Die Vasiṣṭha Saṁhitā: Eine alte Yogaschrift zwischen Ethik, Atem und innerer Sammlung

Die Vasiṣṭha Saṁhitā (Sanskrit: वासिष्ठसंहिता, Vāsiṣṭha Saṁhitā, etwa „Vasiṣṭhas Sammlung“) ist ein mittelalterlicher, vaishnavitischer Text, der meist ins 13. Jahrhundert bzw. in das 12.–13. Jahrhundert datiert wird. Sie gilt als eine der frühen überlieferten Yoga-Schriften im Umfeld des Haṭha Yoga, die auch nicht-sitzende Āsanas beschreibt, darunter Arm-Balance-Haltungen wie Kukkuṭāsana („Hahn-Haltung“) und Mayūrāsana („Pfau-Haltung“). Für die Beschreibung von Mayūrāsana greift die Schrift offenbar auf das ältere Vimānārcanākalpa aus dem 10.–11. Jahrhundert zurück, das bereits eine frühe Beschreibung dieser nicht-sitzenden Haltung enthält. Die entsprechenden Āsana-Beschreibungen der Vasiṣṭha Saṁhitā wurden später von der Haṭha Yoga Pradīpikā aus dem 15. Jahrhundert übernommen bzw. weiterverarbeitet.

Der Artikel ordnet die Vasiṣṭha Saṁhitā verständlich ein, grenzt sie von der bekannteren Yoga Vāsiṣṭha ab und zeigt, warum sie für das Verständnis von klassischem Yoga und frühem Haṭha Yoga bis heute aufschlussreich ist.

Vasiṣṭha Saṁhitā Symbolbild

Die Vasiṣṭha Saṁhitā weist zahlreiche gemeinsame Verse mit der Yoga Yājñavalkya auf; einige dieser Verse gehen offenbar auf die ältere Padma Saṁhitā zurück. Der Text wird traditionell dem alten Weisen Vasiṣṭha zugeschrieben, doch der heute bekannte Text wurde vermutlich von einem unbekannten Autor oder Redaktor aus einem vaiṣṇavitisch geprägten, möglicherweise auch śāktisch beeinflussten Umfeld zusammengestellt. Die Schrift umfasst 45 Kapitel und behandelt ein breites Spektrum religiöser und ritueller Themen, darunter Friedensrituale, Namensrezitation, Opfergaben, Rituale, Astrologie und Wohltätigkeit.

Inhalt: Vasiṣṭha Saṁhitā: Alte Yogaschrift erklärt

Kurz zusammengefasst

  • Die Vasiṣṭha Saṁhitā / Vasishtha Samhita gilt als mittelalterlicher Yoga- bzw. vaishnavitischer Text, oft ins 13. Jahrhundert datiert. Eine wichtige Besonderheit: Sie gehört zu den frühen Texten, die auch nicht-sitzende Haṭha-Yoga-Āsanas beschreiben, etwa Mayūrāsana und Kukkuṭāsana.
  • Rahmenform: Lehrgespräch, in Teilen zwischen dem Weisen Vasiṣṭha und seinem Sohn Śakti über Yoga-Praxis und Reinigung.
  • Achtgliedriger Yoga: Behandlung von Yama, Niyama, Āsana, Prāṇāyāma, Pratyāhāra, Dhāraṇā, Dhyāna, Samādhi — also ähnlich der klassischen Yoga-Systematik.
  • Yama und Niyama: Ethische Grundlagen; teils mit 10 Yamas und 10 Niyamas, darunter Gewaltlosigkeit, Mäßigung, Reinheit usw.
  • Āsanas: Beschreibung mehrerer Körperhaltungen; besonders interessant wegen früher Erwähnungen dynamischer bzw. kraftvoller Haltungen wie Mayūrāsana und Kukkuṭāsana.
  • Nāḍī-Lehre: Darstellung des feinstofflichen Körpers, der Nāḍīs und der Bedeutung ihrer Reinigung. In der Textabfolge steht Nāḍīśuddhi nach Āsana und vor Prāṇāyāma.
  • Prāṇāyāma: Atemlenkung mit Pūraka Einatmung, Kumbhaka Atemverhaltung und Recaka Ausatmung; Ziel ist Reinigung, Stabilisierung und Lenkung von Prāṇa.
  • Meditative Stufen: Rückzug der Sinne, Konzentration, Meditation und Samādhi werden als innere Fortsetzung der körperlich-energetischen Praxis verstanden.
  • Rituell-religiöser Kontext: Der Gesamttext umfasst auch Themen wie Friedensrituale, Namensrezitation, Opfer, Astrologie und Gaben; der Yoga-Kāṇḍa ist also nur ein Teil eines breiteren religiösen Textzusammenhangs.
  • Bedeutung für Haṭha Yoga: Wichtig als Übergangstext: Er verbindet ältere asketisch-rituelle Yogavorstellungen mit später systematisierter Haṭha-Yoga-Praxis, wie sie dann etwa in der Haṭha Yoga Pradīpikā weiterverarbeitet wurde.

Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.

Einleitung: Eine Yogaschrift im Schatten großer Namen

Wer sich mit alten Yogaschriften beschäftigt, begegnet schnell den berühmten Namen: Patañjalis Yoga Sūtra, Bhagavad Gītā, Haṭha Yoga Pradīpikā, Gheraṇḍa Saṁhitā, Śiva Saṁhitā. Daneben gibt es Texte, die weniger bekannt sind, aber gerade deshalb einen besonderen Reiz haben. Einer davon ist die Vasiṣṭha Saṁhitā.

Sie trägt den Namen eines der ehrwürdigsten Weisen der indischen Tradition: Vasiṣṭha. Schon dieser Name klingt nach Waldklause, Feueropfer, Königsberatung und spiritueller Autorität. Doch die Schrift selbst ist kein bloßes Stück Legende. Sie gehört zu jenen Texten, in denen sichtbar wird, wie sich Yoga im Laufe der Jahrhunderte entwickelte: von ethischer Disziplin und Meditation hin zu einer stärker körperlich-energetischen Praxis mit Āsana, Nāḍīśuddhi (Reinigungstechniken) und Prāṇāyāma.

