, eine bestimmte Reisart, die innerhalb von 60 Tagen reif ist. Zudem süße und milde Milchprodukte. Allgemein gesprochen: Empfohlen wird frische, reine und gut verdauliche Nahrung.
Yoga auch im Alter!
Vers I-67 enthält dann wieder ein großes Versprechen: Egal ob jung oder alt, krank oder schwach - durch unermüdliche Praxis ohne Ablenkung erreicht jeder den Yoga-Erfolg.
Die abschließenden Verse I-68-70 betonen, dass Yoga-Erfolg nicht allein durch theoretisches Wissen oder religiöse Bekenntnisse (konkret: Lesen oder fromme Worte) erreicht wird, sondern durch konsequente, praktische Übung gemäß den beschriebenen Methoden.
Nur die Praxis zählt
Das wäre das erste Kapitel der Hatha-Yoga-Pradipika. Hier geht es weiter zu Kapitel 2.
Kernaussagen des 1. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika in Stichworten
- Ziel von Hatha-Yoga
Hatha-Yoga wird als Vorbereitung verstanden, die zum Zustand des Raja-Yoga hinführen soll. Es geht weniger um „Turnen“, sondern darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen der Geist ruhiger wird und Sammlung möglich ist. - Traditionslinie und Autorität
Swatmarama verankert die Lehre in einer Linie von Siddhas und früheren Meistern. Das soll nicht beeindrucken wie ein „Name-Dropping“, sondern die Aussage stützen: Diese Praxis ist überliefert, nicht improvisiert. - Geheimhaltung und verantwortete Weitergabe
Die Hatha-Yoga-Lehre wird als wirksam beschrieben, wenn sie nicht leichtfertig verbreitet wird. Gemeint ist weniger Mystik als die Idee, dass Praxis unter Anleitung und mit Reife vermittelt werden soll – nicht als Vorführung. - Rahmenbedingungen der Praxis
Der Text nimmt das Setting erstaunlich ernst: geeigneter Ort, Rückzug, Sorgenfreiheit während der Übung, klare Orientierung am Guru. Der Ton ist pragmatisch: Wer ständig abgelenkt ist, übt zwar „irgendwie“, aber nicht mit der Tiefe, die der Text meint. - Stolpersteine und Erfolgsfaktoren
Genannt werden sechs Faktoren, die Yoga „kaputtmachen“ können (z. B. Überessen, Geschwätz, Unbeständigkeit), und sechs, die Erfolg fördern (z. B. Enthusiasmus, Beharrlichkeit, Wahrheit). Das ist weniger Moralpredigt als eine Checkliste gegen Selbstsabotage. - Yamas und Niyamas
Der Text nennt jeweils zehn Yamas und zehn Niyamas und erweitert damit bekannte Systeme. Ethische Disziplin ist hier keine „Option“, sondern Grundlage: Ohne sie sollen die späteren Praktiken instabil bleiben. - Asana als Basis
Asana erscheint als erstes Praxisfeld, weil es Stabilität, Gesundheit und „Leichtigkeit“ schaffen soll. Asanas sind im Text nicht primär ästhetische Formen, sondern Werkzeuge, um den Körper als Hindernisfaktor zu reduzieren. - Auswahl an Asanas und ihre Wirkungen
Es wird eine Auswahl beschrieben (Sitzhaltungen und weitere), teils mit Wirkversprechen wie Förderung des Verdauungsfeuers oder Reinigung. Wichtig ist die Logik dahinter: Körper, Atem und Aufmerksamkeit sollen in eine trainierbare Ordnung kommen. - Siddhasana als Schwerpunkt
Unter den wichtigsten Haltungen wird Siddhasana als besonders vorzüglich herausgestellt. Die Botschaft ist klar: Meisterschaft entsteht eher durch konsequente Vertiefung weniger Grundlagen als durch das Sammeln vieler Formen. - Ernährung und Maß
Empfohlen wird maßvolle, gut verdauliche Nahrung, bewusstes Essen und das berühmte „nicht ganz voll“-Prinzip. Ernährung ist im Text keine kulinarische Debatte, sondern eine Stellschraube, die direkt auf Praxisqualität zielt. - Praxisabfolge
Genannt wird eine Reihenfolge von Asana, Kumbhaka/Pranayama, Mudra und Konzentration (u. a. auf Nada, den inneren Klang). Die Struktur wirkt wie ein Fahrplan: erst stabilisieren, dann verfeinern. - Große Versprechen – und ein nüchterner Unterton
Das Kapitel enthält starke Verheißungen (bis hin zu „in einem Jahr“), zugleich insistiert es fast spröde: Lesen reicht nicht, fromme Worte auch nicht. Der Text fordert eine Art Alltagsethik: weniger Ausreden, mehr Übung.
Was dieses Kapitel heute herausfordert
Das erste Kapitel konfrontiert moderne Leser mit einer unbequemen Wahrheit: Yoga ist im Ursprung keine Wohlfühlpraxis.
Es fordert Maß, Disziplin, Rückzug, sogar Askese. Es empfiehlt Zurückhaltung in sozialer Interaktion. Es warnt vor Übermaß – beim Essen, Reden, Handeln. Der Text betont wiederholt: Praxis wirkt – Theorie allein nicht.
Man muss diese Aussagen nicht wörtlich übernehmen. Aber man sollte sie auch nicht ignorieren.
Das Kapitel stellt dabei eine Frage, die sich jeder ehrlich beantworten sollte, der auf dem Yoga-Pfad wandeln möchte:
Wie viel Ablenkung verträgt ein ernst gemeinter spiritueller Weg?
Man denke dabei an Essen, körperliche Vergnügungen, Social-Media, Streamingdienste ...
In einer Zeit, in der Yoga häufig als körperliches Training vermarktet wird, wirkt das erste Kapitel vielleicht ernüchternd, unbequem.
Fazit
Das 1. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika ist weniger ein Handbuch für Asanas als eine Einladung zu Disziplin. Es stellt Grundlagen her, bevor es Höhe verspricht.
Wer nur nach Haltungen (Asana) sucht, wird vielleicht verwirrt sein. Wer nach einem Weg sucht, findet einen Anfang.