Wichtig ist gleich zu Beginn eine Unterscheidung: Die Vasiṣṭha Saṁhitā ist nicht identisch mit der Yoga Vāsiṣṭha. Die Yoga Vāsiṣṭha ist ein großer philosophisch-erzählerischer Text, in dem der Weise Vasiṣṭha den Prinzen Rāma über Wirklichkeit, Geist, Befreiung und Selbsterkenntnis belehrt. Die Vasiṣṭha Saṁhitā dagegen ist eine andere Schrift und wird besonders im Zusammenhang mit Yoga-Praxis, Haṭha Yoga und dem achtgliedrigen Yogaweg erwähnt.

Gerade für heutige Yoga-Interessierte ist sie spannend, weil sie eine Brücke zeigt: Yoga erscheint hier nicht nur als stille Meditation, aber auch noch nicht als moderne Körperkultur. Die Schrift führt in eine Welt, in der Lebensführung, Körperhaltung, Atemlenkung, feinstoffliche Anatomie, Konzentration und Versenkung zusammengehören.

Herkunft und historische Einordnung

Der Begriff Saṁhitā bedeutet wörtlich etwa „Sammlung“, „Zusammenstellung“ oder „geordnete Überlieferung“. In der indischen Literatur bezeichnet er unterschiedliche Arten von Textsammlungen: vedische Sammlungen, rituelle Texte, religiöse Lehrwerke oder systematische Darstellungen bestimmter Wissensgebiete.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā wird meist dem weiteren Umfeld mittelalterlicher Yoga- und Haṭha-Yoga-Traditionen zugeordnet. Exakte Aussagen über Entstehungszeit, Redaktion und Autorenschaft sind jedoch schwierig. Wie bei vielen Sanskrit-Texten ist auch hier Vorsicht geboten: Die Überlieferung ist komplex, Handschriften können voneinander abweichen, und ein Textname bedeutet nicht immer, dass wir es mit einem einheitlichen Werk aus einer einzigen Zeit zu tun haben.

Besonders bekannt ist der Yoga Kāṇḍa, also der Yoga-Abschnitt der Vasiṣṭha Saṁhitā. Dieser Abschnitt behandelt zentrale Elemente des Yogawegs: Yama, Niyama, Āsana, Nāḍīśuddhi, Prāṇāyāma, Pratyāhāra, Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi. Damit steht der Text in deutlicher Nähe zur klassischen achtgliedrigen Struktur, wie sie durch Patañjali berühmt wurde. Zugleich enthält er Elemente, die stärker an spätere Haṭha-Yoga-Texte erinnern.

Gerade diese Zwischenstellung macht die Schrift interessant. Sie zeigt, dass Yoga nicht plötzlich von stiller Meditation zu Körper- und Atemtechniken wurde. Vielmehr gab es Übergänge, Mischformen und lebendige Traditionsströme. Die Vasiṣṭha Saṁhitā gehört zu den Texten, an denen man diese Entwicklung besonders gut studieren kann.

Unsicher bleibt allerdings vieles: die genaue Datierung, der Umfang der ursprünglichen Fassung, die Beziehung zu anderen Texten und die Frage, welche Teile älter oder jünger sind. Wer diese Schrift ernst nimmt, sollte sie daher nicht als isoliertes, eindeutig datierbares Handbuch betrachten, sondern als Teil einer vielschichtigen yogischen Textlandschaft.

Vasiṣṭha: Der Weise hinter dem Namen

Der Name Vasiṣṭha besitzt in der indischen Tradition großes Gewicht. Vasiṣṭha gilt als einer der großen Ṛṣis, also Seher oder Weisen. In vedischen, epischen und purāṇischen Traditionen erscheint er als spirituelle Autorität, Lehrer, Priester, Berater und Träger tiefer Einsicht.

In vielen Erzählungen steht Vasiṣṭha für eine besondere Verbindung aus Weisheit, Askese, innerer Macht und geistiger Klarheit. Er ist nicht einfach ein Gelehrter, der Wissen sammelt. Er verkörpert eine Form von Wissen, das durch Schau, Übung und innere Reifung gewonnen wird.

Berühmt ist Vasiṣṭha auch durch seine Verbindung zu königlichen Gestalten. In der indischen Erzählwelt erscheint er als Ratgeber von Herrschern und als Lehrer jener, die äußere Macht besitzen, aber innere Führung benötigen. In der Yoga Vāsiṣṭha wird er zum Lehrer Rāmas und erklärt ihm die Natur des Geistes, die Welt als Bewusstseinsphänomen und den Weg zur Befreiung.

Für die Vasiṣṭha Saṁhitā bedeutet das: Der Name Vasiṣṭha verleiht dem Text Autorität. Er sagt aber nicht zwingend, dass der historische oder mythische Weise Vasiṣṭha den Text im modernen Sinn „verfasst“ hat. In der indischen Literatur ist Autorschaft oft anders zu verstehen als heute. Ein Text kann einer großen Gestalt zugeschrieben werden, weil er in ihrer spirituellen Linie steht, ihre Autorität beansprucht oder eine bestimmte Form von Weisheit mit ihrem Namen verbindet.

Das ist kein Mangel, sondern ein anderer Zugang zu Überlieferung. Während moderne Leser gern wissen möchten: „Wer hat das wann geschrieben?“, fragt die traditionelle Perspektive oft eher: „Aus welcher Einsichtslinie spricht dieser Text? Welche Wahrheit will er bewahren? Welche Praxis will er weitergeben?“

Der Inhalt der Vasiṣṭha Saṁhitā: Yoga als Weg der Verfeinerung

Die Vasiṣṭha Saṁhitā beschreibt Yoga nicht als einzelne Technik, sondern als geordneten Weg. Der Mensch soll nicht nur beweglicher, ruhiger oder gesünder werden. Er soll sich in seinem ganzen Wesen klären: im Verhalten, im Körper, im Atem, in der Wahrnehmung und schließlich im Bewusstsein.

Der Weg führt von der äußeren Lebensführung zur inneren Sammlung. Er beginnt bei der Frage, wie ein Mensch lebt, spricht, handelt und begehrt. Dann wendet er sich dem Körper zu, danach der Reinigung der feinstofflichen Bahnen, der Lenkung des Atems und schließlich den meditativen Stufen.

Diese Reihenfolge ist bedeutsam. Sie zeigt: Yoga ist nicht bloß eine Methode zur Entspannung. Yoga ist eine Disziplin der Ausrichtung. Der Übende soll sich Schritt für Schritt so vorbereiten, dass der Geist fähig wird, stiller, klarer und tiefer zu werden.

(Vasiṣṭha Saṁhitā I.31) Vasistha sagte: Yoga besteht aus tiefreichendem Wissen. Yoga findet sich im Selbst. Es hat acht Hilfmittel und es soll die Pflicht aller sein.

Yama: Die ethische Grundlage des Yoga

Yama bezeichnet grundlegende ethische Haltungen oder Selbstbeschränkungen. Sie betreffen das Verhältnis zur Welt, zu anderen Menschen und zu den eigenen Impulsen.

Yamas in der Vasiṣṭha Saṁhitā

  • Ahiṁsā – Nichtverletzen, Gewaltlosigkeit
  • Satya – Wahrhaftigkeit
  • Asteya – Nicht-Stehlen
  • Brahmacarya – Enthaltsamkeit, maßvoller Umgang mit Lebensenergie
  • Dhṛti – Standhaftigkeit, innere Festigkeit
  • Kṣamā – Geduld, Vergebung
  • Dayā – Mitgefühl
  • Ārjava – Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit
  • Mitāhāra – maßvolle Ernährung
  • Śauca – Reinheit

Bekannt sind aus Patañjalis Yoga Sūtra fünf Yamas: Ahiṁsā Gewaltlosigkeit, Satya Wahrhaftigkeit, Asteya Nicht-Stehlen, Brahmacarya maßvoller Umgang mit Lebensenergie und Aparigraha Nicht-Besitzergreifen.

Yoga Sutra II-30: Die förderlichen Selbstbeschränkungen (Yamas) sind Nichtverletzen (Ahimsa), Wahrhaftigkeit (Satya), Nichtstehlen (Asteya), Enthaltsamkeit (Brahmacharya) und Begierdelosigkeit (Aparigraha)

Zur Sutra


In manchen Yoga-Traditionen werden zehn Yamas genannt. Auch die Vasiṣṭha Saṁhitā steht in einer solchen erweiterten Ethik-Tradition.

Das Entscheidende ist: Yoga beginnt hier nicht mit einer Körperhaltung, sondern mit einer Haltung zum Leben. Wer innerlich unruhig, rücksichtslos, maßlos oder getrieben lebt, wird den Geist schwer zur Sammlung bringen. Die ethische Grundlage ist deshalb keine moralische Dekoration, sondern praktische Psychologie.

Yama fragt: Was nährt Unruhe? Was verstärkt Verlangen, Angst, Aggression oder Täuschung? Was macht den Geist schwer und unklar? Der Yogaweg beginnt dort, wo ein Mensch ehrlich auf seine eigenen Gewohnheiten schaut.

Niyama: Die Pflege der inneren Ausrichtung

Während Yama stärker beschreibt, was zu meiden oder zu zügeln ist, bezeichnet Niyama positive Disziplinen und innere Haltungen. Dazu gehören in vielen Traditionen etwa Śauca Reinheit, Santoṣa Zufriedenheit, Tapas Übungskraft oder Askese, Svādhyāya Selbststudium bzw. Studium heiliger Texte und Īśvara-praṇidhāna Hingabe an das Höchste.

Niyamas in der Vasiṣṭha Saṁhitā

  • Tapas – Disziplin, Übungskraft, Askese
  • Santoṣa – Zufriedenheit
  • Āstikya – Vertrauen in eine höhere Wirklichkeit / religiöse Zuversicht
  • Dāna – Geben, Freigebigkeit
  • Īśvara-pūjana – Verehrung Gottes / des Höchsten
  • Siddhānta-śravaṇa – Hören bzw. Studium der Lehre
  • Hrī – Schamgefühl, sittliche Zurückhaltung
  • Mati – Einsicht, rechte Gesinnung
  • Japa – Wiederholung heiliger Silben oder Mantras
  • Vrata – Gelübde, feste spirituelle Verpflichtung

Im Yogasutra:

Yoga Sutra II-32: Die Niyamas lauten Reinheit (Shaucha), Zufriedenheit (Samtosha), Selbstdisziplin (Tapas), Selbststudium (Svadhya) und Hingabe an Ishvara (Ur-Guru, Gott, göttliches Ideal, Ishvarapranidhana)

Zur Sutra


Auch hier zeigt sich ein Grundzug alter Yogaschriften: Die Praxis wird nicht isoliert betrachtet. Es reicht nicht, eine Stunde am Tag zu üben, wenn der übrige Tag von Zerstreuung, Maßlosigkeit und innerer Unordnung bestimmt ist. Niyama schafft einen Boden, auf dem tiefere Praxis möglich wird.

Für heutige Leser kann das überraschend aktuell sein. Wer meditiert, kennt das: Der Geist bringt in die Stille mit, was im Alltag ungeklärt bleibt. Ein unruhiges Leben erzeugt eine unruhige Meditation. Die alten Texte würden sagen: Deshalb braucht Yoga eine Lebensform, nicht nur eine Übungsform.

Beitrag: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden

Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden

Mann und Frau beim Füttern eines Vogels im Wald. Text: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga

Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden

Keine spirituelle Richtung kommt ohne Verhaltensregeln aus. Diese legen fest, welche ethischen Handlungsweisen für einen Aspiranten (oder auch jeden Menschen) förderlich sind. Was dem Christen die zehn Gebote, das sind dem Yogi die Yamas und Niyamas.

Gleichzeitig sind die Yamas und Niyamas die ersten beiden Stufen im Raja Yoga, dem achtgliedrigen Yoga-Pfad (auch Ashtanga-Yoga genannt). Patanjali, der bekannteste Yogaphilosoph, definiert die Yamas und Nyamas im Yogasutra.