Ergänzung oder Frage von dir
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Fun Facts zum 1. Kapitel
- „Geheim halten, sonst wird’s kraftlos“ – bemerkenswert direkt
Vers 11 formuliert drastisch: Verbreitetes Wissen wird „kraftlos, unmännlich, impotent“ (alles mögliche Übersetzungen), verborgenes wird wirksam. Das klingt heute hart – ist aber im Text ziemlich eindeutig. - Die ideale Yoga-Hütte: 4 Ellen Quadrat – plus Kuhdung an der Wand
Der Text beschreibt sehr konkret einen Übungsraum: klein, abgeschieden, 4 cubits groß, sauber, wenig Ablenkung – und „gut verputzt“, ausdrücklich auch mit cow-dung plaster in der Übersetzung. - 84 Asanas: eher Symbol als Inventarliste
Die Zahl 84 gilt in vielen Kontexten als Symbol für Vollständigkeit. - Die „vier wichtigsten Asanas“ sind fast alle Sitzhaltungen
Ausgerechnet ein Werk, das heute gern für Körperpraxis zitiert wird, hebt als wichtigste Haltungen Siddhasana, Padmasana, Bhadrasana, Simhasana hervor – also überwiegend Sitze. Kein Handstand weit und breit. - Hatha-Yoga „zerstört“ Yoga – wenn du zu viel redest
Unter den sechs Gründen, warum Yoga scheitert, steht in der Übersetzung ziemlich unromantisch: Schwätzen. Das ist kein spiritueller Code, das ist eine Alltagsschelle. - Mayurasana und „Kalakuta“-Gift: der Text hat keine Angst vor Übertreibung
Traditionell wird Mayurasana mit einer Verdauungskraft beschrieben, die sogar kalakuta (ein tödliches Gift aus Mythologie/Schöpfungserzählungen) bewältigen könne. - Hampi-Tempel: Asanas als Steinreliefs – Yoga als öffentliche Bildsprache
In Hampi (Achyutaraya-Tempel, 16. Jh.) finden sich Säulen mit Yogadarstellungen in Asanas. Das ist ein schöner Kontrast zu Vers 11 („geheim halten“): Praxis privat, Bilder öffentlich – Geschichte ist selten widerspruchsfrei.
Weiterlesen
II. Kapitel: Über Pranayama und Kriya | Hatha Yoga Pradipika

Themen: Wann mit Pranayama beginnen? Reinigungs- und Pranayama-Techniken. Was muss der Yogi dabei unbedingt beachten? Welche segensreichen Wirkungen ergeben sich durch Pranayama?
Die Verse im Einzelnen in einer kommentierten Zusammenfassung:
Hier weiterlesen: II. Kapitel: Über Pranayama und Kriya | Hatha Yoga Pradipika
III. Kapitel: Über Mudras, Bandhas und Kundalini | Hatha Yoga Pradipika

Im dritten Kapitel der Hatha Yoga Pradipika wird vor allem die Kundalini und deren Erweckung besprochen. Hierzu dienen die Bandhas und Mudras, deren Technik geheim gehalten werden soll. An einigen Stellen finden sich sexuelle Praktiken, welche dem spirituellen Fortschritt dienlich sein sollen. Interessant: In einigen Übersetzungen wurden diese einfach weggelassen. Im Kontext wird immer wieder auf Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi und Nada Yoga eingegangen.
Hier weiterlesen: III. Kapitel: Über Mudras, Bandhas und Kundalini | Hatha Yoga Pradipika
IV. Kapitel: Über Samadhi | Hatha Yoga Pradipika

Hier geht es um den Zusammenhang zwischen Geist, Prana und Atemübungen, um Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Wie sich alles zueinander verhält, was auf was folgt. Man könnte es wie Brahmananda auch als Raja-Yoga-Kapitel ansehen.
Der Yogaweg wird auf verschiedene Arten beschrieben und gelobt. Auch die inneren Töne sind großes Thema. Samadhi wird von verschiedenen Seiten beleuchtet, Wege aufgezeigt und Folgen aus dem Erreichen von Samadhi beschrieben.
Hier findest du eine Kurzfassung des Inhaltes.
Hier weiterlesen: IV. Kapitel: Über Samadhi | Hatha Yoga Pradipika
- Das Yogasutra – jede Sutra detailliert erläutert
- Die Hatha-Yoga-Pradipika – kapitelweise zusammengefasst
- Zusammenfassung der Bhagavad-Gita
- Eine kurze Zusammenfassung der Upanishaden und des Mahabharata
- Die Mandukya Upanishad – deutsche Übertragung
- Die Gheranda Samhita – kapitelweise zusammengefasst
- Yoga in der Bhagavad Gita – die bunte Vielfalt
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- Yoga im Mahabmarata – erste Systematik
- Goraksa-Sataka – die älteste Hatha-Abhandlung
- Brahma-Sutra Bhashya von Sankara – der Kommentar von Sankara
- Mrigendra Tantra Yoga Pada
- Die Shiva Samhita