Dieser Artikel zeigt, wie sich alte Weisheit im modernen Alltag verankern lässt: Was sind die Yamas und Niyamas? Wie werden diese in den alten Schriften ausgelegt? Und wie wende ich die Yamas und Niyamas im Alltag an? Der Artikel gibt Antwort und hält zwei Downloads (Poster & Merkkarte) parat.

Hier weiterlesen: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden

Āsana: Der Körper als Tor zur Sammlung

Āsana bedeutet ursprünglich vor allem Sitz oder Haltung. In vielen frühen Yoga-Kontexten geht es dabei besonders um stabile Sitzhaltungen für Meditation.

Yoga Sutra II-46: Die Asana [Haltung in der Meditation] sollte unbewegt und angenehm sein

Zur Sutra


In späteren Haṭha-Yoga-Texten wird das Spektrum körperlicher Übungen breiter.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā ist in diesem Zusammenhang interessant, weil sie Körperhaltungen nicht nur als Beiwerk behandelt. Der Körper wird zu einem Übungsfeld, in dem Stabilität, Energie, Atem und Konzentration zusammenwirken.

Dabei geht es nicht um Körperakrobatik als Selbstzweck. Die Haltung soll den Menschen auf die nächsten Stufen vorbereiten. Ein ungeübter, träger oder unruhiger Körper erschwert Atemlenkung und Meditation. Ein geklärter, stabiler und wacher Körper dagegen kann zur Grundlage innerer Sammlung werden.

In dieser Sicht ist Āsana weder bloßer Sport noch bloße Symbolik. Es ist ein Mittel der Verfeinerung. Der Körper wird nicht abgewertet, aber auch nicht vergöttert. Er ist ein Instrument auf dem Weg nach innen.

Nāḍīśuddhi: Reinigung der feinstofflichen Bahnen

Ein besonders wichtiger Begriff ist Nāḍīśuddhi. Nāḍī bezeichnet in der Yoga-Tradition feinstoffliche Leitbahnen, durch die Prāṇa, die Lebensenergie, fließen soll. Śuddhi bedeutet Reinigung oder Klärung. Nāḍīśuddhi meint also die Reinigung der feinstofflichen Kanäle.

In der Logik der Vasiṣṭha Saṁhitā steht diese Praxis zwischen Āsana und Prāṇāyāma. Das ist bedeutsam: Zuerst wird der Körper vorbereitet, dann werden die inneren Bahnen geklärt, und erst danach kann die Atem- und Energielenkung tiefer greifen.

Aus moderner naturwissenschaftlicher Sicht sind Nāḍīs keine anatomisch nachweisbaren Strukturen wie Nerven, Blutgefäße oder Lymphbahnen. Man sollte sie daher nicht unkritisch mit körperlichen Strukturen gleichsetzen. Innerhalb der Yoga-Tradition beschreiben sie jedoch eine Erfahrungslandkarte des lebendigen Körpers: Atmung, Spannung, Aufmerksamkeit, Energieempfinden und innere Wahrnehmung werden in einem symbolisch-praktischen System zusammengeführt.

Für heutige Übende kann Nāḍīśuddhi als Hinweis verstanden werden: Bevor der Geist still wird, muss oft vieles durchlässiger werden. Der Atem wird ruhiger, der Körper wacher, die Aufmerksamkeit feiner. Die Praxis zielt nicht nur auf Muskeldehnung, sondern auf eine subtilere Form innerer Ordnung.

Yoga-Reinigungstechniken

Prāṇāyāma: Der Atem als Brücke

Prāṇāyāma wird häufig als Atemübung übersetzt. Wörtlich kann man den Begriff als Ausdehnung, Lenkung oder Zügelung des Prāṇa verstehen. In der Praxis geschieht dies über den Atem.

Klassische Begriffe sind:

  • Pūraka – Einatmung
  • Kumbhaka – Atemverhaltung
  • Recaka – Ausatmung

Diese drei Bewegungen des Atems werden in vielen Yogatexten sorgfältig beschrieben. Der Atem ist dabei mehr als Luftbewegung. Er ist das sichtbare Tor zu tieferen Vorgängen. Wer den Atem beobachtet, bemerkt schnell: Er ist eng verbunden mit Gefühl, Nervensystem, Aufmerksamkeit und Geisteszustand.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā betrachtet Prāṇāyāma nicht als isolierte Wellness-Technik. Es ist Teil eines stufenweisen Weges. Erst wenn Körper und innere Bahnen vorbereitet sind, wird die Arbeit mit dem Atem fruchtbar. Dann kann Prāṇāyāma beruhigen, sammeln, verfeinern und den Geist auf Meditation vorbereiten.

Zur Sicherheit sei gesagt: Gleichzeitig ist bei Pranayama stets Vorsicht angebracht. Atemverhaltungen und intensive Atempraktiken können stark wirken. Sie sollten nicht unbedacht, ehrgeizig oder ohne Verständnis ausgeführt werden. Alte Yogatexte setzen oft Disziplin, Anleitung und allmähliche Gewöhnung voraus. Diese Voraussetzung wird in modernen Kurzbeschreibungen leicht vergessen.

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Pratyāhāra: Der Rückzug der Sinne

Nach Körper- und Atemschulung beginnt der innere Teil des Yogawegs. Pratyāhāra bedeutet meist Rückzug der Sinne. Gemeint ist nicht, dass Augen, Ohren oder Haut nicht mehr funktionieren. Gemeint ist, dass der Geist nicht mehr jedem Sinnesreiz hinterherläuft.

Der Mensch lebt normalerweise in einer ständigen Bewegung nach außen: Geräusche, Bilder, Nachrichten, Wünsche, Erinnerungen, Reize. Pratyāhāra kehrt diese Bewegung um. Die Sinne bleiben da, aber sie verlieren ihre Herrschaft über den Geist.

Für die Meditation ist das entscheidend. Solange Aufmerksamkeit ständig von äußeren Eindrücken fortgetragen wird, bleibt der Geist zerstreut. Pratyāhāra ist daher eine Schwelle: Der Übende beginnt, im eigenen Inneren zu verweilen.

Beitrag: Pratyahara Bedeutung und Praxis – Sinnesrückzug im Yoga verstehen

Pratyahara Bedeutung und Praxis – Sinnesrückzug im Yoga verstehen

Frau in Meditation vor See bemüht sich um Pratyahara. Text: Pratyahara Bedeutung und Praxis

Pratyahara: Bedeutung und Praxis – Sinnesrückzug im Yoga verstehen

Pratyahara beschreibt eine uralte Technik, die im Yoga dafür sorgt, dass du nicht länger von äußeren Eindrücken getrieben wirst, sondern deine Aufmerksamkeit bewusst steuern kannst. In einer Welt voller Reize und ständiger Ablenkung bietet dieser stille Sinnesrückzug einen praktischen, alltagsnahen Zugang zu mehr Klarheit, Präsenz und innerer Ruhe. Dieser Artikel erklärt, wie Pratyahara funktioniert, warum es weit mehr ist als theoretische Philosophie und wie du es gezielt in deinen Alltag integrieren kannst, ohne in Überforderung oder Vermeidung zu verfallen.

Hier weiterlesen: Pratyahara Bedeutung und Praxis – Sinnesrückzug im Yoga verstehen

Dhāraṇā: Konzentration als geistige Sammlung

Dhāraṇā bedeutet Konzentration, genauer: das Halten des Geistes an einem Ort, Gegenstand oder Prinzip. Das kann ein innerer Punkt, ein Mantra, der Atem, ein Symbol oder eine Vorstellung sein.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā kennt Formen der Konzentration, die mit Elementen, Farben, inneren Orten und Gottheiten verbunden sein können. Das zeigt eine Nähe zu tantrischen und haṭha-yogischen Vorstellungswelten, in denen der Körper nicht nur physisch, sondern auch symbolisch und energetisch gelesen wird.

Dhāraṇā ist die Kunst, den Geist nicht mehr ziellos wandern zu lassen. Sie ist keine gewaltsame Verengung, sondern ein Einüben von Stabilität. Der Geist lernt, bei einem Gegenstand zu bleiben. Erst dadurch kann Meditation tiefer werden.

Konkrete Beispiele für Dhāraṇā in der Vasiṣṭha Saṁhitā

Vasiṣṭha Saṁhitā, Yoga Kāṇḍa, Kapitel 4, Abschnitt Dhāraṇā

Die Vasiṣṭha Saṁhitā kennt im Dhāraṇā-Abschnitt laut dieser Sekundärdarstellung konkrete Formen der Konzentration auf die fünf Elemente. Dabei wird der Körper in innere Zonen gegliedert: Erde von den Füßen bis zu den Knien, Wasser von den Knien bis zum Anus, Feuer vom Anus bis zum Herzen, Luft vom Herzen bis zur Augenbrauenmitte und Äther von dort bis zum Scheitel. Jeder Bereich wird mit einem Bīja-Laut verbunden — la, va, ra, ya, ha (gilt den Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) — sowie mit einer Gottheit oder einem kosmischen Prinzip wie Brahmā, Viṣṇu, Rudra, Mahat und Avyakta. Dhāraṇā bedeutet hier also nicht nur „Konzentration“ im allgemeinen Sinn, sondern eine symbolisch-energetische Sammlung auf Körperregion, Element, Laut und geistiges Prinzip zugleich.

Form der KonzentrationKörperregionElementBīja / LautGottheit / Prinzip
Pārthivī Dhāraṇā von den Füßen bis zu den Knien Erde la Brahmā
Vāruṇī / Jala-Dhāraṇā von den Knien bis zum Anus Wasser va Viṣṇu
Āgneyī Dhāraṇā vom Anus bis zum Herzen Feuer ra Rudra
Vāyavī Dhāraṇā vom Herzen bis zur Mitte der Augenbrauen Luft ya Mahat
Ākāśī / Nābhasī Dhāraṇā von der Augenbrauenmitte bis zum Scheitel Äther / Raum ha Avyakta, das Unmanifestierte

Siehe auch:

Beitrag: Dharana: Konzentration im Yoga – Praxis, Bedeutung & Alltagstipps

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Frau konzentriert sich auf Kerze, yogische Symbole im Hintergrund. Text: Dharana - Konzentration im Yoga

Dharana: Konzentration im Yoga – Praxis, Bedeutung und Alltagstipps

Wir leben in einer Zeit, in der Zerstreutheit zur Norm geworden ist. Selbst kurze Fokusphasen werden zur Herausforderung. Viele können keinen Film mehr schauen, ohne zwischendurch aufs Smartphone zu schauen.

Dharana, oft als "Konzentration" übersetzt, ist das Gegenteil von Zerstreutheit.

Dieser Artikel liefert dir einen tiefgründigen Blick auf Dharana – die Kunst der Konzentration im Yoga. Er zeigt, was Dharana traditionell bedeutet, wie es sich praktisch im Alltag üben lässt, wo es aus wissenschaftlicher Sicht wirkt, und welche Grenzen oder Missverständnisse es gibt. Du erhältst einen fundierten Leitfaden, wie du mit klarer Aufmerksamkeit bewusster leben kannst – für deine Yogapraxis, aber vielmehr noch für dein tägliches Leben.

Hier weiterlesen: Dharana: Konzentration im Yoga – Praxis, Bedeutung & Alltagstipps

Dhyāna: Meditation als ruhiger Strom

Dhyāna wird meist mit Meditation übersetzt. Während Dhāraṇā noch das aktive Halten der Aufmerksamkeit betont, beschreibt Dhyāna einen ruhigeren, fließenderen Zustand. Die Aufmerksamkeit bleibt beim Gegenstand, ohne ständig neu zurückgezwungen werden zu müssen.

Ein schönes Bild dafür ist ein Ölstrahl, der gleichmäßig fließt: nicht tropfend, nicht unterbrochen, sondern kontinuierlich. In dieser Stufe wird der Geist stiller, durchsichtiger und weniger von sprunghaften Impulsen bewegt.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā steht hier in einer breiten Yogatradition: Meditation ist nicht bloß Entspannung, sondern eine tiefe Form der Sammlung. Sie soll den Menschen zu einer anderen Erfahrung von sich selbst führen.

Meditation auf Yoga-Welten.de

Samādhi: Die tiefe Integration

Samādhi ist das Ziel der meditativen Stufen. Der Begriff bezeichnet eine tiefe Versenkung, in der die gewöhnliche Trennung zwischen Beobachter, Beobachten und Beobachtetem zurücktritt. Je nach Tradition wird Samādhi unterschiedlich erklärt: als Einheitserfahrung, als vollkommene Sammlung, als Stillwerden der mentalen Bewegungen oder als Durchbruch zu befreiender Erkenntnis.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā steht hier nicht allein. Fast alle großen Yogatraditionen sehen in Samādhi mehr als einen angenehmen Ruhezustand. Es geht um eine grundlegende Umwandlung der Wahrnehmung. Der Mensch erkennt, dass sein gewöhnliches Ich-Gefühl nicht die letzte Wirklichkeit ist.

Für heutige Leser ist wichtig: Samādhi sollte nicht romantisiert werden. Es ist kein spiritueller Besitz, kein Erlebnisabzeichen und kein schnell erreichbarer Höhepunkt. In den klassischen Texten ist Samādhi das Ergebnis langer Vorbereitung, ethischer Reifung, körperlicher Stabilisierung, Atemschulung und meditativer Vertiefung.

Einordnung in die Yoga-Philosophie

Die Vasiṣṭha Saṁhitā lässt sich am besten verstehen, wenn man sie neben andere wichtige Yogatexte stellt.

Vasiṣṭha Saṁhitā und Patañjalis Yoga Sūtra

Patañjalis Yoga Sūtra ist der berühmteste systematische Text des klassischen Yoga. Dort steht die Beruhigung der geistigen Bewegungen im Zentrum: Yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ – Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen des Geistes.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā übernimmt oder spiegelt die Struktur des achtgliedrigen Weges, geht aber stärker auf körperlich-energetische Aspekte ein. Während Patañjali Prāṇāyāma behandelt, aber nicht ausführlich in konkreten Atemtechniken denkt, entfaltet die Vasiṣṭha Saṁhitā stärker die Verbindung von Āsana, Nāḍīśuddhi und Prāṇāyāma.

Man könnte sagen: Patañjali gibt eine philosophisch-psychologische Grundarchitektur. Die Vasiṣṭha Saṁhitā zeigt, wie diese Architektur in einer späteren Praxiswelt körperlicher und energetischer ausgestaltet wird.

Vasiṣṭha Saṁhitā und Haṭha Yoga Pradīpikā

Die Haṭha Yoga Pradīpikā ist einer der bekanntesten Texte des Haṭha Yoga. Sie legt großen Wert auf Āsana, Prāṇāyāma, Mudrā, Bandha, Nāḍī, Kuṇḍalinī und Samādhi.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā kann als Vor- oder Parallelstimme in jener Entwicklung gelesen werden, in der die körperlich-energetische Praxis an Bedeutung gewinnt. Sie steht noch deutlich in Beziehung zum achtgliedrigen Yoga, weist aber bereits auf die Welt des Haṭha Yoga voraus.

Vasiṣṭha Saṁhitā und Gheraṇḍa Saṁhitā

Die Gheraṇḍa Saṁhitā beschreibt Yoga besonders systematisch als Schulung des Körpers und des inneren Menschen. Sie spricht vom Körper als Gefäß, das gereinigt, gestärkt, stabilisiert und verfeinert werden soll.

Auch hier gibt es Berührungspunkte: Reinigung, Körperpraxis, Atem, Konzentration und Meditation gehören zusammen. Die Vasiṣṭha Saṁhitā ist jedoch weniger bekannt und wird oft spezieller im Zusammenhang mit dem Verhältnis von Pātañjala Yoga und Haṭha Yoga betrachtet.

Vasiṣṭha Saṁhitā und Yoga Vāsiṣṭha

Die Yoga Vāsiṣṭha darf nicht mit der Vasiṣṭha Saṁhitā verwechselt werden. Sie ist ein umfangreicher philosophischer und erzählerischer Text, in dem Vasiṣṭha den Prinzen Rāma unterrichtet. Ihr Schwerpunkt liegt stärker auf Advaita, Geist, Weltillusion, Erkenntnis und Befreiung.

Die Vasiṣṭha Saṁhitā dagegen ist praxisnäher im yogischen Sinn: Sie behandelt konkrete Stufen des Yogawegs, körperliche und energetische Vorbereitung sowie meditative Techniken. Beide Texte teilen den großen Namen Vasiṣṭha, aber sie gehören nicht einfach in dieselbe Textgattung.

Bedeutung für heutige Yogapraxis

Für heutige Yoga-Übende liegt der Wert der Vasiṣṭha Saṁhitā nicht darin, sie eins zu eins in moderne Kurspläne zu übertragen. Ihr Wert liegt eher darin, den Blick zu vertiefen.

Sie erinnert daran, dass Yoga ursprünglich ein ganzheitlicher Übungsweg war. Körperhaltungen standen nicht isoliert im Mittelpunkt. Sie waren eingebettet in Ethik, Selbstdisziplin, Atemschulung, innere Reinigung, Konzentration und Meditation.

Daraus ergeben sich mehrere praktische Impulse:

  • Yoga beginnt im Alltag. Wie ein Mensch spricht, handelt, konsumiert, begehrt und reagiert, beeinflusst seine Praxis.
  • Āsana ist Vorbereitung. Körperhaltungen können den Körper stabilisieren und den Geist sammeln, sind aber nicht das Endziel.
  • Atem braucht Achtsamkeit. Prāṇāyāma ist wirksam, aber kein Feld für Ehrgeiz und schnelle Steigerung.
  • Feinheit ist wichtiger als Spektakel. Die alten Texte interessieren sich weniger für äußere Wirkung als für innere Durchlässigkeit.
  • Meditation braucht Grundlage. Stille entsteht leichter, wenn Lebensführung, Körper und Atem in dieselbe Richtung arbeiten.

Gerade in einer Zeit, in der Yoga oft zwischen Fitness, Stressmanagement und Lifestyle pendelt, kann die Vasiṣṭha Saṁhitā eine Korrektur anbieten. Sie sagt nicht: Verwerfe den Körper. Sie sagt auch nicht: Vergiss die Meditation. Sie führt beides zusammen.

Kritische Betrachtung: Was bleibt schwierig?

So wertvoll die Vasiṣṭha Saṁhitā für das Verständnis der Yoga-Tradition ist, so wichtig ist ein nüchterner Blick.

Erstens ist die Textgeschichte unsicher. Datierung, Redaktion und Verhältnis zu anderen Werken sind nicht in allen Punkten eindeutig. Wer präzise historische Aussagen macht, sollte sie vorsichtig formulieren.

Zweitens ist die Autorschaft nicht im modernen Sinn zu verstehen. Die Zuschreibung an Vasiṣṭha ist traditionsgeschichtlich bedeutsam, aber keine überprüfbare Autorenangabe nach heutigen Maßstäben.

Drittens sollten Begriffe wie Prāṇa, Nāḍī oder feinstofflicher Körper weder abgewertet noch naiv verabsolutiert werden. Sie gehören zu einer traditionellen Erfahrungs- und Übungssprache. Sie sind hilfreich, wenn man sie innerhalb ihres Systems versteht. Problematisch wird es, wenn sie unkritisch als moderne Anatomie oder medizinische Tatsache ausgegeben werden.

Viertens sind alte Yogatexte keine modernen Gesundheitsratgeber. Sie enthalten wertvolle Einsichten, aber auch Voraussetzungen, Weltbilder und Praxisbedingungen, die sich von heutigen Lebensverhältnissen unterscheiden. Wer Atemverhaltungen, intensive Reinigungspraktiken oder fortgeschrittene Konzentrationstechniken übt, sollte umsichtig vorgehen und im Zweifel qualifizierte Anleitung suchen.

Fünftens besteht die Gefahr romantischer Überhöhung. Nicht alles Alte ist automatisch wahr, heilsam oder für jeden geeignet. Die Stärke einer seriösen Beschäftigung mit Yogaschriften liegt gerade darin, Respekt und Prüfung miteinander zu verbinden.

Fazit: Eine Schrift für alle, die Yoga tiefer verstehen wollen

Die Vasiṣṭha Saṁhitā ist keine einfache Einstiegsschrift und kein moderner Praxisratgeber. Sie ist eher ein Fenster in eine Übergangszeit des Yoga: klassischer achtgliedriger Weg, ethische Disziplin, Körperhaltung, Atem, feinstoffliche Reinigung und Meditation treten in ein gemeinsames Feld.

Gerade dadurch ist sie für Yoga-Interessierte wertvoll. Sie zeigt, dass Yoga nie nur Gymnastik war, aber auch nicht nur abstrakte Philosophie. Yoga erscheint als Weg der Verfeinerung des ganzen Menschen: Verhalten, Körper, Atem, Aufmerksamkeit und Bewusstsein werden Schritt für Schritt geordnet.

Wer heute Yoga übt, muss nicht jeden alten Begriff wörtlich übernehmen. Aber man kann sich von dieser Schrift eine entscheidende Frage stellen lassen:

Dient meine Praxis nur dem Wohlgefühl – oder führt sie mich zu mehr Klarheit, Maß, Sammlung und innerer Freiheit?

Vielleicht liegt genau darin die stille Aktualität der Vasiṣṭha Saṁhitā. Sie erinnert daran, dass Yoga dort beginnt, wo ein Mensch sich ernsthaft auf den Weg macht: nicht laut, nicht spektakulär, sondern mit wacher Aufmerksamkeit, ruhigem Atem und der Bereitschaft, sich selbst zu verwandeln.

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Im Zusammenhang interessant

FunFacts zur Vasiṣṭha Saṁhitā

  • Eine Yogaschrift mit Armkraft: Die Vasiṣṭha Saṁhitā gehört zu den frühen Texten, die nicht nur Sitzhaltungen, sondern auch kraftvollere nicht-sitzende Āsanas wie Mayūrāsana und Kukkuṭāsana beschreiben.
  • Der Pfau vor dem Fitnessstudio: Mayūrāsana, die Pfauenhaltung, wird in der Vasiṣṭha Saṁhitā als eine der frühen nicht-sitzenden Haltungen erwähnt. Damit taucht eine anspruchsvolle Arm-Balance schon lange vor heutigen Yoga-Instagram-Ästhetiken in der Tradition auf.
  • Nicht alles ist Yoga-Matte: Die Vasiṣṭha Saṁhitā umfasst nach der überlieferten Beschreibung nicht nur Yoga, sondern auch Themen wie Friedensrituale, Namensrezitation, Opfer, Astrologie und Gaben. Der Yoga-Teil steht also in einem breiteren religiös-rituellen Zusammenhang.
  • Vasiṣṭha spricht mit seinem Sohn: Im Abschnitt über Nāḍīśuddhi wird die Lehre als Gespräch zwischen dem Weisen Vasiṣṭha und seinem Sohn Śakti dargestellt. Das macht den Text nicht nur lehrhaft, sondern auch erzählerisch.
  • Erst Āsana, dann Nāḍīśuddhi, dann Prāṇāyāma: In der Vasiṣṭha Saṁhitā wird die Reinigung der Nāḍīs nach den Körperhaltungen und vor dem Prāṇāyāma behandelt. Die Reihenfolge zeigt: Atemarbeit soll nicht isoliert, sondern vorbereitet und eingebettet geübt werden.
  • Ein Text zwischen zwei Welten: Die Kaivalyadhama-Ausgabe beschreibt den Yoga Kāṇḍa der Vasiṣṭha Saṁhitā als Text, der eine Balance zwischen Haṭha Yoga und Pātañjala Yoga herstellt. Genau diese Zwischenstellung macht ihn für die Yoga-Geschichte besonders interessant.
  • Alte Quelle, moderne Ausgabe: Eine wichtige moderne Ausgabe des Yoga Kāṇḍa erschien bei Kaivalyadhama; sie enthält Sanskrittext, englische Übersetzung, Anmerkungen und Register. Das zeigt, dass die Schrift nicht nur historisch erwähnt, sondern philologisch bearbeitet wurde.
  • Die Yoga Vāsiṣṭha ist eine andere Baustelle: Trotz des ähnlichen Namens ist die Yoga Vāsiṣṭha ein eigener, umfangreicher philosophischer Text, in dem Vasiṣṭha den Prinzen Rāma unterweist. Wer beide Texte verwechselt, landet schnell bei völlig anderen Themen und Textformen.

Quellen

 

Mehr alte Schriften

Khalil Gibran „Von der Liebe“: Text und Interpretation aus Yogasicht

Khalil Gibran „Von der Liebe“ - Symbolbild

Khalil Gibran „Von der Liebe“: Text und Interpretation aus Yogasicht

Dann sagte Almitra:

"Sprich zu uns von der Liebe."

Und er hob seinen Kopf und blickte auf die Menschen, und es fiel eine Stille über sie. Und mit einer großen Stimme sagte er:

Wenn die Liebe euch winkt, dann folgt ihr,
obwohl ihre Wege hart und steil sind.

Und wenn ihre Flügel euch umhüllen, dann gebt euch ihr hin,
obwohl das Schwert, versteckt unter ihren Flügeln, euch verwunden mag.

Und wenn sie zu euch spricht, dann glaubt an sie,
obwohl ihre Stimme...

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Zusammenfassung Upanishaden & Mahabharata

Seite aus der Bhagavad Gita

Eine kurze Zusammenfassung der Upanishaden und des Mahabharata

Die Upanishaden sind eine Sammlung von Schriften, die im Hinduismus als Bestandteil des Veda (religiöse Texte) eingeordnet werden. "Upanisad" bedeutet im übertragenen Sinne "sich zu Füßen eines Lehrers setzen", die Upanischaden wollen uns also belehren. Viele Gedanken der Yoga Philosophie finden sich in diesen Lehrtexten, speziell in den sogenannten Yoga Upanischaden und im Mahabharata, dem größten Epos aus Indien. Die Texte bieten tiefe Einblicke in die menschliche Existenz, das Universum und die Beziehung zwischen den beiden. Lass uns tiefer in diese faszinierenden Schriften eintauchen und ihre Bedeutung und Anwendung in der heutigen Welt erforschen.

Im Artikel findet sich (auch) eine Sammlung von Volltexten bekannter Upanishaden.

Hier weiterlesen: Zusammenfassung Upanishaden & Mahabharata


Die Mandukya Upanishad (auf Deutsch)

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Die Mandukya Upanishad ist die Kürzeste aller Upanischaden und umfasst lediglich zwölf Verse. Doch diese haben es in sich! Sollen Sie doch (gemäß Radhakrishnan) eine grundlegende Herangehensweise an die Erkenntnis der letzten Realität beinhalten.

Der Inhalt dreht sich hauptsächlich um das Mantra OM und die vier Zustände des Bewusstseins (Wachen, Träumen, Tiefschlaf und einen mystischen vierten Zustand der Erleuchtung – Turiya.

Der Text besteht nur aus 12 Versen. Ich habe eine eigene Übersetzung erstellt, die (hoffentlich) das Gemeinte korrekt wiedergibt, dabei aber verständlicher zu lesen ist.

Hier weiterlesen: Die Mandukya Upanishad (auf Deutsch)


Bhagavad Gita Zusammenfassung verständlich erklärt

Krishna und Arjuna auf dem Streitwagen. Text: Bhagavad Gita Zusammenfassung

Bhagavad Gita Zusammenfassung – verständlich und kompakt erklärt

Die Bhagavad Gita gehört zu den Texten, die sich nicht erschöpfen, egal wie oft man sie liest. Sie ist weder reine Philosophie noch bloße Erzählung, sondern ein Gespräch in einer Extremsituation – zwischen Zweifel und Pflicht, zwischen innerem Widerstand und äußerem Handlungsdruck. Wer sich mit ihr beschäftigt, begegnet weniger fertigen Antworten als einer Art gedanklichem Widerstandstraining. Dieser Artikel ordnet die zentralen Inhalte verständlich ein, klärt Begriffe, korrigiert verbreitete Missverständnisse und zeigt, warum die Gita auch heute noch relevant ist – nicht als Anleitung, sondern als Gegenüber.

Hier weiterlesen: Bhagavad Gita Zusammenfassung verständlich erklärt


Die Katha Upanishad – Auszüge und Erläuterungen

Katha Upanishad - Symbolbild

Die Katha Upanishad – Auszüge und Erläuterungen

Die Kaṭha-Upaniṣad gehört zu den klassischen Haupt-Upanishaden und ist dem Kṛṣṇa-Yajurveda zugeordnet. Ihre genaue Entstehungszeit lässt sich nicht sicher bestimmen; häufig wird sie grob in die zweite Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. eingeordnet. Inhaltlich führt sie mitten in eine der großen Fragen der indischen Philosophie: Was bleibt vom Menschen, wenn Körper, Besitz und äußere Sicherheiten vergehen?

Erzählt wird die Begegnung des jungen Naciketas mit Yama, dem Herrn des Todes. Diese Rahmenhandlung macht die Schrift ungewöhnlich anschaulich: Ein Kind fragt nach dem Geheimnis des Sterbens, und der Tod selbst wird zum Lehrer. Dabei geht es nicht um düstere Jenseitsspekulation, sondern um eine präzise innere Schulung. Die Kaṭha-Upaniṣad unterscheidet zwischen dem bloß Angenehmen und dem wirklich Heilsamen, beschreibt das Selbst als tiefer liegend als Körper und Gedanken und deutet Yoga als Zustand gesammelter, wacher Innerlichkeit.

Die Katha Upanishad ist für Yoga-Interessierte deswegen so besonders, weil sich darin die frühest bekannte Definition von Yoga findet. Diese ergibt sich aus einem Gespräch zwischen dem Jungen Naciketas und Yama, dem Gott des Todes.

Hier weiterlesen: Die Katha Upanishad – Auszüge und Erläuterungen


alte yoga schriften 250

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Weitere oft aufgerufene alte Schriften

Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

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